In Gedenken an jüdische Kaufmannsfamilie

Emotionale Erinnerung an die eigene Geschichte: 17 Stolpersteine in Göttingen verlegt

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Emotionale Erinnerung: Das Geigenspiel des THG-Schülers Linus Shastri trug zur berührenden Stimmung bei der Stolpersteine-Verlegung in der Innenstadt bei. Links Ernst Böhme vom Göttinger Geschichtsverein und Leiter des Städtischen Museums.

Sie glänzen golden und erinnern doch an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte: Am Montag wurden in Göttingen 17 Stolpersteine verlegt, die an die jüdische Kaufmannsfamilie Gräfenberg erinnern sollen.

Ihr Schicksal steht exemplarisch für das Leid, das die Nazis über jüdische Familien, auch in Göttingen und der Region, brachten.

Neun der Steine verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig vor der C&A-Filiale an der Weender Straße. Das Haus beherbergte bis 1935 das Textilkaufhaus Louis Gräfenberg, das damals von den Familien Richard und Hugo Gräfenberg betrieben wurde. Acht weitere Stolpersteine sind jetzt vor dem ehemaligen Wohnhaus von Meta Müller, geborene Gräfenberg, in der Bühlstraße 28a zu sehen. „Die Steine werden hier verlegt, weil es der letzte freiwillig gewählte Wohnort der Familie war“, sagte Dr. Maria Rhode, Vorstandsmitglied bei der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, bei der Verlegung.

Acht Stolpersteine wurden an der Bühlstraße 28a verlegt.

Angehörige kamen aus den USA

Anwesend waren auch insgesamt 13 Angehörige der Familien Gräfenberg, Müller, Eisenstein und Rosenberg, die auf eigene Kosten aus den USA angereist waren. So auch Irene Stadt, die in Sacramento (Kalifornien) lebt. Ihr Großvater war Richard Gräfenberg, der den Nationalsozialismus überlebt hat und später in die USA einwanderte. Sie war 1949 das erste Familienmitglied, das nicht in Deutschland, sondern in den Vereinigten Staaten geboren wurde. Für sie war die Veranstaltung emotional sehr bewegend, vor allem wegen der Erinnerung an ihre Mutter, die Tochter von Richard Gräfenberg.

Ihre Mutter habe so gut wie nie etwas über das Schicksal ihrer Familie erzählt, sagt Stadt auf Englisch. „Sie wollte nicht über die Vergangenheit sprechen. Es ging damals vor allem darum, in der amerikanischen Gesellschaft anzukommen.“ Heute bereue sie es, nicht mal nachgefragt zu haben. Und sie bereue es auch, nie Deutsch gelernt zu haben, „obwohl damals mit uns auf Deutsch gesprochen wurde“.

Schüler hielten Reden

Besonders toll fand Stadt, dass an der Aktion Schüler des Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) beteiligt waren. Vor dem ehemaligen Textilkaufhaus Gräfenberg an der Weender Straße trugen sie die Geschichte der Familie Gräfenberg und des Kaufhauses vor. Die Mitglieder des Geschichts-Leistungskurses der 12. Klasse am THG hatten sich dem Thema bereits am 9. November mit einer Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht gewidmet.

THG-Schülerinnen trugen die Familiengeschichte vor.

„Es ist einfach wichtig, etwas über die jüdische Geschichte in Deutschland zu lernen. Wenn es wie jetzt dabei um die eigene Stadt geht, ist die Geschichte näher, anfassbarer“, sagte Leonie Seidel. Sie und ihre Mitschüler haben die Vortragstexte selbst geschrieben und im Unterricht zusammen überarbeitet. Irene Stadt fand den Vortrag einfach nur überwältigend ohne Worte. Aus Dank an die Schüler hat sie dem Kurs um Lehrer Mathias Behn sogar eigens ein Geschenk besorgt.

Zurück in der Heimat der Ahnen

Auch Jessica Gray – die Familie änderte nach der Einreise in die USA ihren Namen von Gräfenberg in Gray – war sichtlich gerührt von der Verlegung der Stolpersteine und dem Vortrag der Schüler. „Unglaublich, dass eine Schulklasse all das geschaffen hat“, sagte sie auf Englisch. Sie hofft, dass dies auch ein Zeichen für die Zukunft der deutsch-jüdischen Beziehungen ist. Gray ist zum ersten Mal in Göttingen und es bedeutet ihr viel, in der alten Heimat ihres Ur-Großvaters etwas über die Familiengeschichte zu lernen.

Die neun Stolpersteine an der Weender Straße.

Irene Stadt hingegen kennt Göttingen schon. Sie war 1987 im Rahmen einer Rad-Tour durch sieben europäische Länder hier. Sie ist nach wie vor angetan von der Stadt „I love Göttingen“, sagte sie. Als begeisterte Radfahrerin gefällt es ihr, dass hier so viele Menschen mit dem Rad unterwegs sind und geeignete Wege vorfinden.

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