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Trotz hoher Motiv-Dichte: Warum so wenig Göttingen im Göttingen-„Tatort“ war

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Von: Thomas Kopietz

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Göttingen dient als Drehort unter anderem als Kulisse für mehrere „Tatort“-Episoden. Sven Schreivogel erklärt im Interview, was die Stadt für Filmproduktionen bietet.

Göttingen – „Da war aber wenig Göttingen zu sehen.“ Diese Aussage war öfter von den Besuchern und Zuschauern der Cinemaxx-Preview des jüngsten Göttingen-Tatorts „Die Rache an der Welt“ zu hören. Auch im Netz war das ein genannter Kritikpunkt am ansonsten wegen des brisanten Themas gelobten NDR-Krimis.

Mit Sven Schreivogel vom Göttinger Filmbüro sprachen wir über die Problematik, dass wenig Göttingen-Szenen im Tatort zu sehen waren. Die Schauspielerinnen Maria Furtwängler und Florence Kasumba würden gerne häufiger in Göttingen drehen, wie sie sagten.

Sven Schreivogel im Interview über Göttingen als Drehort

Originaldrehort in Göttingen: Für die jüngste Göttingen-„Tatort“-Folge „Die Rache an der Welt“ ermittelte Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) auch in einem Göttinger Friseur-Salon. „Die waren alle sehr nett zu mir“, schilderte Furtwängler hinterher. Ihr macht das Drehen am Spielort Göttingen Spaß.
Originaldrehort in Göttingen: Für die jüngste Göttingen-„Tatort“-Folge „Die Rache an der Welt“ ermittelte Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) auch in einem Göttinger Friseur-Salon. „Die waren alle sehr nett zu mir“, schilderte Furtwängler hinterher. Ihr macht das Drehen am Spielort Göttingen Spaß. © Christine Schroeder/NDR

Selbst die wichtigen Szenen im Göttingen-Tatort am „Kiessee“ und auf einem Sportplatz wurden nicht in Göttingen, sondern in Hamburg gedreht. Sind dafür nur Kosteneinsparungen der Grund?

Zur Einordnung: Aus filmischer Sicht ist das normal. Da unterscheiden wir zwischen dem realen und einem Fernseh-Göttingen. Gut erklärbar ist das am Beispiel der ZDF-Serie Wilsberg oder des WDR-Tatorts mit Kommissar Thiel und Professor Boerne. In beiden Fällen ist der Spielort Münster, gedreht wird aber vor allem in Köln, im Atelier. Das ist auch eine Frage der Kosten. Wird ein TV-Film beispielsweise in Hamburg produziert, sind die Leute der Filmcrew in der Regel dort ansässig. Das Thema Unterbringung und Kosten dafür entfällt. Erkennbar ist, dass bei NDR-Serien ein Radius mit Fahrzeit von einer Stunde um Hamburg gezogen wird. Auch für „Rote Rosen“ in Lüneburg war dies anfangs ein Entscheidungskriterium.

War das auch zur Zeit des Göttinger Filmateliers in den 50er- und 60er-Jahren so?

Genau. Das war nicht anders. Die meisten Filme spielten gar nicht in Göttingen. Für Grabenplatz 17 beispielsweise diente die Hugo-Junkers-Straße in der Südstadt als Kulisse für Szenen in Hannover. Wir alle kennen diese Handhabung durch die Edgar-Wallace-Filme: Anfangs wurde London von Kopenhagen, später von Hamburg und Berlin gedoubelt. Sogar in Göttingen sollte für „Der rote Kreis“ gedreht werden, dazu kam es dann aber nicht wegen einer Terminverschiebung der Dreharbeiten.

Zurück zum Tatort: Hätte es dafür nicht auch in Göttingen genügend prima Drehorte gegeben?

Selbstverständlich hätte es all diese Motive zu „Die Rache an der Welt“ auch in Göttingen gegeben. Der Kiessee ist allemal eine perfekte Kulisse für Film- und Fernsehproduktionen. Und die Szenen beim fiktiven Fußballverein „Rot-Weiß Leine“ hätte man genau so beim ESV Rot-Weiß in Göttingen-Grone drehen können. Für Filmemacher geht es aber auch um visuelle Wirksamkeit. Und die entspricht nicht immer den tatsächlichen Gegebenheiten.

Zuschauer waren sauer, dass Göttingen so wenig zu sehen war. Können Sie das verstehen? Entsteht daraus gar ein Imageschaden für den NDR?

Die Reaktionen sind natürlich zu verstehen. Mir geht es ja nicht anders. Ob sich dadurch aber ein Imageschaden für den Sender herleiten lässt, vermag ich nicht zu sagen. Bereits bei der Auftaktepisode „Das verschwundene Kind“ hatte das heimische Publikum recht gemischt auf Charlotte Lindholms ersten Fall aus Göttingen reagiert, weil die Stadt auch schmutzig und düster gezeigt worden war. Nun ist ein fiktionaler Stoff aber kein Imagefilm. Im Vordergrund steht hier immer die Geschichte, zu der eine passende Bebilderung gesucht wird. Göttingens Stärke ist neben der Lage mitten in Deutschland insbesondere auch die hohe Dichte an Motivvielfalt auf überschaubarem Raum. Dazu gehört nicht nur Fachwerk, sondern auch das Iduna-Zentrum. Bei der dritten Episode „National feminin“ hatte ich erstmals den Eindruck, dass seitens der Tatort-Macher jetzt ein Gespür für die Stadt vorhanden ist, aus inhaltlicher wie auch aus motivlicher Sicht.

Könnte auch deshalb der nun geringe Anteil an Göttingen-Szenen darauf hindeuten, dass der NDR das Ermittler-Duo Lindholm/Schmitz wieder aus Göttingen abziehen will?

Nein, das lässt sich daraus nicht ableiten. In diesem speziellen Fall dürfte auch der Corona-Einfluss seinen Teil dazu beigetragen haben. Aufgehorcht hatte ich lediglich bei einer Bemerkung des NDR-Intendanten Joachim Knuth in der Talkrunde während der Preview. Da äußerte er sich zu einer etwaigen Rückkehr Charlotte Lindholms nach Hannover.

Knuth sagte: Diese Frage sei noch völlig offen, was nicht gut für den Spielort Göttingen klingt.

Diese Möglichkeit der Hannover-Rückkehr ist derzeit nur spekulativ.

Wie wichtig ist der Tatort in ihrem Bemühen, Göttingen wieder stärker zurück auf die Landkarte der Film- und Fernsehproduktionsorte zu bringen?

Der Tatort präsentiert den Drehort Göttingen zur allerbesten Primetime. Ein größeres Geschenk hätte uns der NDR gar nicht machen können. Inzwischen haben wir ein Paket mit geeigneten Einzel- und Serienstoffen zusammengestellt, die wir in Kürze bei Nordmedia und bei TV-Produzenten vorstellen werden. Vereinfacht könnte man sagen: Göttingen muss man nicht erklären, Göttingen ist Tatort-Stadt! Wie bekannt aber das einstige Filmzentrum in der Branche auch heute noch ist, das hat uns doch sehr verwundert – und natürlich auch sehr gefreut.

Gab es bereits Kontakte seitens der Tatort-Produktionsfirma mit Ihnen? Sie haben auch ein Kataster für Drehorte in der Region Göttingen erstellt?

Am Rande der Preview hatte ich das erste Mal Gelegenheit, kurz mit einem der verantwortlichen Redakteure zu sprechen. Zuvor gab es in Sachen „Tatort“ noch keinen Kontakt, auch nicht zu den Produktionsfirmen Filmpool Fiction und Nordfilm.

Wären Sie für eine Kooperation, Unterstützung bezüglich der Drehorte in der Region bereit – unter welchen Bedingungen?

Wir möchten anbieten, das Filmbüro und die Drehort-Initiative in solche Prozesse mit einzubeziehen. Denn die Motivsuche ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Und wir werden bereits von außerhalb als Agentur wahrgenommen. Üblicherweise kommt ein Location Scout nur für kurze Zeit in die Stadt, mitunter nur wenige Tage. Dem Drehbuch entsprechend hält er Ausschau nach Motiven. Unsere Drehort-Initiative ist quasi ein Gegenentwurf dessen. Unsere Intimkenntnis der Stadt und des Umlandes, laufend erweitert durch Location-Touren in Südniedersachsen, Nordhessen, dem nordwestlichen Thüringen und Ostwestfalen, versetzt uns in die komfortable Lage, aus der Stadt, aus der Region heraus ein reichhaltiges Motivangebot aufzuzeigen. (tko)

Zur Person

Sven Schreivogel, (Jahrgang 1972), ist Film- und Hörspielproduzent, Schauspieler und Journalist. Er ist Kopf der Drehort-Initiative, hat das Filmbüro Göttingen gegründet und arbeitet an einer Ausstellung zur Göttinger Filmhistorie. Er will die Region als Spielort für TV-Serien und Filme etablieren. (tko)

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