Familie fürchtet, dass Student misshandelt wurde

23-jähriger Göttinger in Ägypten vermisst: Immer wieder verschwinden Menschen

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Wird in Ägypten vermisst: Der Göttinger Student Mahmoud Abdel Aziz (hier mit einem jüngeren Bruder).

Der 23-jährige Göttinger Mahmoud Abdel Aziz ist während seines Aufenthalts in Ägypten verschwunden. Die Mutter bittet verzweifelt um Hilfe, auch der Bruder meldet sich zu Wort.

Zuletzt aktualisiert am 8. Januar, 8.55 Uhr - Seit dem 27. Dezember hat Malik Abdel Aziz (24) kein Lebenszeichen mehr von seinem ein Jahr jüngeren Bruder Mahmoud Abdel erhalten. Damals waren die beiden Göttinger Studenten, die in Medina in Saudi-Arabien Islamwissenschaften studieren sollen, nach Kairo geflogen, um ihren ägyptischen Großvater zu besuchen. Doch bei der Passkontrolle am Flughafen wurde der 23-Jährige von Grenzpolizisten festgehalten. Seitdem ist die Familie im Ungewissen über Mahmouds Schicksal, wie Malik Abdel Aziz uns im Interview sagt (siehe weiter unten in diesem Artikel).    

Bereits am 2. Januar hatte die Mutter des Göttingers einen Brief an den deutschen Botschafter veröffentlicht, der mittlerweile auch bei Facebook kursiert. „Wir haben kein Lebenszeichen mehr von meinem Sohn. Sein Handy ist ausgeschaltet und wir haben auch keine sonstigen Anrufe von ihm erhalten, beispielsweise durch ein fremdes Telefon“, heißt es in dem Schreiben der Mutter. Demnach habe Malik Abdel Aziz einen Tag nach dem Verschwinden seines Bruders die deutsche Botschaft in Kairo informiert. Später hätten ägyptische Bekannte und Verwandte der Familie in Deutschland mitgeteilt, dass ihr Sohn in der Hauptstelle des Geheimdienstes festgehalten werde. Eine Begründung dafür gebe es nicht. 

Laut dem HR-Magazin "Hessenschau" soll eine Verwechslung der Sicherheitsbehörden in dem nordafrikanischen Land der Grund für die Verhaftung von Mahmoud Abdel Aziz sein. Das Auswärtige Amt stehe in Kontakt mit den ägyptischen Behörden. „Es geht dort um zwei verschiedene Fälle von deutschen Staatsangehörigen, die vermisst werden. Wir sind mit denen seit einigen Tagen befasst und nehmen beide Fälle sehr ernst“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Berlin.

Der Göttinger Polizei liegt mittlerweile eine Vermisstenmeldung vor, sagte ein Polizeisprecher. Da sich die Spur des jungen Mannes im Ausland verlor, ermittelt die nun das Landeskriminalamt in Hannover. Von dort aus wird das Verfahren in der Regel an das Bundeskriminalamt und Auswärtige Amt weitergeleitet.

Im einem zweiten Vermisstenfall geht es um einen 18-Jährigen aus Gießen. Er wird nach Angaben seines Vaters seit vier Tagen vermisst. Der Schüler habe seinen erkrankten Großvater besuchen wollen. Am Montag vergangener Woche sei er von Frankfurt nach Luxor geflogen, um dann weiter nach Kairo zu reisen. Nach Informationen des Vaters kam er dort aber nie an.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt der Vater von seinem Gefühlsleben: „Ich schlafe nicht und habe viel geweint." Es ist die Ungewissheit, was mit seinem Sohn passiert ist, die ihn quält. „Mein Bruder, der in Ägypten lebt, wurde für kommende Woche von der Staatsanwaltschaft Luxor einbestellt. Mehr wissen wir aber auch noch nicht", erzählt er weiter. Möglicherweise wird er dank seines Bruders kommende Woche erfahren, wo sein Sohn sich befindet. Solange bleibt die Angst, dass sein Sohn möglicherweise nie zurückkehrt. „Ich habe Angst, dass er irgendwann einfach erschossen wird, ich meinen Sohn nie wiedersehe."

Für die wahrscheinliche Festnahme seines Sohnes hat er zwei Theorien. Die Reiseroute Frankfurt-Luxor-Kairo-Luxor-Frankfurt sei den Behörden möglicherweise suspekt gewesen. Sein Sohn wählte aber diesen Reiseweg, weil es günstiger als ein Direktflug war. Es könnte aber auch zu einer Namensverwechslung gekommen sein.

Enttäuscht ist der Vater des 18-Jährigen vom Auswärtigen Amt: „Vom Auswärtigen Amt habe ich bisher nichts gehört. Ich hoffe, dass der mediale Druck hilft, etwas zu bewegen."

Der öffentliche Facebook-Post mit dem Brief der Mutter

Jetzt spricht der Bruder

Warum wird Ihrer Meinung nach Ihr Bruder Mahmoud in Ägypten festgehalten?

Malik Abdel Aziz: Wir haben überhaupt keine Informationen. Jemand von der Botschaft vermutet, dass es sich um eine Namensverwechselung handeln könnte. Aber für die Aufklärung braucht man keine zehn Tage.

Wie geht es Ihrem Bruder?

Malik Abdel Aziz: Es fehlt jedes Lebenszeichen von ihm, seitdem ich am 27. Dezember mit ihm gereist bin.

Wo wird Ihr Bruder festgehalten?

Abdel Aziz: Vermutlich in Kairo am Flughafen. Verwandte haben uns gesagt, dass er sich wahrscheinlich in der ägyptischen Hauptstadt aufhält.

Gab es irgendwelchen Kontakte zum Bruder?

Abdel Aziz: Es gibt gar keine Kontakte, alle Versuche über verschiedene Kanäle laufen ins Leere.

Was empfinden Sie momentan?

Abdel Aziz: Ich empfinde starke Hilflosigkeit. Ich und alle Verwandten beten im Moment für meinen Bruder.

Was könnte mit Ihrem Bruder passiert sein?

Abdel Aziz: Wir wissen überhaupt nichts. In anderen Fällen wurden Betroffene körperlich misshandelt. Deswegen hoffen wir, dass es in diesem Fall gut für meinen Bruder ausgeht.

Wie helfen aktuell das Auswärtige Amt und die Botschaft in Kairo?

Abdel Aziz: Indem sie uns sagen, dass sie den Fall ernst nehmen. Sie sagen uns nur, dass sie alles tun, was in ihrer Macht steht.

Was tun Sie persönlich im Moment?

Abdel Aziz: Ich versuche, die Öffentlichkeit auf das Schicksal meines Bruders aufmerksam zu machen. Ich habe unter anderem Facebook-, Instagram und Telegram-Seiten sowie einen Whatsapp-Info-Kanal eröffnet. Alle unter dem Hashtag #freeisaandmahmoud

Ägypten: Die Sicherheitslage

Experten halten die Sicherheitslage in Ägypten seit der Revolution 2011 für bedenklich. Laut Auswärtigem Amt, das eine Teilreisewarnung ausgesprochen hat, besteht ein erhöhtes Risiko für terroristische Anschläge. Erst am 28. Dezember vorigen Jahres explodierte eine Bombe in einem Reisebus unweit der Pyramiden von Gizeh. Drei vietnamesische Touristen sowie ihr ägyptischer Reiseführer starben.

Immer wieder verschwinden Menschen

Es muss wie Hohn in den Ohren der verzweifelten Familie des Göttinger Studenten Mahmoud Abdel Aziz klingen, der in Kairo vermisst wird. „Wir haben keine politischen Gefangenen”, sagte Ägyptens Staatschef Abdel Fatah Al-Sisi gerade in einem Interview mit dem US-Sender CBS.

Die Zahlen, die Menschenrechtsorganisationen nennen, sprechen eine andere Sprache. Seit Abdel Fatah Al-Sisi im Jahr 2013 durch einen Militärputsch an die Macht kam, hätten die ägyptischen Sicherheitskräfte mindestens 60.000 Menschen inhaftiert, erklärt zum Beispiel Human Rights Watch (HRW). Zudem hätten nach Angaben der Menschenrechtsorganisation „Egyptian Commission for Rights and Freedoms“ die Sicherheitskräfte zwischen Januar und August 2017 mindestens 165 Personen für die Dauer von 7 bis 30 Tagen verschwinden lassen.

Das politische Klima hat sich in Ägypten seit der Machtergreifung durch Abdel Fatah Al-Sisi stetig verschlechtert. Repressionen gegen Oppositionelle, die Zivilgesellschaft und Journalisten sind in Ägypten an der Tagesordnung. „Es ist derzeit gefährlicher als zu jedem anderen Zeitpunkt der jüngeren Vergangenheit in Ägypten, die Regierung zu kritisieren”, sagte Najia Bounaim, stellvertretende Regionaldirektorin bei Amnesty International für den Mittleren Osten und Nordafrika.

So blockieren laut Amnesty International die Behörden seit Anfang 2017 den Zugang zu mindestens 434 Internetseiten. Unliebsame Journalisten werden inhaftiert, Menschen verschwinden, werden gefoltert oder für Jahre ins Gefängnis gesteckt, oft ohne Anklage und ein unabhängiges Verfahren. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen rangiert Ägypten auf Platz 161 von 180 Ländern.

Die ägyptische Regierung rechtfertigt ihr hartes Vorgehen regelmäßig mit der Gefahr durch islamistische Terroristen. Denn immer wieder sind auch Touristen Ziel von Angriffen. Erst am 28. Dezember explodierte eine Bombe in einem Reisebus unweit der Pyramiden von Gizeh. Experten halten die Sicherheitslage in Ägypten seit der Revolution 2011 für bedenklich. Neben Touristen und Sicherheitskräften sind auch immer wieder Christen Ziel von Anschlägen. Während des koptischen Weihnachtsfestes kam am vergangenen Sonntag ein Polizist ums Leben, als er versuchte, eine Bombe zu entschärfen, die in der Nähe einer Kirche abgelegt worden war.

Doch auch, wenn laut Auswärtigem Amt ein erhöhtes Risiko für terroristische Anschläge besteht – das Verschwinden der beiden Männer aus Göttingen und Gießen zeigt einmal mehr, dass es vor allem Ägypter und ihre Verwandten sind, die sich vor ihrer eigenen Regierung fürchten müssen.

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