Ein Zerrspiegel der 20er-Jahre

Erich Kästners „Fabian“ feiert Premiere am Deutschen Theater in Göttingen

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Bilder vom Unterwegssein: Gerd Zinck (von links), Gregor Schleuning, Florian Eppinger und Marius Ahrendt in einer Szene von „Fabian“.

Göttingen. Die Welt erdrückt ihn. Er geht an ihr zu Grunde. Starke Bilder hat Regisseurin Ruth Messing für die Dramatisierung von Erich Kästners Roman „Fabian“ gefunden. 

Mit andauerndem Applaus und Bravo-Rufen belohnte das Publikum im Deutschen Theater in Göttingen bei der Premiere am Samstag die stringente Arbeit. 

Ein Mann sitzt auf der Bühne, er liest Zeitung. Allein sitzt er vor einer gefliesten Wand, vielleicht wartet er auf eine U-Bahn. Was er liest, erfahren die Zuschauer aus den Schlagzeilen, die als Projektion auf die Fliesen über ihm geschoben werden. Fabian ist einer, der unterwegs ist. In Episoden erfährt man seine Geschichte.

In einem Club zur Beziehungsanbahnung trifft Fabian die sexbesessene Irene Moll genauso wie Cornelia Battenberg. Sie ist anders. Er beginnt, von einer Zukunft mit ihr zu träumen. Doch am Schluss steht er vor einem Scherbenhaufen: Fabian verliert seinen Job als Werbetexter, sein bester Freund Labude erschießt sich, Cornelia verlässt ihn. Sie wird Filmschauspielerin über das Bett des Filmdirektors. Auf der Suche nach einem Sinn für sein Leben will Fabian einen Jungen aus dem Wasser retten. Er kann nicht schwimmen und geht unter.

Lediglich drei Schauspieler, Gregor Schleuning als Fabian – treibend, Marius Ahrendt als Labude – kämpferisch und Gaia Vogel als Cornelia – karrieregeil, bleiben an eine Figur gebunden. Florian Eppinger, Christina Jung, Rebecca Klingenberg und Gerd Zinck springen von einer Rolle in die nächste, werden Sinnbild für die unruhige Zeit in den späten 1920er-Jahren. Um seine Einsamkeit und Ziellosigkeit zu verdecken, stürzt sich Fabian in die Nachtclubs. Im Hintergrund brodelt die politische Verschiebung hin zum Nationalsozialismus. Austauschbar sind Fabians Begleiter. Unter dem Pianisten Michael Frei komplettieren sie sogar seine kleine Liveband (Musik zur Zeit von Fabian Kuss).

Mit vielen Ideen haben Dramaturgin Sonja Bachmann und die Regisseurin Kästners Roman als Zerrspiegel der Zeit in ein theatertaugliches Schauspiel verwandelt. Erfolgreich haben sie Fabians Frage, ob er den Kennenlern-Club besuchen soll, zum Running Gag durch ihr gut gebautes Schauspiel entwickelt. Marius Ahrendt als Labude spricht dessen Abschiedsbrief an Fabian selbst – ungebrochen bleibt so seine große Enttäuschung. Viele Passagen aus dem Roman werden von einem der Akteure erzählt, der Zuschauer kann so verfolgen, wohin Fabian treibt. Wie ein Chor rezitiert das Ensemble das Ertrinken – der Tod wird erbarmungsloser Schlusspunkt.

Eine funktionale Bühne hat Johannes Frei für das episodenhafte Drama gebaut: Aus den drei Nischen im U-Bahn-Schacht als Zeichen für das Unterwegssein werden Redaktionsbüro, Nachtbar, Mietzimmer. Durch viele zunächst unsichtbare Klappen wachsen die Räume nach Bedarf zusammen. Mit kleinen Zeichen wie Labudes noblen Schuhen gelingt es Frei, soziale Unterschiede auf den ersten Blick sichtbar zu machen. Der Premierenbeifall zeigte: Es lohnt, sich für „Fabian“ auf den Weg zu machen.

Wieder am 19.3. und 30.4. um 10.45 Uhr, am 3.4. um 20.30 Uhr. Karten: 0551/49603000. dt-goettingen.de

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