Wirklicher Friede herrscht noch nicht"

Friedensarbeit im ehemaligen Jugoslawien - Göttinger Sozialwissenschaftler macht Workshops

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Der Göttinger Sozialwissenschaftler Gerhard Krauth engagiert sich seit 25 Jahren im ehemaligen Jugoslawien.

Mit Workshops zur Nutzung erneuerbarer Energien bringt der der 75-jährige Göttinger Sozialwissenschaftler Gerhard Krauth Bosniaken, Kroaten und Serben miteinander ins Gespräch.

Göttingen – Seit 25 Jahren engagiert sich das Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft im ehemaligen Jugoslawien. „Die blutigen Kriege von Anfang der 90er-Jahre sind lange vorbei, aber wirklicher Frieden herrscht deswegen noch immer nicht“, meint der Pazifist. In Kroatien und Serbien gebe es bis heute starke nationalistische Gruppen, die an einer Aufarbeitung der Kriegsverbrechen kein Interesse hätten.

In Bosnien kontrollierten Dschihadisten, die zum Teil für den Islamischen Staat in Syrien und dem Irak gekämpft hätten, abgelegene Dörfer. „Die drei Staaten Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien kämpfen zudem mit wirtschaftlichen Problemen“, beobachtet der promovierte Sozialwissenschaftler, der Industriekaufmann gelernt hat und später – nach dem ersten und zweiten Staatsexamen – als Lehrer tätig gewesen ist.

Viele junge Kroaten wanderten in andere Teile der Europäischen Union aus. Der Klimawandel führe zu Versteppung und Überschwemmungen. An einer aktiven Klimaschutzpolitik hätten die Regierungen jedoch aufgrund großer Kohlereserven in der Region kaum Interesse.„Staaten wie die Türkei, Russland oder China gewinnen auf dem Westbalkan an Einfluss“, berichtet Krauth.

Die Europäische Union müsse gegensteuern und den Ländern eine Beitrittsperspektive bieten. Allerdings falle es Bosnien, das sich seit dem Dayton-Abkommen von 1995 in drei autonome Teilrepubliken gliedere, das Sprechen mit einer Stimme schwer. Und Serbien suche den Schulterschluss mit Russland.

„Je länger die Kriege zurückliegen, umso mehr verlieren die Deutschen den Westbalkan aus den Augen“, bedauert Krauth. Er habe es heute schwerer als vor 25 Jahren, Gelder für seine Projekte einzuwerben. Seine Arbeit werde nicht zuletzt von einem 30-köpfigen Freundeskreis getragen. 2000 Euro benötige er, um einmal im Jahr mit Partnern vor Ort einen Workshop mit jeweils 20 Teilnehmern zu organisieren.

„Unsere Partnerorganisationen im früheren Jugoslawien sind Anfang der 90er-Jahre mit Göttinger Unterstützung entstanden“, sagt Krauth. Das erste Projekt, das sie gestartet hätten, sei der Bau von Gewächshäusern in einem Flüchtlingslager in Kroatien gewesen. In grenzüberschreitenden Projekten hätten sie die Anfänge des Biolandbaus unterstützt, was in Kroatien zur Etablierung eines Biolabels beigetragen habe.

Auch Workshops zur Kompostierung von Bioabfällen habe es gegeben. Später seien die Seminare zum Klimaschutz und zur Nutzung erneuerbarer Energien dazugekommen, die er bis heute fortführe.

„Projekte zur Stärkung der Zivilgesellschaft helfen den Frieden auf dem Westbalkan zu sichern“, kommentiert Kamal Sido von der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker. Sido hofft auf den Einfluss jugoslawischer Gastarbeiter und ihrer Nachfahren in Deutschland. Sie sähen die Geschichte differenzierter als viele Menschen in ihrer alten Heimat.

VON MICHAEL CASPAR

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