„Das hat sich eingebrannt“

Nach Brandanschlag auf Ausländerbehörde in Göttingen: Schock sitzt noch immer tief

Arbeiten inmitten von Umzugskartons: Seit dem Brandanschlag auf das Amtshaus sind Joachim Rogge und die übrigen Mitarbeiter der Ausländerbehörde der Stadt Göttingen vorübergehend im früheren Telekom-Gebäude im Göttinger Norden untergebracht.
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Arbeiten inmitten von Umzugskartons: Seit dem Brandanschlag auf das Amtshaus sind Joachim Rogge und die übrigen Mitarbeiter der Ausländerbehörde der Stadt Göttingen vorübergehend im früheren Telekom-Gebäude im Göttinger Norden untergebracht.

Ein Brandanschlag Ende 2019 richtete im Göttinger Amtshaus einen großen Schaden an. Die Tat war politisch motiviert. Der Schock sitzt immer noch tief.

  • Im Herbst 2019 einen Brandanschlag auf die Ausländerbehörde in Göttingen.
  • Ein neues Sicherheitskonzept ist in Planung.
  • Der Schock sitzt für viele noch immer tief.

Göttingen – Diesen Morgen wird Joachim Rogge so schnell nicht vergessen. Am 25. November 2019 schaut er wie immer kurz nach dem Aufstehen um 5 Uhr auf sein Smartphone. Er liest eine Mitteilung der Polizei, dass es in der Nacht einen Brand im Göttinger Amtshaus gegeben hat.

Göttingen: Großbrand vor drei Monaten - Mitarbeiter wochenlang daheim

Erst nach einem Moment wird ihm klar, was das bedeutet: „Das betrifft ja mich!“ Kurz darauf schreibt der Leiter der Göttinger Ausländerbehörde den rund 30 Mitarbeitern per Whatsapp, dass sie heute nicht zur Arbeit kommen brauchen, weil niemand das stark beschädigte Amtshaus betreten darf.

Das ist jetzt drei Monate her. Inzwischen ist die Ausländerbehörde vorübergehend in einem anderen Gebäude im Göttinger Norden untergebracht, doch das Feuer hat nicht nur im Amtshaus tiefe Spuren hinterlassen: „Die Stimmung ist zwar insgesamt ganz gut, aber wir machen uns alle schon Gedanken“, sagt Rogge.

Hoher Sachschaden: Die Göttinger Feuerwehr war nach dem Brandanschlag auf das Amtshaus am Hiroshimaplatz im Großeinsatz.

Da tausende von Akten verrußt waren und erst gesäubert werden mussten, konnten die Mitarbeiter erst nach einigen Wochen wieder ihre Arbeit aufnehmen. Neben den aktuellen ausländerrechtlichen Vorgängen müssen sie nun auch all das erledigen, was zwischenzeitlich liegen bleiben musste. „Wir schieben eine Bugwelle an Arbeit vor uns her“, sagt Rogge.

Brandanschlag auf Ausländerbehörde in Göttingen: Nicht der erste Anschlag

Es war nicht der erste Anschlag auf die Ausländerbehörde. Bereits im Juni hatten Unbekannte einen Stapel Reifen vor dem Eingang des Amtshauses angezündet, zuvor waren auch schon Farbbeutel und Steine gegen das Gebäude geworfen worden.

Auch das Jobcenter war im Amtshaus untergebracht gewesen. „Da infolge des Brandes zunächst kein Bargeld ausgezahlt werden konnte, standen Empfänger von Sozialleistungen, die kein Girokonto besitzen, vorübergehend mittellos da“, sagt Rogge. 

Leiter der Ausländerbehörde in Göttingen betont 6000 positive Bescheide

Er wehrt sich dagegen, dass seine Behörde als „Abschiebebehörde“ tituliert wird. 2019 habe es zehn von der Ausländerbehörde initiierte Abschiebungen gegeben, „fast alle aus dem Gefängnis heraus.“ Demgegenüber stünden mehr als 6000 positive Entscheidungen, hierunter fallen die Erteilung und Verlängerung von Aufenthaltstiteln.

Inzwischen können die Mitarbeiter wieder Urkunden drucken, auch die meisten Akten sind wieder benutzbar. Nachdem die Mitarbeiter wochenlang zwischen Umzugskartons gesessen haben, werden hoffentlich alsbald auch die benötigten Regale eintreffen, um die mehr als 400 laufenden Aktenmeter einräumen zu können.

Ausländerbehörde Göttingen: Noch eineinhalb Jahre in anderem Gebäude

Rogge rechnet damit, dass die Ausländerbehörde und die anderen vom Brand betroffenen Einrichtungen – das Jobcenter und der Fachdienst für Statistik und Wahlen – noch mindestens eineinhalb Jahre lang in den Büros im ehemaligen Gebäude der Telekom arbeiten werden. 

Doch auch wenn die Akten nicht mehr nach Rauch riechen – etwas ist hängen geblieben: „Die Gefährdungssituation hat sich eingebrannt“, sagt Rogge.

Politisch motivierter Anschlag macht Mitarbeitern zu schaffen

Was den Mitarbeitern der Ausländerbehörde aber viel mehr zu schaffen macht, ist die Erkenntnis, dass das Feuer ein politisch motivierter Brandanschlag war und dass dieser Anschlag auch ihnen galt. Das geht aus einem anonymen Bekennerschreiben hervor, das damals auf einer einschlägigen Internet-Plattform veröffentlicht wurde. 

Darin wurden sowohl die Ausländerbehörde als auch deren Mitarbeiter kritisiert: „Kündigt lieber eure Jobs!“, hieß es dort unter anderem. „Das empfinden wir als ganz konkrete Bedrohung“, sagt Behördenleiter Rogge.

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