Ein Jahr nach dem Anschlag

Göttingen: Demonstranten erinnern an Opfer von Hanau - Gedenkstätte über Nacht zerstört

Gedenken: In Erinnerng an die Toten enttand aus Lichtern, Texten und Plakaten am Gänseliesel eine Gedenkstätte. Sie wurde in der Nacht zerstört.
+
Gedenken: In Erinnerng an die Toten enttand aus Lichtern, Texten und Plakaten am Gänseliesel eine Gedenkstätte. Sie wurde in der Nacht zerstört.

Vor einem Jahr geschahen die rassistischen Morde in Hanau. In Göttingen gedachten Demonstranten der Opfer - die Gedenkstätte wurde nun verwüstet und beschädigt.

Göttingen – Eine so große Demonstration hat Göttingen lange nicht mehr gesehen. Nach Polizeiangaben haben am Freitagabend etwa 1200 Menschen friedlich demonstriert. Anlass war der erste Jahrestag des rechtsradikalen Anschlags von Hanau, bei dem ein Attentäter neun Menschen mit Migrationshintergrund aus rassistischen Gründen ermordete. Eine spontane Gedenkstätte wurde in der Nacht zu Samstag zerstört.

„Kommt mit uns auf die Straße“, hieß es im Aufruf zur Demo, organisiert vom „BIPoC-Kollektiv“, ein Zusammenschluss von Schwarzen und People of Color in Göttingen. Um 17 Uhr startete die Demo in Göttingen vor dem Auditorium am Weender Tor. Man wolle die Wut und Trauer gemeinsam auf die Straße bringen.

Nach Anschlag in Hanau: Demonstranten ziehen am Jahrestag durch Göttingen

Der Demo-Zug ging zunächst über die Berliner Straße in Richtung Bahnhof. Im weiteren Verlauf gab es Redebeiträge von Gruppen und Organisationen, so auch von der muslimischen und jüdischen Hochschulgruppe. Weiter ging es über die Goethe-Allee, die Prinzenstraße und die Gotmarstraße zum Markt.

Langer Demonstrationszug: Gegen Rechte Gewalt und Rassismus gingen am Freitagabend in Gedenken an die Mordopfer von Hanau mehr als 1200 Menschen auf die Straße – hier Berliner Straße in Göttingen.

„Der Täter in Hanau ist kein Einzeltäter. Rassistische Morde in Deutschland sind nichts Neues. Und unsere Gefährdung durch den Rassismus ist real“, hieß es weiter im Aufruf. Dieser Rassismus zeige sich am Fehlverhalten der Polizei am Tatort und der mangelhaften Aufarbeitung durch die Behörden, an der Verharmlosung von Tat und Täter, am Verbot der Gedenkdemo im August 2020 angeblich wegen Corona-Bestimmungen, während Corona-Leugner geschützt durch die Polizei zu Tausenden durch die Straßen ziehen dürften.

Göttingen: Menschen erinnern der Opfer von Hanau - und errichten Gedenkstätte

Die Reihe der Kritik an Polizei und Behörden ist lang: Auch der respektlose Umgang mit Angehörigen und Überlebenden wird kritisiert. Man müsse zusammenstehen, erinnern, sich solidarisieren und kämpfen, sodass sich ein Anschlag wie in Hanau nicht wiederholen kann. Am Gänseliesel zündeten hunderte Menschen Kerzen an und legten Blumen und Poster mit Botschaften nieder.

Der Integrationsrat der Stadt Göttingen hatte die Namen der Mordopfer am Alten Rathaus auf eine Fahne geschrieben. „Mit der Kampagne „say their names“ wollen wir dafür sorgen, dass kein Opfer vergessen wird“, sagte Irina Schnar, Sprecherin des Integrationsrats. „Dass Menschen mit vermuteten Migrationshintergrund immer noch Angst haben müssen, in diesem Land ermordet zu werden, ohne dass der Staat sie schützt, ist ein unglaublicher Skandal.“

Zerstörung über Nacht: Gedenkstätte in Göttingen für die Opfer von Hanau verwüstet

Das Göttinger Bündnis gegen Rechts betonte: „Wir wollen keinen Moment vergessen, dass Rassismus und Antisemitismus den Alltag in unserer Gesellschaft prägen, dass Hass und Menschenfeindlichkeiten nicht erst in Mordanschlägen zum Ausdruck kommen. Auch unsere Stadt könnte ein Tatort sein. Hanau ist überall.“ Gegen 19 Uhr löste sich die Veranstaltung auf. Einzige Kritik der Polizei: Der Mindestabstand von anderthalb Metern zwischen den Menschen wurde nicht eingehalten.

Wie am Samstag bekannt wurde, ist die Gedenkstätte am Gänseliesel in der Nacht zerstört worden. „Wir mussten mit Erschrecken feststellen, wie die eingerichtete Gedenkstätte am Gänseliesel für die Opfer des Anschlags von Hanau zerstört wurde. Die Blumen waren nicht mehr aufzufinden, überall Wachs umgeschmissener Kerzen und beschädigte Plakate“, heißt es auf der Instagram-Seite des BIPoC-Kollektivs. Es wird nun dazu aufgerufen, die Gedenkstätte mit neuen Blumen, Plakaten und Kerzen neu zu beleben, um ein symbolisches Zeichen zu setzen. Nach Information der Veranstalter soll ein Mann aus dem Querdenker-Spektrum für die Zerstörung verantwortlich sein. (Stefan Rampfel)

In Hanau fand ein Jahr nach dem Anschlag eine große Gedenkveranstaltung statt, die auch per Live-Stream verfolgt werden konnte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.