Uni Göttingen

Göttinger Wissenschaftler forscht zu Anfängen des Handels in Nordwesteuropa 

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Gewichtsreferenzierter tordierter Goldring „Gold bar torc“ (Länge etwa 15 Zentimeter; Gewicht 367,1 Gramm) aus Castlemount (Dover), Kent, England. 

Göttinger Forscher bestätigt Hypothese: Die Menschen in Nordwesteuropa haben bereits im späten zweiten und frühen ersten Jahrhundert vor Christus Feingewichte benutzt.

Die Feingewichte nutzten die Menschen, um den materiellen Wert von Handelswaren zu messen. Das hat Prof. Dr. Lorenz Rahmstorf, Wissenschaftler an der Universität Göttingen und Leiter des ERC(Europäischer Forschungsrat)-Projekts „Weight an Value“ herausgefunden.

Er hat Goldobjekte aus der mittleren und späten Bronzezeit von den britischen Inseln und aus Nordwestfrankreich verglichen und dabei festgestellt, dass sie auf der gleichen Gewichtseinheit basieren.

Rechtwinkliges Bronzegewicht (Länge etwa 4,8 cm; Gewicht 29,8 g) aus Salcombe, Devon, England.

Damit bestätigt er die Hypothese der Forschergruppe des Projekts, dass metrologisches Wissen – also Kenntnisse über Maß- und Gewichtseinheiten – bereits damals in vielen Regionen Europas bekannt war. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Antiquity erschienen.

Genaue Gewichtseinheiten für Wertrelationen

Bislang nahmen viele Historiker an, dass Austausch während der Bronzezeit in Nordwesteuropa in erster Linie sozial eingebettet war, beispielsweise als Geschenktausch. 

Die Existenz genauer Gewichtseinheiten ermöglichte den Menschen jedoch schon damals, Wertrelationen zwischen verschiedenen Waren wie Metallen – vielleicht auch für Wolle und Getreide – präzise darzustellen, Gewinne zu berechnen, Währungen zu erschaffen und abgemessene Metallmengen anzusammeln.

„Offenbar standen hinter dem Austausch bereits damals auch wirtschaftliche Interessen von Handelspartnern“, erläutert Rahmstorf, Direktor des Seminars für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen. „Wir können also durchaus von regelrechtem Handel sprechen.“

Großräumige Weitergabe von Wissen

Überraschend am nun erbrachten statistischen Nachweis der Gewichtseinheit ist, dass sie sehr gut kompatibel und womöglich sogar identisch mit der dominanten ostmediterranen Gewichtseinheit der Zeit ist. 

Das wäre ein Anzeichen, dass metrologisches Wissen großräumig weitergegeben und möglicherweise über reisende Händler vermittelt wurde.

Es war bekannt, dass Menschen in den technologisch fortschrittlichen Schriftkulturen des Ostmittelmeerraums und Westasiens, Griechenland, Ägypten oder Mesopotamien, solche Gewichte und Waagen als Hilfsmittel benutzt wurden.

Die neuen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass dieses Wertbemessungssystem auch in vielen, wenn nicht gar allen Teilen des prähistorischen bronzezeitlichen Europas üblich waren. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir die Komplexität des frühen Warenaustauschs und des Handels während der Bronzezeit in Europa bislang unterschätzt haben“, betont Rahmstorf. ana/pug

Drei Fragen an Lorenz Rahmstorf

Prof. Dr. Lorenz Rahmstorf forscht an der Uni Göttingen am Institut für Prähistorie und Frühe Geschichte, dessen Direktor er seit 2017 ist. Wir sprachen mit ihm über die Anfänge des Handels in Nordwesteuropa während der Bronzezeit.

Welche Bedeutung hat Ihre Entdeckung der kompatiblen Gewichtseinheiten auf die weitere Erforschung der Bronzezeit?

Das Bestreben nach Kompatibilität ist ein interessantes Ergebnis. Bei einer statistischen Analyse Hunderter bronzezeitlicher Gewichte aus Mitteleuropa und Italien ergaben mögliche Gewichtseinheiten bei circa 10 oder 20 Gramm statistisch signifikante Ergebnisse.

Das Problem ist, dass wir auf europäischen Gewichten außer in Griechenland keine Markierungen oder Beschriftungen auf den Objekten finden, die eine Gewichtseinheit implizieren, wie sie im Ostmittelmeerraum (etwa 93 Gramm) bekannt sind. 

Auch 10 oder 20 Gramm sind ungefähr mit 93 kompatibel, wenn man die Präzision nicht zu hoch ansetzt – etwa bei der Duplizierung von Gewichten, es Schwankungen gab und man erlaubte Toleranzen in Betracht zieht.

Kann aus Ihren Ergebnissen gefolgert werden, dass ein lückenloses Handelsnetz vom östlichen Mittelmeer bis nach Westeuropa bereits im 2. Jahrtausend vor Christus bestand?

Ein lückenloses Handelsnetz zwischen diesen Regionen gab es nicht. Vorhanden waren regionale Austauschsysteme, die sich überlappten. Wir versuchen im Moment auch mit naturwissenschaftlichen Methoden – Isotopenanalyse, aDNA – die Nutzer von Waagen und Gewichten zu definieren.

Waren sie vielleicht oft Fremde? Möglicherweise war diese spezielle Personengruppe von besonderen Bedeutung für den überregionalen Austausch.

Die Beherrschung des Metall-Handels spielte in der Bronzezeit wahrscheinlich eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Gesellschaften. Lassen sich anhand Ihrer Entdeckung gesellschaftliche Entwicklungen ableiten, die nicht dem Forschungsstand entsprechen?

Diese These wird tatsächlich oft angenommen, und ist wahrscheinlich, ist aber bislang nicht empirisch bewiesen worden. Hier versuchen wir im Moment Analysemethoden aus der modernen ökonomischen Forschung auf die archäologische Datenlage anzuwenden.

Eine gewisse Eigenständigkeit der bronzezeitlichen Gesellschaften bei der Entwicklung würde ich keinesfalls ausschließen.

Informationen zum Projekt „Weight and Value“ online: uni-goettingen.de/de/572018.html 

Originalveröffentlichung: Lorenz Rahmstorf. Scales, weights and weight-regulated artefacts in Middle and Late Bronze Age Britain. Antiquity 2019.

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