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Riesiger Cybercrime-Fall: Strafanzeige wurde zu Mammutverfahren für Göttinger Ermittler

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Von: Heidi Niemann

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Leitet die umfangreichen Untersuchungen in dem Cybercrime-Fall mit einem möglichen Gesamtschaden von mehr als 500 Millionen Euro bei der Staatsanwaltschaft in Göttingen: Manuel Recha.
Leitet die umfangreichen Untersuchungen in dem Cybercrime-Fall mit einem möglichen Gesamtschaden von mehr als 500 Millionen Euro bei der Staatsanwaltschaft in Göttingen: Manuel Recha. © Heidi Niemann

Eine internationale Bande soll massenhaft Anleger auf „Fake“-Handelsplattformen abgezockt haben. Bei der Staatsanwaltschaft Göttingen laufen die Ermittlungen zusammen.

Göttingen – Im Februar 2020 erstattet ein Mann aus Göttingen eine Strafanzeige wegen Betruges. Er ahnt nicht, dass er damit eine Lawine lostritt: Sein Fall wird zum Ausgangspunkt des bislang größten Cybercrime-Verfahrens der Staatsanwaltschaft Göttingen. Mehr als eineinhalb Jahre lang ermitteln Strafverfolger aus Göttingen, Braunschweig und Rostock gegen ein internationales Netzwerk von Online-Betrügern, dann schlagen sie zu: Gemeinsam mit ausländischen Spezialkräften durchsuchen sie im Oktober 2021 Objekte in mehreren europäischen Ländern (wir berichteten) und nehmen einen mutmaßlichen Hintermann fest. Inzwischen ist auch der zweite Hauptverdächtige in Haft: „Der 51-Jährige wurde in Österreich festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert“, berichtet der leitende Ermittler bei der Staatsanwaltschaft Göttingen, Manuel Recha.

Die Hintermänner im Göttinger Cybercrime-Fall

Der 51-Jährige soll einer der Hintermänner mehrerer Trading-Plattformen im Internet sein, über die Anleger weltweit um viele Millionen Euro geprellt wurden. Zur Festnahme kam es, als er von Israel nach Bulgarien reisen wollte und dabei einen Zwischenstopp auf dem Flughafen Wien einlegte. Nach seiner Auslieferung habe er zunächst zwei Wochen lang in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft gesessen, berichtet Recha. Mitte Dezember sei der nationale Haftbefehl gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn und weitere Verdächtige wegen einer Vielzahl von Fällen des gewerbsmäßigen und bandenmäßigen Betruges.

Die Dimension des Schadens steht noch nicht fest. Die Ermittler haben zunächst die Datenbank einer Plattform namens „Fx-Leader“ ausgewertet. Schätzungen von Ermittlern zufolge könnten es über 500 Millionen Euro sein.

Göttinger lässt sich durch digitale Köder in Cybercrime-Falle locken

Die Cyberkriminellen hatten ihre Opfer über massenhaft versandte Emails rekrutiert, in denen erfundene Geschichten über Prominente wie beispielsweise Günter Jauch verbreitet wurden, die mit bestimmten Finanzinstrumenten angeblich ein Vermögen verdient hätten. Interessierte Anleger wurden so auf Plattformen mit Namen wie „Fx-leader.com“ gelockt, die angeblich mit Finanzderivaten - so genannten binären Optionen - handelten.

Auch der Göttinger war auf eine solche Plattform geraten und entschloss sich, in das dort angebotene Geschäft einzusteigen. Er registrierte sich mit seinen Daten, zahlte ein Startkapital von 250 Euro ein und konnte dann anhand vermeintlicher Echtzeit-Kurven auf dem Bildschirm verfolgen, dass sich die Investition offenbar gelohnt hatte und hohe Renditen heraussprangen.

Göttinger Anleger bringt Ermittler auf richtige Spur im Cybercrime-Fall

Der Göttinger ließ sich überreden und investierte nach und nach insgesamt 250 000 Euro, bis ihm vor zwei Jahren klar wurde, dass man ihn abgezockt hatte. Er ging zur Polizei und erstattete Strafanzeige. Die Ermittler stellten sehr schnell fest, dass nicht nur er, sondern auch viele weitere Anleger einem riesigen „Fake“ aufgesessen waren: Der Handel mit Finanzderivaten, die visualisierten Kursverläufe – alles war nur vorgetäuscht. Das eingezahlte Geld war nirgendwo angelegt worden, sondern bei einer global agierenden Bande von Cyber-Kriminellen gelandet.

„Das ganze System war auf Verschleierung ausgelegt“, sagt Staatsanwalt Recha. Aufgrund der internationalen Verzweigungen und Geldwäsche-Aktivitäten der Bande seien die Finanzermittlungen ausgesprochen schwierig und sehr aufwändig gewesen. Im Fall des Göttinger Anlegers gelang es den Fahndern, durch schnelles Eingreifen zumindest einen Teil der von ihm gezahlten Einlagen auf einem maltesischen Konto zu sichern. Die Göttinger Strafverfolger arbeiteten dabei eng mit der Staatsanwaltschaft Rostock zusammen, wo ebenfalls mehrere Strafanzeigen von geschädigten Anlegern eingegangen waren. Um die Verflechtungen der international agierenden Bande entwirren zu können, mussten die Spezialisten der Cybercrime-Fachkommissariate der Polizei in Braunschweig und in Rostock viele digitale Spuren verfolgen.

Mammutverfahren für Göttinger Ermittler im Cybercrime-Fall

Im Oktober vergangenen Jahres schlugen die Ermittler dann in vier europäischen Ländern zu. Schon die Vorbereitungen waren eine große Herausforderung, weil rechtzeitig vor dem sogenannten „Action Day“ zahlreiche Rechtshilfeersuchen und Durchsuchungsbeschlüsse verfasst und in die jeweilige Landessprache übersetzt werden mussten. Schließlich war es soweit: Mehr als 100 Einsatzkräfte durchsuchten in einer konzertierten Aktion zahlreiche Wohn- und Geschäftsräume in Bulgarien, der Ukraine, den Niederlanden und auf Zypern.

Die Ermittler vermuten, dass die Software für die betrügerischen Plattformen in Israel entwickelt wurde. Auch der zweite Hauptbeschuldigte stammt von dort.

Die Ermittler stehen nun vor einer weiteren Mammutaufgabe: Sie müssen die riesigen Datenmengen auswerten, die bei den Durchsuchungen angefallen sind. Allein bei der Staatsanwaltschaft Göttingen sind inzwischen bereits mehr als 100 Aktenbände zusammengekommen. (Heidi Niemann)

Hintergrund: Vermeintlich lukrative Investitionsgeschäfte werden den Opfern angeboten

Beim sogenannten „Cyber Trading Fraud“ werden nach Angaben der Polizei potenzielle Anleger im Internet zu Geldzahlungen für vermeintlich lukrative Investitionsgeschäfte verleitet.

Angeworben werden die Opfer über Internet-Werbeanzeigen, soziale Netzwerke, Anrufe aus eigens geschaffenen Call-Centern oder Massenmails. Die Tätergruppierungen arbeiten mit unzähligen Tarn- und Scheinfirmen in einer konzernähnlichen Struktur. Aufgaben wie Marketing, Call-Center-Betrieb, Softwareentwicklung und Geldwäscherei werden unabhängig voneinander arbeitsteilig unter einer Führung erledigt.

Die Plattformen sind nach Polizeiangaben „sehr professionell“ gestaltet und täuschen anfangs hohe Gewinne vor, um die Opfer zu weiteren Zahlungen zu verleiten.

Das bezahlte Geld wird nicht angelegt, sondern verschwindet im kriminellen Netzwerk. (bsc)

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