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„Haben großen Erfahrungsschatz“: Interview mit Dezernent Schmetz über Bombenentschärfungen

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Von: Thomas Kopietz

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Der Bereich Schützenplatz, S-Arena und Skaterpark in Göttingen.
Bombensondierungen: Östlich der Leine im Bereich Schützenplatz, S-Arena und Skaterpark gibt es fünf Verdachtspunkte. Sie werden am 30. und 31. Juli untersucht, die Blindgänger dann gesprengt oder entschärft. © Stadt Göttingen

Ende Juli 2022 stehen in Göttingen Bombensondierungen an. Dezernent Christian Schmetz im Interview über die möglichen Bombenentschärfungen.

Göttingen – Das letzte Wochenende im Juli (30./31.07.2022) steht in Göttingen im Zeichen der Bombenentschärfung. Der Termin in den Ferien hat sich quasi selbst ergeben, sagt der Dezernent für Ordnung, Christian Schmetz, im HNA-Exklusiv-Interview.

Interview mit Dezernent Schmetz über anstehende Bombenentschärfungen in Göttingen

Christian Schmetz
Christian Schmetz © Privat

Herr Schmetz, es scheint, als endeten die Bombenfunde in der Weststadt nie und die Bewohner fühlen sich wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

Die Belastung für die Menschen dort in dem Viertel ist immer wieder groß. Es ist aber richtig und notwendig, dass die Verwaltung entschieden hat, das Gebiet – auch dank neuer Luftaufnahmeauswertung – systematisch absuchen zu lassen und systematisch zu räumen, wenn es Verdachtspunkte gibt. Noch einmal: Ja, wir muten den Menschen dort viel zu. Aber wir versuchen, stets Rücksicht zu nehmen. Allen Wünschen, wie nach Weiternutzung der Skaterbahn und S-Arena, können wir aber nicht gerecht werden. Man vergisst, dass wir als Gefahrenabwehrbehörde ein Ziel haben, nämlich die Gefahr zu beseitigen – ohne Sach- und Personenschäden.

Warum der Sondierungstermin mitten in den Ferien, am 30. Und 31. Juli?

Wir haben eine sehr komplexe Kampfmittelsondierung und mittlerweile noch fünf Verdachtspunkte, die alle dicht zusammenliegen. Deswegen war klar, dass wir diese Punkte alle gemeinsam beseitigen müssen. Erinnern wir uns an die Vierfachmaßnahme Ende Januar 2021: Damals haben wir sehr lange gebraucht, um die vier Punkte abzuarbeiten. Bei nun zunächst sechs Verdachtspunkten war klar: Wir müssen größer denken, auch, was den Zeitraum angeht. Deshalb der Zwei-Tage-Termin. Bei den technischen Vorerkundungen hat sich glücklicherweise kurzfristig herausgestellt, dass ein Verdachtspunkt negativ ist und wir von fünf zu bearbeitenden Verdachtspunkten für die Maßnahme Ende Juli ausgehen.

Warum dennoch zwei Tage?

Auch, weil die Experten vom Kampfmittelräumdienst nach 12 Stunden hoch konzentrierter Arbeit pausieren müssen. Mal angenommen, es wären bis dahin alle fünf Punkte bearbeitet, dann wäre das super. Aber wir erwarten, dass wir die fünf Kampfmittelsondierungen nicht in 12 Stunden erledigen können. Mit der Konsequenz, dass wir eine Pause von mindestens neun Stunden einlegen müssen. Also von Samstagabend bis in den Sonntagmorgen, je nachdem, wann wir am Samstag starten können.

Welche Vor- und Nachteile hat der Zeitpunkt?

Den Vorteil, dass viele Menschen im Urlaub sind, also eine Abwesenheit geplant haben. Nachteil ist, dass auch von den Helfenden und Einsatzkräften viele Urlaub haben. Deshalb gaben wir den Termin früh bekannt, damit auch das Personal planbar ist, für Hilfsorganisationen, Polizei und Stadtverwaltung.

Das 9-Euro-Bahnticket wird stark genutzt, aber in Göttingen wird der Bahnverkehr am Wochenende ruhen. Droht ein Chaos für Reisende?

Die Bahn ist in unsere Planungen eng mit einbezogen – so war es auch bei der Sondierung/Sprengung im Januar 2021. In diesem Jahr haben wir eine eigene Arbeitsgruppe zu dem Themenbereich ÖPNV und Schienenersatzverkehr, um uns mit Busbetrieben und der Bahn auszutauschen. Die Bahn muss den Zeitrahmen kennen, den kennt sie auch. Sie muss Schienenersatzverkehre frühzeitig planen. Wir können da nichts tun, haben unseren Sperrradius und darin liegt der Bahnhof. Informationen sollte jeder Reisende bei der DB einholen.

Wohin wird der Busbahnhof verlegt?

Die Bahn nutzt den Albaniplatz für den Ersatzverkehr, Fernbusse fahren den Kaufpark an, und der VSN hat für jede Linie individuelle Lösungen erarbeitet. Fahrgäste sollten sich vor Reiseantritt beim jeweiligen Anbieter informieren. Die Stadtbusse fahren statt den Zentralen Omnibusbahnhof nun den Albaniplatz an – für die beiden Tage.

Die Aktion beginnt am Samstag um 6 Uhr – wie ist es möglich, dass das Sperrgebiet dann leer ist?

Um 6 Uhr sollen die Menschen raus sein. Dann beginnen unsere Einsatzteams damit, sich das Gelände anzuschauen – vom Boden und aus der Luft. Die Evakuierungsbusse fahren vorher. Unsere Erfahrung aber ist, dass die Menschen dort in der Weststadt schon so etwas wie Routine haben und es eine hohe Selbstorganisationskraft in dem Viertel gibt. Dafür sind wir dankbar. Wir gehen davon aus, dass einige sicher schon am Freitagabend die Häuser und Wohnungen verlassen werden. Spezialimmobilien wie Altenheime und andere werden schon früher evakuiert, nicht erst am Samstagmorgen. Klar ist, je eher wir mit den Arbeiten beginnen können, desto größer ist die Hoffnung, dass wir schneller durchkommen. Mein Appell lautet: Bitte leisten Sie den Anweisungen Folge, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktion früher beendet ist.

Was passiert, wenn die Evakuierungsunterkunft Felix-Klein-Gymnasium nicht ausreichen sollte?

Es wird die Sammelunterkunft im FKG geben und eine Unterkunft für Corona-Infiziert. Sollten keine Plätze mehr verfügbar sein, wird eine Ausweichmöglichkeit vorhanden sein.

Ist man auch auf Überraschungen gefasst?

Leben in der Lage, heißt der Grundsatz. Wir müssen die Lage immer neu bewerten. Dazu haben wir diese Struktur, die eben das möglich macht – und alle schnell informiert sind. Das ist im Katastrophenschutz das A&O: Lage bewerten, Schlussfolgerungen ziehen, umsetzen. Noch einmal: Ordnungsamt, Polizei, Feuerwehr, Hilfsorganisationen – generell alle Helfer haben einen großen Erfahrungsschatz und sind sehr flexibel.

Wie lange wird Göttingen, Ruhe haben bis zur nächsten Sondierung/Sprengung von Blindgängern?

Zur Erinnerung: Wir hatten etwa 80 Verdachtspunkte in Göttingen ermittelt. Dazu sind nach Zeitzeugenberichten weitere hinzugekommen. Diese müssen wir noch abarbeiten. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst empfiehlt, das ganze Stadtgebiet dort als Risikogebiet zu verstehen. Wir gehen dort weiterhin sehr vorsichtig vor, bei allen Tiefbauarbeiten. Es gilt weiter: Leben in der Lage. Neue Erkenntnisse sind neu zu bewerten. Finden wir jetzt fünf Mal ungefährlichen Metallschrott oder finden wir fünf Bombenblindgänger, die entschärft oder gesprengt werden müssen? In beiden Fällen müssen wir die Lage danach neu bewerten. Fakt ist: Mit unseren Sondierungen und Kampfmittelbeseitigungen sind wir in Göttingen noch lange nicht am Ende und müssen bei Tiefbauarbeiten stets vorsichtig sein. (tko)

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