Feuerzangenbowle und Klassik

Gelungene Wiederbelebung: 8000 Menschen kommen zur Göttinger Nikolaus-Party

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Vorbereitung auf die „Feuerzangenbowle“: Nikoläuse kamen vor den Filmvorführungen in die Hörsäle und lockerten die eh schon gute Stimmung unter den Zusehern auf.

Rund 8000 Besucher stürmten zur Neuauflage der Göttinger Nikolausparty in die Säle des Zentralen Hörsaalgebäudes der Uni Göttingen, wie Georg Schneider vom Organisationsteam am Sonntag auf Anfrage mitteilte.

„Sie haben fröhlich, friedlich und ausgelassen bis 4 Uhr morgens gefeiert“, sagte Schneider. Er ist seit 20 Jahren an der Organisation des Kult-Festes beteiligt und war wesentlich für das Revival nach fünf Jahren Pause verantwortlich. Die Idee entstand in den 1990er Jahren als Karsten Leffers, damaliger Chef des Göttinger Uni-Kinos, rund um die Vorführungen der „Feuerzangenbowle“, eine Party etablieren wollte. 

Nicholas Milton

Von Anfang an mit im Boot: das Göttinger Symphonie Orchester (GSO). Es sei „eine verwegene Idee“ gewesen, das GSO in einem solchen Rahmen auf die Bühne zu bringen, doch daraus sei ein „riesen Kult“ entstanden. Logisch, dass es sich der neue GSO-Dirigent Nicholas Milton nicht nehmen ließ, mit seinen Musikern auch bei der Neuauflage mit dabei zu sein. Und die Begeisterung unter dem eher untypischen Publikum für Klassik war zu spüren – genauso wie die Freude der Protagonisten auf der Bühne. 

Zu den besten Zeiten kamen bis zu 14 000 Besucher zur Göttinger Nikolaus-Party. Dass sie so groß wurde, lag auch an Heinz Rühmann, dem Hauptdarsteller der Feuerzangenbowle. „Heinz Rühmann, den wir immer wieder eingeladen haben, hat bei ‘Wetten, dass ...’ von der Nikolaus-Party und den Filmvorführungen erzählt. So ist der Hype entstanden“, erzählte Schneider. 

Und den will das Orga-Team wiederbeleben. 2014 war die Party nach einer schweren Erkrankung des damaligen Organisationschefs abgesagt worden. Das Interesse am Revival 2018 war groß: Sogar der NDR war mit einem Team um Lars Ohlenburg (NDR-Studio Göttingen) da, um einen Bericht für „Hallo Niedersachsen“ (Sonntag, 19.30 Uhr) zu machen.

"Die Feuerzangenbowle": Mitmachen ist Trumpf

Sie galt zu ihren Hochzeiten als Größte ihrer Art in ganz Deutschland: Die Nikolaus-Party im Zentralen Hörsaalgebäude der Uni Göttingen hat am Samstag nach fünf Jahren Pause ein Revival erlebt. Und wie zu guten alten Zeiten strömten wieder tausende von Studis in die Hörsäle, um den Kultfilm „Feuerzangenbowle“ auf eine ganz besondere Art zu erleben.

Die Filmvorführungen bildeten einst den Kern der großen Party – und das ist auch so geblieben. Ich habe mir die Vorführung in Hörsaal 008 um 20.15 Uhr ausgesucht. Am Eingang gibt es ein kleines Säckchen mit einer Mini-Taschenlampe, einer Wunderkerze, einem Lebkuchenherzchen und einer Mitmach-Anleitung. „... nun stelle mer uns janz dumm, und fragen mal: Wie schauen mer eigentlich die Feuerzangenbowle?“, steht darauf. Die Antwort: „Der Kultfilm ‘Die Feuerzangenbowle’ ist nicht einfach irgendein Film. Um ihn richtig zu erleben, musst Du mitmachen.“

Zunächst heizen aber zwei Nikoläuse dem Publikum, wo jeder eine bereitgestellte blinkende Nikolausmütze auf dem Kopf trägt, ein. „Wir machen die Leute bereit für den Film und die Party“, haben sie mir vorher erklärt. Und das machen sie gut: „Wart ihr denn alle schön brav?“, lautet ihre Frage, die sie umgehend selbst beantworten – und zwar mit Nein. „Ich habe gehört, anstatt den richtigen Bachelor zu machen, macht ihr nur den Kneipen-Bachelor. So geht das nicht weiter.“

Zur „Strafe“ müssen wir singen – „Kling, Glöckchen“ in einer abgefahrenen Version: Die erste Strophe wird von den Mädels mit tiefer Stimme intoniert, die zweite Strophe von den Jungs mit hoher Stimme, in der dritten Strophe dürfen dann alle zusammen ran. Ein erster Höhepunkt!

Dann beginnt der Film und nun wird es richtig lustig. Jedes Mal, wenn auf der Leinwand das Glas erhoben wird, geht es auch im Hörsaal hoch her. Irgendjemand ruft „Prost, ihr Säcke!“, und das Plenum antwortet einstimmig: „Prost, du Sack!“ So gut wie jeder ist mit einem alkoholischen Getränk – meist Bier oder Kirschschnaps – versorgt, das Trinken gehört hier einfach dazu, aber immer „nor einen wönzigen Schlock“.

Das große Finale der Filmvorführung: Alle Zuseher zünden die bereitgestellten Wunderkerzen an.

Wenn eine Frau auf dem Bildschirm erscheint, fangen ein paar Männer an zu johlen und zu pfeifen – ganz so wie es in der Mitmach-Anleitung steht. Spaßig! Ohrenbetäubend wird es immer dann, wenn Pfeiffers Wecker klingelt. Viele Zuseher haben entsprechend der Göttinger Feuerzangenbowle-Tradition Klingeln mitgebracht und sichtlich Spaß daran mitzuklingeln.

Ebenfalls lustig: Jedes Mal, wenn „Streber“ Ackermann im Bild ist, rufen alle ganz laut „Ackermann“. Auch mitsingen ist erwünscht, etwa beim Klassiker „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Und zum großen Finale im Chemieunterricht zünden alle ihre Wunderkerzen an.

Insgesamt sind die knapp zwei Stunden „Feuerzangenbowle“ im Göttinger Hörsaal ein einmaliges Erlebnis, übrigens auch ohne Alkohol. Schwierig zu beschreiben – man muss es einfach mal mitgemacht haben. Wer Lust bekommen hat: Auch im nächsten Jahr soll die große Nikolausparty wieder stattfinden. „Ich gehe davon aus, dass wir das fortführen. Es war ein schönes Revival und nach fünf Jahren Pause auch ein gelungener Abend“, sagte Michael Heumos vom Organisationsteam.

Von Andreas Arens

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