Verbrechen im Stil des 21. Jahrhunderts

Internet bringt Kriminellen neue Möglichkeiten: Smart Home im Landkreis Göttingen angegriffen

Das vernetzte Zuhause: „Smart Home“-Systeme werden immer beliebter. Doch Kriminelle haben die Technik längst für ihre Machenschaften entdeckt.
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Das vernetzte Zuhause: „Smart Home“-Systeme werden immer beliebter. Doch Kriminelle haben die Technik längst für ihre Machenschaften entdeckt.

Das Internet bot Betrügern im Landkreis Göttingen die Möglichkeit das „Smart Home“ eines Ehepaars auszunutzen. Plötzlich stand die Polizei vor ihrer Tür.

Göttingen – Diesen Tag wird das Ehepaar aus dem Landkreis Göttingen so schnell nicht vergessen. Völlig überraschend stehen morgens mehrere Polizisten vor ihrer Tür. Die Beamten teilen mit, dass man wegen des Verdachts der Computerkriminalität ermittele.

Über das Internet der Familie sei Geld von einem gehackten Konto abgebucht worden, deshalb sollten sämtliche internetfähigen Geräte beschlagnahmt werden. Die Eheleute sind fassungslos. Sie sind sich keiner Schuld bewusst und zudem beruflich auf ihre Computer angewiesen. Statt sofort alle Geräte sicherzustellen, überprüfen die Cybercrime-Experten vor Ort die IT-Ausstattung der Familie und machen eine Entdeckung: Ein vor mehreren Jahren installiertes „Smart Home“-System ist nicht ausreichend gesichert. Ein Unbekannter konnte so ihre private IP-Adresse ausspähen und für Internet-Betrügereien nutzen.

Landkreis Göttingen: Das 2007 installierte „Smart Home“-System hatte mehr Komfort und Sicherheit versprochen

Die Eheleute sind erleichtert, dass die Ermittler der Task Force Cybercrime aus Göttingen den Verdacht gegen sie so schnell aus der Welt räumen konnten. Gleichzeitig sind sie schockiert darüber, dass ausgerechnet ihr „Smart Home“ als Eingangstor für Internetkriminalität diente. Schließlich hatten sie sich von der 2007 installierten Haustechnik nicht nur mehr Komfort, sondern auch mehr Sicherheit versprochen. Ein Vorteil solcher Systeme besteht darin, dass man sich per Smartphone, Tablet oder PC mit dem lokalen Netzwerk verbinden und die vernetzten Geräte im Haus bedienen kann.

Um Einbrecher abzuschrecken, lassen sich zum Beispiel die Jalousien oder die Beleuchtung über das Internet so steuern, dass der Anschein erweckt wird, dass jemand im Haus ist.

Landkreis Göttingen: Der Betrüger hat sich auf zweifache Weise Zugang zu Daten verschafft - Internet bot ihm die Möglichkeit

Genau diese Zugriffs- und Steuerungsmöglichkeiten hatte sich jedoch auch der bislang unbekannte Täter verschafft. Er nutzte eine systemimmanente Sicherheitslücke, die vor rund zwei Jahren entdeckt wurde. Der betroffene Smart-Home-Anbieter habe damals auf seiner Internet-Seite über die aufgedeckte Schwachstelle informiert und Nutzern geraten, ein System-Update vorzunehmen, sagt Task-Force-Mitarbeiter Swen Weiland aus Göttingen. Die Eheleute hatten diese Warnhinweise jedoch nicht gesehen und die Software daher auch nicht aktualisiert. „Cyberkriminelle machen sich so etwas sofort zunutze und suchen mit Hilfe von so genannten Bots das Internet nach unzureichend geschützten lokalen Systemen ab“, erläutert der Informatiker.

In diesem Fall hatte sich der Internet-Betrüger auf zweifache Weise Zugang zu privaten Daten verschafft, indem er sich sowohl in das Smart Home des Ehepaares als auch in das Konto eines Mannes aus der Grafschaft Bentheim „einhackte“. Er rief diesen an, gab sich als Bankmitarbeiter aus und erklärte, dass es durch einen technischen Fehler eine Überweisung auf dessen Konto gegeben habe. Um diese angebliche Fehlbuchung schnell korrigieren zu können, benötige er eine TAN-Nummer. Der Angerufene generierte die TAN und teilte sie dem angeblichen Bankmitarbeiter mit. Dieser überwies sodann 3000 Euro von dessen Konto auf ein Fremdkonto. Um nicht identifiziert zu werden, nutzte er dabei die ausgespähte IP-Adresse des Ehepaares.

Wegen der nichtbehobenen Sicherheitslücke war deren private IP-Adresse offen zugänglich gewesen. „Der Täter konnte über das Internet in die Smart-Home-Zentrale eindringen, ohne dafür ein Passwort eingeben zu müssen“, sagt der Leiter der Ermittlungsgruppe der Task Force Cybercrime, Jörg Gottschalk.

Jörg Gottschalk: Er leitet die Ermittlergruppe der Task Force Cybercrime.

Landkreis Göttingen: Mehr Sicherheit für durch das Internet vernetzte Geräte im Haushalt

Digital gesteuerte und vernetzte Systeme können die Sicherheit verbessern, bergen allerdings auch Risiken. Nutzer von Smart Home-Systemen sollten daher entsprechende Schutzvorkehrungen treffen, um so zu vermeiden, dass Daten durch Dritte mitgelesen und sie dadurch ausgespäht werden können, sagt der Beauftragte für Kriminalprävention der Polizeiinspektion Göttingen, Polizeihauptkommissar Marko Otte. Besonders wichtig sei zudem, digital gesteuerte Fenster und Rollläden gegen unbefugte Betätigung zu sichern.

Smart Home und Internet: Hier einige weitere Sicherheits-Tipps der Präventionsexperten aus Göttingen

Verlassen Sie sich bei vernetzten Geräten nicht darauf, dass an einzelnen Komponenten Sicherheitselemente installiert wurden. Ein einziges Sicherheitsprodukt ergibt noch kein schlüssiges Sicherungskonzept.

Aktualisieren Sie regelmäßig die Betriebssoftware Ihrer Komponenten und installieren Sie aktuelle Sicherheitsupdates. Nutzen Sie alle vorhandenen Sicherheitselemente und Einstellungen Ihrer Geräte.

Nutzen Sie nur die Geräte und Komponenten, die Sie wirklich brauchen. Schalten Sie Geräte immer vollständig aus, wen sie nicht benötigt werden.

Benutzen Sie sichere Passwörter, die aus möglichst vielen Zeichen zusammengesetzt sind. Verwenden Sie Kombinationen von großen und kleinen Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen. Nutzen Sie für verschiedene Zugänge auch unterschiedliche Passwörter.

Speichern oder verwenden Sie nur die Daten, die für eine gewünschte Funktion wirklich notwendig sind. Deaktivieren Sie nicht benötigte Funktionen und Schnittstellen in den Konfigurationseinstellungen des Gerätes.

Verbinden Sie Ihre Geräte nur dann mit dem Internet, wenn es wirklich nötig ist, zum Beispiel für Updates oder wenn Sie entsprechenden Funktionen nutzen wollen. Stellen Sie sicher, dass Ihre Geräte nicht automatisch, sondern nur dann mit dem Internet verbunden werden, wenn Sie das wollen.

Schützen Sie Ihr WLAN. Nutzen Sie WLAN-Verschlüsselung, damit Daten nicht von jedermann mitgelesen werden können.

Weitere Informationen gibt es im Internet. (Heidi Niemann)

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