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Fingierte Geldübergabe nach Schockanruf in Göttingen: Nun steht das Urteil fest

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Von: Heidi Niemann

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Die Polizei nimmt im Sommer 2022 eine Trickbetrügerin bei der Geldübergabe in Göttingen fest. Nun muss die 22-Jährige für mehr als ein Jahr in Haft.

Göttingen – Rund vier Monate nach einem gescheiterten Betrugsversuch durch einen sogenannten Schockanruf hat sich am Freitag eine 22-jährige Frau vor dem Amtsgericht Göttingen verantworten müssen. Das Gericht verurteilte die einschlägig vorbestrafte Frau wegen versuchten Betruges in besonders schwerem Fall zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten.

Die Polizei hatte die bereits einschlägig vorbestrafte Angeklagte im Juni nach einer fingierten Geldübergabe in der Oberen-Masch-Straße in Göttingen festgenommen. Seitdem sitzt sie in der Justizvollzugsanstalt in Hildesheim in Untersuchungshaft. Dass die Betrugsmasche in diesem Fall scheiterte, lag an der Reaktion des 68-jährigen Göttingers, der im Sommer den Schockanruf erhalten hatte.

Nach einem Schockanruf in Göttingen steht nun das Urteil fest. (Symbolfoto)
Nach einem Schockanruf in Göttingen steht nun das Urteil fest. (Symbolfoto) © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Schockanruf: Rentner kooperiert mit der Polizei – Geldabholerin wird in Göttingen verhaftet

Die damalige Anruferin berichtete ihm, dass sie bei Rot über eine Ampel gefahren sei und dabei einen Fußgänger tödlich verletzt habe. Der Rentner ging davon aus, dass seine Ehefrau am Apparat war. „Sie war nicht zuhause, und das Auto war auch weg“, berichtete er während seiner Zeugenvernehmung vor Gericht. „Die Geschichte hörte sich so brutal an, dass ich nicht in der Lage war, das anzuzweifeln.“

Die Geschichte hörte sich so brutal an, dass ich nicht in der Lage war, das anzuzweifeln.

Betrugsopfer

Danach habe eine angebliche Anwältin das weitere Gespräch übernommen und ihm mitgeteilt, dass er seine Frau gegen eine Kaution von 50.000 Euro davor bewahren könne, in Untersuchungshaft zu müssen. Als er darauf hinwies, dass seine Bank an diesem Nachmittag geschlossen sei, habe die Anwältin im Internet eine Filiale gefunden, die noch geöffnet hatte.

Anschließend habe sie nach seiner Handynummer gefragt, ihn auf dem Mobiltelefon angerufen und aufgefordert, die Verbindung so lange aufrechtzuerhalten, bis das Geld für die Kaution beschafft und übergeben war.

Schockanruf bei Göttinger Rentner: Senior sollte 50.000 Euro für seine Frau zahlen

Nachdem er sich ein paar Minuten lang besonnen hatte, sei ihm das Ganze aber komisch vorgekommen, berichtete der 68-Jährige. Er habe dann von seinem Festnetz aus die Polizei angerufen und gefragt, ob es einen tödlichen Unfall gegeben habe. Als er den Ermittlern den Schockanruf schilderte, wurden diese sofort hellhörig.

Sie verabredeten, dass der Rentner zu der Bankfiliale kommen und den Anschein erwecken sollte, als würde er sich das Geld für die Kaution auszahlen lassen. Währenddessen trafen die Beamten die entsprechenden polizeilichen Vorkehrungen.

Als der Rentner die vermeintliche Anwältin informiert hatte, dass er das Geld beschafft habe, nannte sie ihm als Übergabeort die Adresse Obere Masch-Straße 9. Der 68-Jährige radelte mit seinem E-Bike dorthin und stellte fest, dass dies das frühere Gefängnisgebäude war. Daraufhin sagte ihm die Anwältin, dass er zum Platz der Synagoge kommen solle. Sie würde eine Kollegin dort vorbeischicken. Dort kam dann eine junge Frau auf ihn zu und sagte: „Ich soll hier was übernehmen.“

Nachdem sie den Umschlag in Empfang genommen hatte, traten die Polizeibeamten hinzu und nahmen die 22-Jährige fest. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Angeklagte am Vorabend unter einem falschen Namen in einem 5-Sterne-Hotel in Nörten-Hardenberg eingecheckt hatte. Den Zimmerpreis von rund 300 Euro habe sie in bar bezahlt, berichtete ein Ermittler.

22-jährige angeklagte Trickbetrügerin brauchte Geld, um ihre Tochter zurückzubekommen

Mit seinem Urteil blieb das Gericht unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Diese hatte die Tat als versuchten bandenmäßigen Betrug gewertet und eine Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren gefordert.

Der Verteidiger plädierte dagegen auf eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren. Seine Mandantin habe sich nur als Abholerin betätigt, dafür habe sie 2.000 Euro erhalten sollen. Seinen Angaben zufolge hatte sie das Geld gebraucht, um ihr Kind behalten zu können. Ein Roma-Gericht habe ihre kleine Tochter ihrem Ex-Mann zugesprochen, weil sie fremd gegangen sei. Gegen eine Abstandszahlung von 10.000 Euro sollte sie das Kind jedoch behalten können.

Das Gericht hielt der Angeklagten zwar zugute, dass sie sich geständig gezeigt habe. Allerdings sei sie einschlägig vorbestraft und habe die Tat unter laufender Bewährung begangen. Dies zeuge von einer hohen kriminellen Energie. (pid)

Verwandte Themen: Immer wieder erbeuten Betrüger in der Region mit Telefonmaschen und Schockanrufen hohe Summen – zumeist sind Rentner die Opfer. So haben unbekannte Betrüger eine Seniorin im Kreis Göttingen mithilfe von WhatsApp-Nachrichten um mehrere tausend Euro erleichtert. In Duderstadt hat eine aufmerksame Bank-Angestellte eine Geldübergabe an Schockanrufer verhindert.

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