Interview mit Forscherin Julia Ostner

Primaten sind Öko-Ingenieure: Mehr  als 100 Forscher treffen sich in Göttingen

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Familienidylle: Zwei Assam-Makaken (Macaca annamensis) in Thailand, wo das Göttinger DPZ eine Forschungsstation betreibt und das Verhalten der Tiere studiert. 

Göttingen. Das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen ist ab Mittwoch Treffpunkt von 130 Forschern aus 14 Nationen. Wir sprachen mit der Primatenforscherin Julia Ostner.

Anlass ist die alle zwei Jahre an wechselnden Orten stattfindende Konferenz der Gesellschaft für Primatologie. Am DPZ organisieren Julia Ostner, Oliver Schülke und Julia Fischer die Tagung. Wir sprachen mit Julia Ostner über die Bedeutung und Ziele der Primatenforschung.

Wie weit sind die Affen, besonders die Primaten, erforscht, und wohin geht die Primatenforschung?

Von den mehr als 500 derzeit bekannten Primatenarten, ist nur ein kleiner Prozentsatz gut erforscht. Es gibt also noch viel Raum für die weitere Entwicklung von Unterschieden bei der Artbildung. Zudem ergeben sich auch für die Arten, die wir schon länger untersuchen, neue Fragestellungen.

Welche Bedeutung haben Langzeitbeobachtungen?

Es hat sich gezeigt, dass Projekte, die sich über Jahrzehnte auf einige Gruppen derselben Art konzentrieren, überproportional zu unserem Verständnis der Biologie der Primaten beigetragen haben. Viele Fragen lassen sich nur bearbeiten, wenn wir individuell bekannte Tiere durch die verschiedenen Phasen ihres Lebens verfolgen. Wir treten jetzt in eine Phase der Primatenforschung ein, in der wir erstmals von mehreren Arten und an verschiedenen Standorten Daten über mehrere Generationen und Jahrzehnte haben. Gleichzeitig läuft uns die Zeit davon, da ein Großteil der Primaten stark vom Aussterben bedroht ist.

Wie kann die Primatenforschung gegen das Aussterben wirken? Und: Was bedeutet das Aussterben einer hoch entwickelten Spezies letztlich für Flora und Fauna – ist das höher zu bewerten als von niedriger entwickelten Tieren?

Organisatorin: Prof. Dr. Julia Ostner vom DPZ.

Für den Erhalt der Biodiversität spielt es letzlich keine Rolle wie hoch entwickelt ein Organismus ist, sondern welche Rolle er im Ökosystem einnimmt. Zuallererst liefern wir als Primatenforscher die Daten, die man braucht, um überhaupt festzustellen, ob eine Art vom Aussterben bedroht ist und welche Faktoren das Schrumpfen von bestimmten Populationen auf welche Weise beinflussen. Dann ermittlen wir, was die Habitatansprüche verschiedener Arten sind, um geeignete Schutzgebiete ausweisen zu können. Viele unserer Mitglieder arbeiten lange mit denselben Populationen, sodass sie auch engen Kontakt zur lokalen Bevölkerung bekommen, deren Integration in Schutzkonzepte besonders wichtig ist.

Gibt es denn konkrete Projekte?

Wir betreiben selbst keine Artenschutzprojekte, sondern betreuen Schutzprojekte quasi als Qualitätsmanager, um den Erfolg der Maßnahmen zu ermittlen. Auf der Tagung wird es auch Vorträge zur genetischen Vielfalt und der Zersplitterung der Lebensräume von Lemuren geben; diese Daten sind für die Planung von Schutzmaßnahmen von direkter Relevanz. Primaten werden oft als Ökoingenieure bezeichnet, da sie manchmal als einzige Samenausbreiter für Holzgewächse fungieren und dafür sorgen, dass die Vielfalt und Struktur ihrer tropischen Habitate bestehen bleibt.

Wir leben in Zeiten der Digitalisierung – wie hilft die Technik in der modernen Feldforschung?

Der Grad an Digitalisierung wird der Feldforschung von den lokalen Gegebenheiten diktiert und von jedem Forscher individuell ausgereizt. Während das dichte Blätterdach des Amazonaswaldes für viele bildgebende Verfahren bisher undurchdringlich ist, können Savannentiere jetzt aus dem Weltraum beobachtet und durch Weiterentwicklung der Datenverarbeitung auch individuell verfolgt werden. Gleichzeitig ergeben sich aber auch durch die Entwicklung von Drohnen und immer kleineren und leistungsstärkeren GPS-Sendern neue Möglichkeiten, um beispielsweise Wanderbewegungen zu untersuchen.

Sie beschäftigen sich mit der Verhaltensökologie – also auch den Auswirkungen der Evolution bei Primaten auf soziale Strukturen. Warum ist das auch interessant für die Entwicklung des Menschen?

Wie alle Naturwissenschaftler versuchen wir möglichst allgemeingültige Prinzipien zu identifizieren, die dann für die biologischen Aspekte des menschlichen Verhaltens gelten. Ich untersuche Primaten, weil sie wie Menschen in komplexen Gesellschaften mit individualisierten Beziehungen leben. Daraus ergibt sich, dass viele der Probleme, die Primaten im sozialen Leben zu lösen haben, den unseren ähnlich sind.

Werden Sie bei dem Kongress in Göttingen neue Ergebnisse vorlegen?

Ich werde keine neuen Ergebnisse vorstellen, da wir auf unseren Tagungen dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Bühne überlassen wollen, um sich zu präsentieren und Kontakte zu knüpfen. Doktorandinnen und Doktoranden meiner Abteilung werden ihre Studien auf Postern und in Vorträgen vorstellen. So berichtet Delphine De Moor vom Einfluss der genetischen Verwandtschaft auf die sozialen Beziehungen bei den Assammakaken unserer Langzeitpopulation in Thailand. Nadine Müller-Klein zeigt, welche positiven Effekte soziale Bindungen auf die Gesundheit von Berberaffen haben.

Was ist das Besondere an dem Kongress in Göttingen?

Das besondere an dem Treffen ist, dass nicht die wissenschaftliche Fachdisziplin im Vordergrund steht, sondern der Fokus auf Primaten. Neben Artenschützern, die mit sozialwissenschaftlichen, ökonomischen und genetischen Methoden arbeiten, erwarten wir Psychologen, Physiologen, Genetiker, Verhaltensbiologen, Evolutionsbiologen, Morphologen und Ökologen.

Sind die Veranstaltungen offen für Interessierte?

Der Eröffnungsvortrag von Amanda Melin von der Universität Calgary zur Evolution des Farbsehens bei südamerikanischen Primaten ist öffentlich; er findet am Mittwoch, 13 Februar, um 17 Uhr im DPZ-Hörsaal statt. Für den weiteren Konferenzbesuch ist eine Registrierung nötig.

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