Krimi-Reihe in der ARD

Experte zum Tatort aus Göttingen: Gelungen, aber die Stadt spielte keine große Rolle

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Ermittelten gemeinsam in Göttingen: Die Kommissarinnen Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, links) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba)

Der Tatort-Experte Christian Hißnauer sagt im Interview, wie er den Krimi aus der Uni-Stadt Göttingen aus soziologischer und filmischer Sicht einschätzt.

Wir sprachen mit Dr. Christian Hißnauer von der Humboldt-Universität Berlin, der zuvor in Göttingen als Soziologe forschte und lehrte.

Herr Hißnauer, wo landet denn der Göttingen-Tatort in ihrer persönlichen Hitliste?

Es ist natürlich schwer, bei weit über 1000 Folgen sagen zu können, welche Tatorte einem am besten gefallen. Der Tatort wird im nächsten Jahr 50 Jahre alt. In der Zeit hat er sich stark verändert. Aber auch wir haben heute ganz andere Sehgewohnheiten als in den 1970er oder 1980er-Jahren. Von daher hätte ich eher Hitlisten für die jeweiligen Jahrzehnte oder die jeweiligen Kommissare. Insgesamt war, wie ich finde, „Das verschwundene Kind“ sicherlich eine der interessantesten Lindholm-Folgen – was aber weniger an dem Fall liegt.

Soziologe und Tatort-Experte:Dr. Christian Hißnauer. 

Womit begründen Sie die Einschätzung - wo hatte der Film Stärken und Schwächen?

Interessant war dieser Tatort vor allem, weil Charlotte Lindholm – immerhin seit 2002 Tatort--Kommissarin - in ihrem 26. Fall eine feste Partnerin erhält und einen neuen Dienstort: Göttingen. Lindholm will aber weder das eine noch das andere. Entsprechend unsympathisch erscheint sie hier. So überheblich und negativ wurde die Figur bislang in keiner Folge gezeigt. Das ist natürlich auch der Versuch, eine neue Dynamik in die Lindholm-Folgen zu bekommen. Ich bin sehr gespannt, wie sich die entwickeln wird. Dadurch hatte die Folge aber über weite Strecken den Charakter einer Folge, in der vor allem der Schauplatz und viele neue Figuren eingeführt werden. Die Schwäche des Films ist die überfrachtete und wenig überzeugende Krimihandlung.

Als ehemaliger Göttinger: Wie kam die Stadt Göttingen in dem Film weg?

Die hässlichen Seiten Göttingens werden nicht ausgespart. Dennoch war man offensichtlich bemüht, ein vielschichtiges Bild von Göttingen zu zeichnen. Ausgiebig wird immer wieder die pittoreske Schönheit des Klein-stadtidylls mit Fachwerkhäusern und Gänseliesel ausgestellt. Damit werden auch Gegenbilder zu der doch recht düsteren Story erzeugt. Auch das Wetter ist ausnehmend gut in diesem Film. Von daher kam Göttingen ziemlich gut weg. Diesmal muss sich also kein Oberbürgermeister bei der ARD beschweren.

Aus soziologischer Sicht: Was war für Sie inhaltlich die Botschaft des Tatorts – auch mit Blick auf die Stadt der Strafversetzten.

Die Themen verdrängte Teenager-Schwangerschaft und Kindstötung gingen leider völlig unter; oder positiv ausgedrückt: Es war kein Tatort, der über ein gesellschaftlich relevantes Thema referiert und darüber den Krimi vergisst.

Über Göttingen war aber auch nur Plakatives zu sehen und zu hören...

Richtig. Auch die Stadt selbst schien mir in ihrer Spezifik keine große Rolle zu spielen, es handelt sich also nicht wirklich um eine Stadterzählung. So erfährt man über Göttingen lediglich, dass die Wohnungssuche aufgrund der vielen Studierenden extrem schwierig sei – und offenbar wird viel Fahrrad gefahren.

Eine Strafversetzung aus der Landeshauptstadt in die weit kleinere Uni-Stadt wirft aber kein gutes Licht...

Aufgerufen werden durch Lindholm Klischeevorstellungen von Provinz, da sie sich als Großstädterin als Überlegene sieht – für sie ist die Versetzung daher wirklich eine Strafe. Allerdings, so scheint es zumindest am Ende der Folge, ziehen ihre neuen Kollegen ihr diesen Zahn, denn sie stellen unter Beweis, dass sie genauso professionell und gut arbeiten können. Implizit verhandelt der Tatort also das Thema Vorurteile, so, wenn Lindholm die dunkelhäutige Kollegin für eine Putzfrau hält und so ein alltagsrassistisches Klischee bedient.

Welches war Ihr Aha-Moment – wenn es denn einen gab – in dem GÖ-Tatort?

Wenn man lange Zeit in Göttingen gelebt hat, ist es natürlich interessant zu sehen, welche Ansichten der Stadt gezeigt werden – und wie sich daraus ein „Fernseh-Göttingen“ ergibt, das zwar manchmal aussieht wie das echte Göttingen, es letztendlich aber nicht ist.

Welches sind die Top-5-Tatorte für Sie generell?

Wie ich bereits sagte, ist eine solche Frage nicht einfach zu beantworten – auch weil ich einzelne Folgen aus recht unterschiedlichen Gründen sehr spannend finde. So auch „Wie einst Lilly“ (2010), HR, erster Fall für Ulrich Tukur als Felix Murot. Ich mag ihn wegen der Art, die RAF-Vergangenheit zu thematisieren; „Howalds Fall“ (1990), der erste Schweizer Tatort, wegen seiner sehr ungewöhnlichen Kommissar-Figur; „Ein Hauch von Hollywood“ (1998), SFB, – oft als einer der schlechtesten Tatorte abgestempelt – wegen seiner parodistischen und theatralen Inszenierung, „Ein ganz gewöhnlicher Mord“ (1973), Radio Bremen, Regie Dieter Wedel, wegen seines Reportage-Stils oder „Duisburg Ruhrort“ (1981), WDR, einfach wegen Schimanski alias Götz George mit seinem kongenialen Partner Thanner, gespielt von Eberhard Feik. 

Hier lesen Sie unsere Kritik zum ersten Tatort aus Göttingen. Wie der Göttingen-Krimi bei unseren Lesern ankam, haben wir in diesem Artikel zusammengefasst. 

"Tatort"-Premiere in Göttingen

Tatort-Preview Göttingen Cinemaxx von links Rolf-Georg Köhler Maria Furtwängler Florence Kasumba Foto: Andreas Arens ana
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Andreas Arens
Rolf-Georg Köhler Maria Furtwängler Florence Kasumba Lutz Marmor Foto: Andreas Arens ana
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Andreas Arens
Tatort Preview Göttinger Cinemaxx Foto: Ute Lawrenz zul
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Ute Lawrenz
Tatort Preview Göttinger Cinemaxx Foto: Ute Lawrenz zul
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Ute Lawrenz
Tatort Preview Göttinger Cinemaxx Foto: Ute Lawrenz zul
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Ute Lawrenz
Tatort Preview Göttinger Cinemaxx Foto: Ute Lawrenz zul
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Ute Lawrenz
Tatort Preview Göttinger Cinemaxx Foto: Ute Lawrenz zul
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Ute Lawrenz
Göttingen tatort-Preview von links Rolf-Georg Köhler Maria Furtwängler Florence Kasumba Lutz Marmor Foto: Ute Lawrenz zul
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Ute Lawrenz
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Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Stefan Rampfel
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Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Stefan Rampfel
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Stefan Rampfel
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Stefan Rampfel
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Stefan Rampfel
Göttingen läuft Hannover den Rang ab - zumindest im "Tatort": Bei der Premiere des ersten Falls mit Maria Furtwängler in der Uni-Stadt wurde klar: Die Krimireihe hat hier eine neue Heimat gefunden. © Stefan Rampfel

Lesen Sie auch: "Tatort"-Forscher: "Wir erleben nicht die erste Krimiwelle"

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