Göttingen

Kein Körperkontakt während Corona-Krise: Professionelle Kuschlerin hilft

Während der Corona-Pandemie wurde Körper-Kontakt für viele seltener. Doch in Göttingen ist professionelles Kuscheln nun wieder erlaubt. 

Göttingen/Witzenhausen – Was machen Berührungen mit der Seele? Was passiert, wenn Menschen auf Körperkontakt verzichten müssen? Bei Medizinern und Psychologen ist unbestritten: Berührungen sind für den Menschen lebenswichtig. Nun, in der Corona-Pandemie, können sie auch zum Risiko werden. Deshalb sehen sich einige Menschen gezwungen, in dieser Zeit auf Berührungen zu verzichten.

Göttingen: Besonders hart trifft das in der Corona-Pandemie Menschen, die sich Berührungen wünschen

Das kann negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben. Anandi aus Witzenhausen ist professionelle Kuschlerin. Als studierte Psychologin weiß sie, wie sich menschliche Berührungen auf Körper und Geist auswirken. Langfristig führe ein Mangel an Körperkontakt zur Unausgeglichenheit, das Stresslevel steigt, Emotionen können schwieriger aufgearbeitet werden, es entsteht das Gefühl des Alleingelassenseins. All das habe letztlich auch Auswirkungen auf den Körper, etwa indem das Immunsystem geschwächt werde, erklärt Anandi.

Besonders hart trifft das während der Corona-Pandemie die Menschen, die sich Berührungen eigentlich wünschen, nun aber keine oder nur noch sehr eingeschränkte Möglichkeiten dazu haben. Oder die Menschen, die sich ohnehin ungeliebt fühlen. Werde der Mangel an Geborgenheit besonders stark wahrgenommen, entstehe ein regelrechter Hunger auf Berührungen, sagt Anandi. Das verstärke die negativen Gefühle noch einmal.

HNA-Volontärin Dorothea Wagner (rechts) besuchte Anandi 2018.

„Und dann kommt noch die Ohnmacht dazu, dass man es nicht beeinflussen kann. Man fühlt eine Art Kontrollverlust. Es fehlt einem etwas, das man nicht so leicht auffüllen kann“, beschreibt die Kuschel-Expertin die Folgen von mangelnden menschlichen Berührungen.

Göttingen: Das Kuschelhormon

Wieso reagiert unser Körper so extrem auf fehlenden Körperkontakt? Die Lösung könnte im Hormon Oxytocin liegen. Es wird auch als „Kuschel“- oder „Wohlfühl-Hormon“ bezeichnet. Ausgeschüttet wird es bei Berührungen der Haut, dem größten menschlichen Sinnesorgan. „Nähe und Berührung sind das erste, was ein Kind nach der Geburt braucht“, sagt Anandi. Aus entwicklungspsychologischer Sicht hat Oxytocin Auswirkungen auf das Kindeswachstum.

Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass durch fehlende Berührung und mangelnde körperliche Zuneigung in der Kindheit irreversible Schäden in der körperlichen und geistigen Entwicklung entstehen können. Nicht ohne Grund berühren sich die uns genetisch sehr nahestehenden Menschenaffen 10 bis 20 Prozent der Zeit am Tag, wie Anandi erklärt.

Anandi ist professionelle Kuschlerin.

Auf der physiologischen Ebene senkt Oxytocin den Cortisol-Spiegel, was Stress-Abfall zur Folge hat. Es wirkt schmerzstillend und stärkt das Immunsystem. Auf der psychologischen Ebene erzeugt Oxytocin vor allem Geborgenheit. „Wir fühlen uns, als ob alles im Moment richtig ist. Es steigert das Vertrauen in sich und andere, vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Es hilft auch bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit“, sagt Anandi.

Göttingen: Kuscheln mit Bäumen

Berührungen mit anderen Menschen sind also unverzichtbar. Im geringen Maße kann man sie aber auch ersetzen wie Anandi erklärt. Zum Beispiel mit liebevollen Selbstberührungen, etwa mit Finger- oder Fußmassage. „Generell sollte man dem eigenen Körper dann vermehrt Aufmerksamkeit widmen mit bewussten Bewegungen oder Sport“, so die Psychologin. Natürlich helfe auch die Berührung von Tieren oder auch Pflanzen. „Jede Form von taktilen (den Tastsinn betreffend, Anm. der Red.) Reizen setzt Oxyticin frei, zum Beispiel auch das Umarmen von Bäumen.“

Als Geheimtipp hat Anandi eine ganz simple Form der Berührung parat: das Kuscheltier. „Alles, was weich und sanft ist, hilft. Ich führe eine Fernbeziehung und habe mir ein großes weiches Kuscheltier zugelegt, dass ich gerne umarme“, verrät die Kuschel-Expertin.

Göttingen: Kuscheln wieder erlaubt

Anandi kann trotz Corona-Beschränkungen nun wieder ihrem Beruf als Kuschlerin nachgehen. „Wir orientieren uns dabei an den Richtlinien, die auch für Masseure oder Kosmetiker gelten“, sagt die Witzenhäuserin.

Zu ihr kommen Leute – meist aus Südniedersachsen und Nordhessen –, die einen Mangel an Berührung verspüren. Meist seien es Menschen, die eher schüchtern und unsicher seien und nicht viel Erfahrung mit Berührungen haben. Es gebe aber auch Leute, die das Kuscheln ohne sexuelle Dimension als eine Art „Wellness“ nutzen, berichtet Anandi aus dem Berufsalltag. In beiden Fällen gehe es um Entspannung und darum, positive Gefühle hervorzurufen. „Das Kuscheln verfolgt kein Ziel, alles ist dem Moment überlassen“, sagt Anandi. So entsteht für sie und die Kunden eine entspannte Atmosphäre. Weitere Informationen gibt es auf cuddlers.net. (Andreas Arens mit epd)

Bremer Museum beschäftigt sich mit Berührungen in der Kunst

Das Spannungsverhältnis zwischen Berührungen als Lebenselixier und als Risiko in der Corona-Pandemie will das Bremer Paula Modersohn-Becker Museum in einer Ausstellung aufgreifen. „Berührend – Annäherung an ein wesentliches Bedürfnis“ lautet der Titel der Schau, die vom 19. September bis zum 24. Januar geplant ist. Zu sehen sein sollen etwa 65 Kunstwerke in fünf Themenräumen.

Leihgaben von Marina Abramovic, Stephan Balkenhol, Vivian Greve, Käthe Kollwitz, August Macke, Robert Mapplethorpe und Edvard Munch ergänzten dabei eigene Sammlungswerke, teilte das Museum mit. Die Bedeutung der Berührung für die heutige Gesellschaft werde durch Zitate, Texte und Videos von Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen wie einer Masseurin und einer Hebamme verdeutlicht.

In den fünf Themenräumen soll es um Selbstberührungen, Berührungen als Schutz, als Zeichen der Liebe sowie als grenzüberschreitende und schmerzhafte Handlung gehen. Die Ausstellungsmacher verfolgen das Ziel, die Notwendigkeit der Berührung für das Menschsein offenzulegen: „Denn erst durch die Berührung erkennt der Mensch die Welt.“

Rubriklistenbild: © E.ON Energie Deutschland GmbH/dpa

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