Premiere in Göttingen

Klassiker mit morbidem Charme: "Woyzeck" mit Musik von Tom Waits im Deutschen Theater

+
Der etwas andere „Woyzeck“ auf der Bühne des Deutschen Theaters: Woyzeck (Volker Muthmann, oben) will den Tambourmajor (Christoph Türkay, darunter) zur Rede stellen, weil dieser mit seiner Geliebten Marie (Marina Lara Poltmann, rechts) angebandelt hat.

Am 70. Geburtstag von Tom Waits wurde seine des Büchner-Klassikers „Woyzeck“ zum ersten Mal dem Publikum im Deutschen Theater in Göttingen präsentiert

Autor Wilson bezeichnet das Stück als „Art Musical“, das durch die bunte und wechselnde Kostümierung sowie die gleichermaßen aggressive wie mitfühlende Vertonung von Waits und Kathleen Brennan eine ganz spezielle Stimmung beim Zuschauer erzeugt.

Büchners Dramenfragment – so viel sei vorweggenommen – ist an diesem Abend nur in Ansätzen zu erkennen. Wer die Handlung des Stücks über den armen Soldaten Franz Woyzeck nicht kennt, hat Probleme, sie mit dem Bühnengeschehen nachzuvollziehen. Dort tritt Woyzeck (gespielt von Volker Muthmann) als Bühnentechniker auf und tut alles, was ihm befohlen wird, ob Kopfstand, Handstand oder Erbsen essen.

Hauptmann mit rasierten Beinen

Dem Hauptmann, schräg verkörpert von Marco Matthes, muss er die Beine rasieren und die Füße eincremen; jegliche Experimente des Doktors, noch schräger dargestellt von Andreas Jeßing, lässt Woyzeck ebenfalls über sich ergehen. Und das alles nur, weil er seine geliebte Marie (Marina Lara Poltmann) und das gemeinsame Kind versorgen will und muss. Doch für die hat er bald kaum noch Zeit.

Die Getriebenheit, die innere Zerrissenheit Woyzecks spiegelt sich in der Musik wider. Das langsame Entschwinden des Verstandes, die Stimmen im Kopf, die immer lauter werden – all das wird sowohl schauspielerisch als auch musikalisch eindrucksvoll dargestellt. Dabei helfen auch Live-Projektionen auf der Trennwand der Drehbühne, wodurch etwa die Annäherung zwischen Marie und dem Tambourmajor (Christoph Türkay) aus zwei verschiedenen Perspektiven gezeigt werden kann.

Mehrere Höhepunkte aber auch Längen

Die Inszenierung von Regisseurin Antje Thoms hat Höhepunkte zu bieten (Bühne: Ute Radler, Kostüme: Mascha Schubert). Da ist der reibungslose Szenenwechsel dank der Drehbühne, die schnelle und einfallsreiche Umkostümierung der tollen Musiker und Schauspieler und die gelungene Darstellung von Woyzecks Psychose. Das Stück hat aber auch Längen – insbesondere im Mittelteil.

Die Musik, die Waits mit seiner Ehefrau Brennan schrieb, ist brutal und mitfühlend zugleich. Aggressive Rhythmik ist gepaart mit romantischen Melodien, was einen Einblick in Woyzecks Seelenleben ermöglicht. Die Musiker der Band „Bloody Blades“ schaffen es glänzend, diese Stimmung zu transportieren.

Gewollt schockierend 

Geschmackssache sind die gewollt schockierenden Elemente – etwa, wenn der Doktor ausrastet, weil Woyzeck „an die Wand gepisst“ haben soll, ihm dann aufträgt seinen Urin abzugeben und diesen dann aus einem kleinen Probenbecher trinkt. Gleiches gilt auch für die (zu) lauten Platzpatronenschüsse aus der Pistole des Hauptmanns.

Insgesamt ist es eine etwas andere Inszenierung von Georg Büchners Klassiker, die zwar mit düsterer, morbider Stimmung spielt, aber auch Witz und verrückt-schrillen Charme versprüht. Oder, um es mit Wilson zu sagen, eben ein „Art Musical“.

Wieder am 13. und 18.12. (jeweils 19.45 Uhr) sowie am 26.1. (15 Uhr). Karten: 0551/4969-300.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.