Handwerk sucht Nachwuchs

Gildenwahl in Göttingen: Plädoyer für die Oberschule

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Gildenwahl in Göttingen: Kreishandwerksmeister Christian Frölich (links) und Geschäftsführer Andreas Gliem (rechts) begrüßten Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (2.v.l.) und den Bundestagsabgeordneten Martin Schulz.

Zu einem Plädoyer für die Oberschule wurde am Montag die Gildenwahl der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen.

Alle Redner waren sich mit Blick auf den Mangel an Auszubildenden einig, dass die berufliche Bildung stärker anerkannt werden müsse.

Kreishandwerksmeister Christian Frölich brachte das Problem aus seiner Sicht auf den Punkt: „Viel zu lang ist gepredigt worden, dass nur das Abitur und eine akademische Ausbildung etwas Wert sind.“ Dabei sei das Handwerk der Konjunkturanker in der Region. Frölich prangerte zudem eine bestehende Ungerechtigkeit an: Studenten können bis zum 25. Lebensjahr über ihre Familien kranken- und pflegeversichert sein. „Warum gilt das nicht auch für eine Ausbildung im Handwerk?“, fragte der Kreishandwerksmeister kritisch. Für seine Branche macht er deutlich: „Wir müssen viele junge Menschen gewinnen, die unsere Häuser nicht nur planen, sondern auch bauen.“

Kritik an vielen Eltern übte Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler: „Die Schulwahl geschieht of mit Blick auf den gesellschaftlichen Status.“ Bei vielen gehe Abitur und Studium über alles. Er berichtete, dass die Abiturquote in Göttingen aktuell bei etwa 70 Prozent liege. „Das entspricht nicht der Normalverteilung“, machte der Verwaltungschef deutlich. Und: Aus seiner Sicht sortiert das Schulsystem mehr junge Leute aus, als dass es sie mitnimmt.

Martin Schulz (SPD), Bundestagsabgeordneter, früherer EU-Parlamentschef und Kanzlerkandidat, war ganz auf dieser Linie: „Die Würde eines Menschen beginnt nicht mit einem akademischen Abschluss“, stellte der Europaexperte klar und bekannte, dass er selbst kein Abitur habe. In seiner Rede ging er auch auf das Thema Brexit ein. Er prognostizierte, dass die Nachteile für die Briten größer sein werden als für die übrigen Europäer.

Nachwuchshandwerker: Kreishandwerksmeister Christian Frölich (rechts) stellte Lukas Bauer aus Hardegsen vor. Er absolvierte eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker Sanitär-Heizung-Klima und ist inzwischen Meister.

Die Gildenwahl ist auch immer Schaufenster für den erfolgreichen Nachwuchs: Diesmal stellte Kreishandwerksmeister Christian Frölich Lukas Bauer (26) aus Hardegsen vor. Er sattelte nach einer Lehre als Forstwirt eine Ausboildung als Anlagenmechaniker Santär-Heizung-Klima drauf und schloss dabei hervorragend ab. Außerdem vertrat er 2016 Deutschland beim internationalen Wettbewerb Euro-Skills und belegte dort Rang fünf. Inzwischen hat er den Meisterbrief in der Tasche und kann sich vorstellen, einen eigenen Betrieb zu leiten.

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