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„Qualität muss vor Ökonomie stehen“: Interview mit UMG-Vorstand Lorenz Trümper

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Von: Thomas Kopietz

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Lorenz Trümper, Vorstand der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), spricht im Interview über die neuen Krankenhausgesetze. Er betont, dass Qualität dabei immer Vorrang haben muss.

Göttingen – Die deutsche Krankenhauslandschaft steht durch neue Gesetze vor einer Umwälzung. Das betrifft unter anderem die Vergütung von Leistungen sowie die finanzielle Grundausstattung der Kliniken. Die Reaktionen auf die Präsentation der Konzepte sind unterschiedlich.

Mediziner loben, dass so eine gerechtere Vergütung, auch für Operationen und Leistungen in Kliniken geschaffen wird, andere monieren, so Kinderärzte, dass für diesen – unterfinanzierten – Bereich weiterhin zu wenig Geld da sein wird.

Göttingen: UMG-Vorstand Lorenz Trümper im Interview über die neuen Krankenhausgesetze.

Freut sich: Vorstand Prof. Lorenz Trümper.
Freut sich: Vorstand Prof. Lorenz Trümper. © UMG/NH

Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. Lorenz Trümper, Vorstand Krankenversorgung, der Universitätsmedizin Göttingen (UMG).

Wie beurteilen Sie die geplanten Neuregelungen: Ist sie ein überfälliger erster Schritt oder mehr?

Die gesetzliche Regelung, sowohl für die Kindermedizin wie für die Geburtshilfe nicht nur die erbrachten Leistung, sondern auch die sogenannte Vorhalten zu bezahlen, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Allerdings decken die vorgesehenen Summen (etwa 70 Euro pro Geburt) keinesfalls den Aufwand, den die UMG hat und nicht aus den Fallpauschalen (DRG) decken kann. Die notwendige Steuerung nach Bedarf – wie viele Geburtskliniken benötigen wir, und wo? – oder Qualität erfolgt hiermit allerdings auch nicht.

Die DRG´s führten auch dazu, dass lukrative Behandlungen/OPs gerne und öfter durchgezogen wurden, andere weniger – so schlossen Kliniken nicht lukrative Abteilungen, was auch zu Engpässen führte (Geburtshilfe etc.). Warum wird die Neuregelung daran etwas ändern?

Hier können erst die Empfehlungen der Regierungskommission, die eine teilweise Abkehr vom DRG System darstellen, Abhilfe schaffen. Das Pflegeentlastungsgesetz adressiert Kinder- und Jugendmedizin, Geburtshilfe sowie die Pflegepersonalmindestmengenregelung. Eine Krankenhausplanung, die den Bedarf – regional – in den Versorgungsregionen sichert und festschreibt wie auch die Qualität adressiert, ist vom Land Niedersachsen vorzulegen und zu fordern.

Sie sind Vertreter eines Maximalversorgers – schon seit Jahren fordern Sie und andere in Deutschland eine solidere finanzielle Grundausstattung für Uni-Kliniken. Jetzt ist die Einteilung in drei Klinik-Typen vorgesehen. Welche Risiken der Finanzierung blieben?

Wir benötigen eigentlich fünf Stufen – auf der unteren Stufe Grund- und Regelversorger mit Notversorgung sowie Häuser mit Ambulanter Versorgung ohne Notversorgung: Dies empfiehlt die Kommission von Prof. Karl Lauterbach. Oberhalb der Maximalversorger müssen für die 36 Universitätskliniken besondere Aufgaben in Versorgung – seltene und sehr schwere Erkrankungen –, Steuerung, wie in der Corona-Pandemie, und Beratung definiert werden. Niedersachsen hat drei universitäre Versorger (Anm. d. Red.: Hannover, Göttingen und Oldenburg), die diese Rolle für unser Bundesland sehr gut wahrnehmen könnten. Aber die Finanzierung für diese Aufgaben ist nicht gesichert, hier lässt der Vorschlag der Regierungskommission auch noch nicht erkennen, wie diese Finanzierung für Unikliniken gestaltet werden soll. Der Gesetzesentwurf muss folgen!

In der Pflege soll das Personal neu bemessen werden, sollen neue Schlüssel gelten – wie und wann wird sich das auswirken?

Dies wird sich, dem Gesetz zufolge, zeitnah auswirken. Konkret werden im neuen Pflegeschlüssel, der zunächst ein Jahr lang erprobt werden soll, Mindestmengen im direkten Bezug zur Belastung der einzelnen Stationen und Kliniken gefordert. Schwierig wird es, genügend qualifizierte Pflegefachkräfte zu gewinnen.

Hybrid-DRG´s sollen nun auch ambulanten Praxen ermöglichen, OP´s zu machen, die nur Kliniken machen durften – was bewirkt das in der UMG? Brechen Einnahmen weg? Wird es dort mehr ambulante Eingriffe geben?

Es ist zu früh, hier qualifizierte Aussagen zu machen. Zunächst ist vorgesehen, dass Krankenhäuser Diagnostik und Therapie mit reduzierten DRGs abrechnen sollen, wenn die Patienten zu Hause übernachten. Allerdings sollen die Kliniken dafür haften, wenn dann nachts zu Hause eine medizinische Komplikation auftritt. Dies und die Entfernungen, die Patienten zur UMG zurücklegen müssen, wird die Gestaltung dieser neuen Abrechnungsform sicher nicht erleichtern. In einem weiteren Entwurf zur Ambulantisierung wird vorgeschlagen, eine große Anzahl von DRGs künftig nur noch ambulant erbringen zu lassen. Hierfür müssen die Krankenhäuser neue Strukturen einrichten, da die Kassenarztpraxen jetzt schon häufig an der Grenze der Belastbarkeit sind.

Sie sind Praktiker: Da bestimmte, hochspezialisierte Leistungen den Maximalversorgern zustehen sollen, brächte das auch eine höhere Qualität und bessere Behandlungserfolge mit sich?

Ein eindeutiges Ja. Sowohl die Regelung der Mindestmengen des Gemeinsamen Bundesausschusses, wie erste Ansätze zu Leistungsgruppen in der Regierungskommission weisen hier den richtigen Weg. Nur aufgrund guter Erlöse Leistungen zu erbringen, für die die Expertise und die Strukturen im Krankenhaus fehlen, ist der für Patienten falsche Weg. Dies ist in der Onkologie in diesem Jahr in zwei Studien bewiesen worden, unter anderem von der AOK: Patienten in zertifizieren Onkologischen Zentren haben ein bis zu 20 Prozent besseres Überleben. In Niedersachsen werden aber nur 50 Prozent der Krebspatienten in solchen Zentren behandelt. Die UMG hält in ihrem Onkologischen Zentrum als einziger Versorger in Südniedersachsen 19 zertifizierte Zentren vor. Das ist ein Qualitätsgewinn für Patienten und Gesundheitsdienstleister!

Ihr knappes Fazit und Ergänzungen.

Im Sinne unserer Patienten muss sich Behandlungsqualität vor ökonomischen Interessen durchsetzen. Ich hoffe, dass die Empfehlungen der Regierungskommission von Bund und Ländern ernst genommen werden. (Thomas Kopietz)

Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Links das Zentralgebäude, rechts die beiden Bettenhäuser, gebaut in den 70er-Jahren. Der Neubau soll 2024 endlich starten und bis Mitte der 2030er-Jahre dauern.
Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Links das Zentralgebäude, rechts die beiden Bettenhäuser, gebaut in den 70er-Jahren. Der Neubau soll 2024 endlich starten und bis Mitte der 2030er-Jahre dauern. © Thomas Kopietz

Zur Person

Prof. Dr. Lorenz Trümper (64) ist seit Mai 2020 Vorstand Krankenversorgung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und war zuvor Direktor der UMG-Klinik für Hämatologie/Medizinische Onkologie. Der Rheinländer studierte in Aachen, Freiburg, Dublin und Karlsruhe. Trümper ist verheiratet, hat fünf Kinder. Er lebt in Göttingen. (tko)

Verwandte Themen: Die Uni-Klinik Göttingen verzeichnet zurzeit weniger Corona-Patienten, doch der tägliche Kampf mit Infektionen stellt das Personal vor Herausforderungen. In der weltweiten Fachkliniken-Hitliste des US-Magazins Newsweek schneidet die Uni-Klinik Göttingen gut ab, Herzzentrum und Gastroenterologie sind dabei besonders stark.

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