Wegen Sanierung

„Eine Sauerei“: Miete trotz Corona-Krise erhöht - Stadt kritisiert Unternehmen

Wohnblöcke in Grone: Das Wohngebiet rund um die St.-Heinrich-Straße im Göttinger Ortsteil – hier hat die Adler Real Estate AG zahlreiche Wohnungen.
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Wohnblöcke in Grone: Das Wohngebiet rund um die St.-Heinrich-Straße im Göttinger Ortsteil – hier hat die Adler Real Estate AG zahlreiche Wohnungen.

Ein Wohnungsunternehmen will in Göttingen-Grone die Miete erhöhen - trotz Corona-Krise. Jetzt gibt es Kritik von der Stadt.

  • Ein Wohnungsunternehmen erhöht in Göttingen trotz Corona-Krise die Miete.
  • Grund sind geplante Sanierungsarbeiten.
  • Von den Mietern und der Stadt gibt es Kritik.

Adler Real Estate – so einige Bewohner im Göttinger Stadtteil Grone hören diesen Firmennamen gar nicht mehr gerne: Etwa 1100 Wohnungen nennt der Konzern dort sein Eigentum. Er fiel auch schon durch überhöhte Nebenkostenabrechnungen, jetzt durch Sanierungspläne samt Mieterhöhung in der aktuellen Krisenzeit auf. Der Ärger ist groß, auch seitens der Stadtoberen.

Die Aktienmehrheit an Adler Real Estate (ARE) hält nach der Übernahme Ende 2019 die ADO Properties mit Sitz in Luxemburg. Sie führt die Pläne von ARE fort. In Grone geht es um die Sanierung mehrerer Wohnblocks.

Göttingen: Wohnungsunternehmen erhöht Miete - Keine Veranstaltung

Die Mieter erhielten jetzt laut Sozialdezernentin Petra Broistedt erst kurz vor dem Sanierungsstart die Aufforderung innerhalb von wenigen Tagen Stellung zu nehmen. Für eine Beratungsmöglichkeit der übertölpelten Mieter hat sich die Stadt nun starkgemacht. 

Vorher waren bereits im Herbst 2019 Info-Veranstaltungen für Mieter angekündigt worden. Bis heute haben sie nicht stattgefunden, zuletzt unter der Entschuldigung der Corona-Pandemie, wie Oberbürgermeister Rolf- Georg Köhler im Rat sagte. Dort lag ein Antrag der SPD vor, die Stadt solle Kontakt zur ADO aufnehmen, im Sinne der Mieter. 

„Überflüssig“ sei das und ein „Eigentor“ der SPD-Fraktion wertete CDU-Fraktionschef Olaf Feuerstein. Seine Begründung: Die Verwaltung samt Sozialdezernentin Petra Broistedt hätten doch längst gehandelt. Laut Feuerstein müsse man nicht der Stadt, sondern dem Investor gemeinsam auf die Hände schauen.

Miete in Göttingen erhöht: Rechtlich in Ordnung

Petra Broistedt berichtete denn auch von nicht erfolgreichen Versuchen des Telefonkontaktes und nicht eingehaltener Zusagen der ARE/ADO sowie ihr eigenes Empören darüber, wie man mit den Mietern umspringe, die bald ein Zehntel mehr an Miete zahlen sollen, um die auch energetische Sanierung mit zu finanzieren. 

„Rechtlich ist das in Ordnung“, sagte Köhler, nicht aber ohne Mieterveranstaltungen und zum jetzigen Zeitpunkt. „Es ist eine Sauerei, dass der Investor Adler Real Estate während der Corona-Krise eine Mieterhöhung durchzieht, obwohl er weiß, dass die Einkommen der Menschen gefährdet, eingeschränkt sind, oder wegfallen können.“

Mietwohnungen waren Thema im Stadtrat: Die Sitzung fand unter Hygieneregeln in der Lokhalle statt.

Einmal richtig in Fahrt legte Köhler nach: „Wir sind uns einig, dass der Umgang mit den Mietern in Grone, so wie er stattfindet, eine Sauerei ist.“ Zwischen ARE/ADO und Stadt herrscht also Funkstille. Diese soll und will die Stadt – auch ohne Antrag der SPD – wieder beenden. Den Antrag, den nicht nur CDU-Mann Feuerstein, für überflüssig hielt, verteidigte Petra Broistedt, die eigentlich Angesprochene, loyal: Es sei ein Auftrag vom Rat an die Verwaltung im Sinne der Mieter. „Das ist richtig.“

Miete trotz Corona-Krise erhöht: Kritik der Linken

Die Linken erneuerten ihre alte Kritik an der Stadt, die B-Pläne zugunsten des Investors geändert, eine verdichtete Bebauung zugelassen zu haben. Ohne die B-Plan-Änderung hätte es diese Entwicklung nicht gegeben.

Attacke gegen Adler Real Estate: Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) in der Lokhalle.

Das lockte OB Köhler ans Rednerpult. Er verteidigte das Vorgehen der Stadt. Schließlich hätte es die Option ergeben, dass die Adler Real Estate mit mehr als 70 Millionen Euro mehr als 270 neue Wohnungen in Grone bauen wolle. „Wohnungen, die Göttingen dringend benötigt“, wie Köhler sagt. 

„Es ist dummes Zeug zu sagen: Wäre der B-Plan nicht gekommen, dann wäre die Sanierung nicht erfolgt und die Mieten wären nicht erhöht worden. Eine Legende sei das, so Köhler, der auf HNA-Nachfrage betont, dass die Stadt in Verhandlungen mit der ARE erreicht hätte, dass 30 Prozent der neuen Wohnungen eine Sozialbindung und Mietbelegungsrechte für die Stadt bekommen würden.

Unternehmen erhöht in Göttingen die Miete: Stadt setzt sich für Mieter ein

Aber mittlerweile ist das Verhältnis zerrüttet. Das wurde auch in der emotionalen Kritik Köhlers deutlich: Er warf der ARE/ADO vor, die Gewinnmaximierung im Sinn zu haben, und die Menschen, zu vergessen: „Man kann nicht wirtschaftliche Solidarität aus der Wirtschaft fordern und die Menschen im Regen stehen lassen.“

Der Einsatz der Stadt jedenfalls solle nicht beendet sein, wie Petra Broistedt betonte: „Hier wird einiges auf dem Rücken der Mieterinnen und Mieter ausgetragen. Das kann diese Stadt nicht auf sich beruhen lassen.“

Schon seit etwa drei Jahren brodelt es in Grone

Der Ärger der Groner Mieter mit dem zum Jahreswechsel übernommenen Immobilienunternehmen Adler Real Estate schwelt schon länger. 2017 hatte das Unternehmen erstmals größer die Modernisierungen und damit verbundene Erhöhungen der Miete um etwa zwei Euro angekündigt. Schon damals wurde deutlich, dass viele Bewohner mit Blick auf ihre wirtschaftliche Situation Angst vor höheren Mieten haben.

Im Dezember 2018 wurde eine Mieterinitiative ins Leben gerufen: Dabei ging es um Probleme mit den Nebenkostenabrechnungen. Auch im Bauausschuss wurde über Adler Real Estate diskutiert. Zu den Modernisierungsplänen für die Mehrfamilienhäuser gehört die teilweise Aufstockung um ein weiteres Stockwerk. Dadurch sollen 200 zusätzliche Wohnungen im Stadtteil Grone von Göttingen entstehen – vermutlich eher im oberen Preissegment.

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