Ausstellung zu NSU-Morden

Fotoausstellung zum NSU-Terror beschäftigt sich mit dem Leid der Opfer

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Vor dem Beginn der Vernissage zur Fotoausstellung „4074 Tage. Tatorte des NSU“: Gabriele Reckhard (links) erklärt Mitgliedern der Göttinger und Duderstädter Geschichtswerkschaften (rechts Lisa Grow) ihr Konzept.

In Göttingen ist eine Foto-Ausstellung über die Tatorte der NSU-Morde eröffnet worden. Die Fotografin Gabriele Reckhard will mit ihren Bildern die zehn Tatorte sichtbar machen.

Die Ausstellung zeigt die zehn Orte, an denen rechtsradikale Täter des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zehn Menschen ermordet haben.  „4074 Tage. Tatorte des NSU“ heißt die Fotoschau, die Reckhard ursprünglich im Rahmen der Diplomarbeit ihres Fotodesign-Studiums konzipierte. Die Bilder entstanden 2017.

4074 Tage lagen zwischen dem ersten Mord der NSU und dessen Aufdeckung (September 2000 bis November 2011). Neun Opfer waren Männer mit Migrationshintergrund, das zehnte die Polizistin Michèle Kiesewetter. Alle wurden an ihren Arbeitsplätzen hingerichtet.

Zur Ausstellungseröffnung, zu der die Geschichtswerkstatt Göttingen und das Haus der Kulturen in die Räumlichkeiten der Dauerausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945“ eingeladen hatten, gedachten die Anwesenden den Mordopfern mit einer Schweigeminute.

Morde aus Rassismus

Lisa Grow vom Vorstand der Geschichtswerkstatt Göttingen erklärte zu Beginn der Vernissage: „Der vom NSU ausgeübte Terror ist Teil eines Kontinuums rassistischer und politisch motivierter Übergriffe, Anschläge und Morde in Deutschland. Der zugrunde liegende Rassismus ist weder neu noch ein Randgruppenphänomen, sondern in der Mitte der Gesellschaft verankert.“

Sie machte auch auf begleitende Vorträge und Diskussionen zur Ausstellung, die bis zum 2. Februar in der Godehardstraße 11 zu sehen ist, aufmerksam.

Die Einführungsrede hielt Annegrit Berghoff vom Bündnis „Kein Schlussstrich“. Sie betonte, wie diffamierend und beschämend die Ermittlungsarbeit für die Hinterbliebenen war: „Die Angehörigen der Opfer, die Überlebenden haben von Anfang an darauf hingewiesen, dass es sich um rassistische Morde handelte. 

Niemand wollte ihre Stimmen hören 

Doch niemand wollte ihre Stimmen hören. Die Ermittlungsbehörden, die Politikerinnen, die Medien und der Rest der Gesellschaft hat ihre Erfahrungen und ihr Wissen um Rassismus komplett ignoriert.“

Das war für Ausstellungsmacherin Gabriele Reckhard auch der Grund, sich mit dem Thema NSU ausführlich zu beschäftigen. Sie hat viele Bücher und Interviews gelesen, bevor sie im Rahmen ihrer Diplom-Arbeit auf die Idee kam „das Leid der Angehörigen fotografisch zu verarbeiten“, wie sie selbst sagt.

Tatorte aus zwei Perspektiven fotografiert

Die zehn Tatorte sind immer aus zwei Perspektiven fotografiert, zwischen den beiden Bildern – im Zentrum der Austellungsobjekte – steht jeweils ein Text, in dem die Angehörigen der Opfer zitiert werden. „Es sind die Dinge, die für mich besonders bedrückend waren, Originalsätze, die die Ermittlungen betreffen“, erklärt Reckhard. So werde auch klar, dass mit den Morden explizit gut integrierte türkische Migranten getroffen werden sollten.

Dass es dennoch keine Ermittlungen in der rechten Szene gab und dass die Gesellschaft das so hingenommen habe, möchte sie auch mit ihren Fotos ausdrücken: „Ich habe beim Fotografieren meine Perspektive eingenommen. Man hat das so unkritisch hingenommen und nicht hinterfragt.“

Orte wirkten sehr starr 

Insgesamt wirken die Orte sehr starr, kein Mensch ist zu sehen, die Geschäfte sind geschlossen, der Himmel immer grau. Das ist gewollt, wie Reckhard, die für alle Fotos eine 50er Brennweite benutzte, erklärt. Sie habe die Bilder zudem stark farbentsättigt, um einen Verfremdungseffekt zu erzielen.

Offene Führungen gibt es am Sonntag, 24.11., Dienstag, 10.12. und Sonntag, 19.1.

Die Ausstellung hing zuvor im Bildungszentrum der IG Metall in Sprockhövel. Für 2020 sind bereits viele weitere Ausstellungsorte geplant, unter anderem Chemnitz.

Offene Fragen zum NSU-Mord in Kassel

Vorträge mit anschließender Diskussion:

  • „Der NSU-Prozess: Eine kritische Bilanz. Was das Münchener Mammutverfahren geleistet hat – und was nicht“ (Donnerstag, 28. November, 19 Uhr, in der Oberen-Masch-Straße 10): Thies Marsen, ein Hörfunkjournalist aus München hat den NSU-Prozess vor dem Münchener Oberlandesgericht über die gesamten fünf Jahre beobachtet, unter anderem für den Bayrioschen Rundfunk. Nun zieht er kritisch Bilanz
  •  „Der NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel. Die Fragen bleiben“ (Dienstag, 3. Dezember, 19 Uhr, in der Oberen-Masch-Straße 10): Alexander Kienzle, der Rechsanwalt des Vaters von Halit Yozgat, spricht über Ungereimtheiten bei dem Mord in einem Kasseler Internetcafé am 6. April 2006. Unter anderem war ein Beamter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz zur Tatzeit vor Ort.
  • „Lauter und mutiger. Strategien gegen den Rechtstrend in der deutschen Gesellschaft“ (Montag, 20. Januar, 19 Uhr, in der Godehardstraße 11): Autor Imran Ayata entwickelt Strategien gegen einen gesellschaftlichen Diskurs, der sich in den vergangenen Jahren nach rechts verschoben hat.
  • „Es ist noch lange nicht zu Ende. Kassel nach den rechtsextremen Morden an Halit Yozgat und Walter Lübcke“ (Sonntag, 2. Februar, 14.30 Uhr, in der Godehardstraße 11): Ayse Gülec von der Kasseler „initiative 6. April“ sprocht über offene Fragen beim Mord an Halit Yozgat und die Gefahr durch die örtliche Neonazi-Szene, die sich etwa beim Mord an Walter Lübcke gezeigt hat

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