NS-treue Ingenieure bauten in Göttingen ein „Wunderflugzeug“

„Wunderflugzeug“ aus Göttingen sollte im Zweiten Weltkrieg Nazi-Geheimwaffe werden

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Geheime Flugzeugwerft in Göttingen: Die Gebrüder Horten bauten mit vielen Mitarbeitern den düsengetriebenen Nurlügler Horten H IX. Dabei wurden Hallen der heutigen Autobahnmeisterei in der Nähe des einstigen Luftwaffen-Testflugplatzes genutzt. 

Zweiter Weltkrieg: Ein geheimes Flugzeug, dass seiner Zeit voraus war, sollte das „Wunderflugzeug“ der Nazis werden. Gebaut wurde es in Göttingen.

  • In Göttingen entstand im Zweiten Weltkrieg die „Wunderflugzeug“ der Nazis.
  • Das Flugzeug war seiner Zeit voraus.
  • Die Amerikaner brachten es 1945 in die USA.

In Göttingen entstand ab 1943 eine Geheimwaffe des Nazi-Regimes: Ein Düsenflugzeug, das seiner Zeit voraus war und zum Vorläufer der radar-unsichtbaren Stealth-Bomber wurde, die Horten H IX oder Ho 229. Im Juni 1945 brachte die US-Armee Teile davon in die USA.

Am 8. April 1945 beendeten Soldaten der US-Armee den Zweiten Weltkrieg in Göttingen. Wussten die Soldaten damals davon, dass dort bis vor Kurzem eine vom Nazi-Regime erhoffte „Wunderwaffe“ gebaut wurde? Sogenannte Nurflügel-Jets, die auch eine Bedrohung für die USA hätten sein können. Klar ist: Die Amerikaner interessierten sich bei der Einnahme Göttingens für das Flugplatzgelände und die Hangars am Westrand der Stadt.

Göttingen: Ingenieure aus den USA bauten Nazi-Flugzeug nach

Der US-Hersteller Northrop Grumman baut heute fürs Radar unsichtbare Stealth-Bomber, wie den B 2. Northrop-Flugzeugingenieur Tom Dobranz war dennoch fasziniert über das, was „die Deutschen schon 1945 mit dem damaligen Wissen konstruiert haben“. Und er wollte mit Kollegen das letzte Geheimnis des Flugzeugs Horten H IX oder HO 229 lüften. Das gelang: 64 Jahre nach Kriegsende und mithilfe eines Nachbaus auf Basis der Originalpläne sowie moderner Militärtechnik stellte man fest: Die Horten besaß bereits Stealth-Eigenschaften moderner Tarnkappen-Jets.

Die Horten-Brüder: Walter (links) und Reimar vor zwei Nurflügel-Gleitern in Göttingen

Aber ahnten das die NS-linientreuen Flugzeugkonstrukteure Reimar (1915-1994) und Walter Horten (1913-1998), als sie in den Hallen der Göttinger Autobahnmeisterei mit Hunderten Mitarbeitern Rumpf und Flügel vorwiegend aus Holz fertigten, alles zu einem der drei Hangars am Flugplatz im Stadtteil Grone zur Endmontage brachten? Darüber rätseln Experten noch heute.

In Göttingen entstand 1943 Düsen-Flugzeug - es sollte 1000 km/h schnell sein

Die Horten-Brüder waren schon als Kinder fasziniert vom Fliegen. Früh experimentierten sie mit den Nurflügel-Flugzeugen ohne Seitenleitwerk und mit Flugeigenschaften eines Vogels. Sie bauten im elterlichen Haus in Bonn die Gleiter H 1 und H 2, später die zweimotorige H 5a. 1936 wurden sie Offiziere der Luftwaffe, nutzten die Möglichkeiten, die ihnen das NS-Regime und die Kriegsrüstung boten, arbeiteten bei der Kunststoffentwicklung auch mit der Dynamit Nobel AG zusammen, die im Krieg Tausende Zwangsarbeiter ausbeutete.

Das Blatt des Krieges hatte sich im August 1943 gewendet, dank der Radartechnik der Briten, die deutsche Flugzeuge im Anflug früh erkannten und bekämpften. Zudem brachten alliierte Bomberflotten Zerstörung und Tod in deutsche Städte. Reimar und Walter Horten präsentierten ihrem höchsten Vorgesetzten, Hermann Göring, Pläne der H IX. Die Maschine sollte die bis dahin irrealen Vorgaben des Luftwaffen-Oberbefehlshabers für neue Bomber erfüllen: 1000 km/h schnell, 1000 Kilometer Reichweite und 1000 Kilo Bombenlast.

Göttingen: Flugzeug sollte Nazi-"Wunderwaffe" sein 

Die zunehmend kopflos agierende NS-Führungsriege um Göring sah in der H IX eine geheime Wunderwaffe, die die Kriegswende bringen könne. In drei Monaten sollten die Brüder Horten in Göttingen den zweitstrahligen Jet flugfähig bekommen – ein schier unmögliches Unterfangen, benötigten doch 40 Leute einen Monat, um die Holzteile der H IX mit 15 Meter Spannbreite zu fertigen. 

Flugzeugtorso am Haken: Amerikanische Besatzungssoldaten fanden in Thüringen die Reste einer Horten 229/H IX und brachten sie in die USA.

In Göttingen, wo auch mehrere Horten IV Lastensegler gebaut wurden, gab es einen Fliegerhorst und einen Forscher, den die Horten-Brüder verehrten: Prof. Ludwig Prandtl, den Leiter der Aerodynamischen Versuchsanstalt, Vorläufer des heutigen Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR). Von Prandtl erhofften sie sich Unterstützung und Versuche im hypermodernen Windkanal. Dazu kam es aber nicht. Gleichwohl unternahmen Prof. Josef Stüper Testflüge mit einer Horten Vc. Sie touchierte einmal das Dach einer Halle, der Pilot blieb unverletzt.

Göttingen: Neuartiges Nazi-Flugzeug stürzte bei Testflug ab

Bis Februar 1945 arbeiteten die Horten-Brüder an ihrem sechsstrahligen, so selbstgenannten „Amerika-Bomber“, der nach Hitlers Absicht Angriffe auf New York fliegen sollte. So verpassten die Brüder den Moment, als der Testpilot Erwin Ziller am 18. Dezember 1944 in Oranienburg mit der Horten „H IX V 3“ zum Erstflug abhob. Es wurde einer von vier Testflügen der Maschine, die dem Düsenjäger ME 262 trotz gleicher Triebwerke wegen ihrer Flugeigenschaften überlegen war. Beim vierten Testflug setzte ein Triebwerk aus, die Horten 229 stürzte ab, Ziller kam dabei ums Leben. Das Unglück bedeutete das Aus für die Horten-Nurflügler.

Als die Amerikaner am 8. April 1945 auf dem Göttinger Flugplatz die Hangars öffneten, entdeckten sie zwar ein Kampfflugzeug und Ersatzteile, aber eine „Wunderwaffe“ der Nazis blieb zunächst verschwunden: die HO 229. Sondereinheiten wurden jedoch bald im thüringischen Friedrichsroda fündig. Dort stand in einer Halle der Rumpf der Horten.

Nazi-"Wunderwaffe" aus Göttingen: USA erbeuteten Baupläne für Flugzeug

Im Juni 1945 wurde der Torso mit der Mission Seahorse in die USA verschifft. Dank der erbeuteten Baupläne wurde der Nurflügler dort fertiggestellt – fliegen aber sollte er nie mehr, stattdessen über 60 Jahre mit Kriegsbeutestücken im Smithsonian Museum in Washington vor sich hinrosten.

Der heutige Tarnkappen-Bomber: Ein B 2 der US Air Force im Anflug.

Fliegen konnte auch der Nachbau der Northrop-Techniker nicht. Sie postierten das Fluggerät auf einem Mast, wo er zum ersten Mal Radarwellen ausgesetzt wurde. Ergebnis: eine um 20 Prozent reduzierte Radar-Sichtbarkeit. Im Wissen darum simulierten die US-Experten einen Angriff mit der Horten 229 auf England. Die Vorwarnzeit für die Abwehr wäre nur 150 Sekunden gewesen – wegen der enormen Geschwindigkeit und der Tarnkappen-Eigenschaft des Nazi-„Wunderflugzeugs“.

Göttingen im Zweiten Weltkrieg: Vom Flugplatz zur Filmkulisse

Die Göttinger blickten in den letzten Kriegsjahren oft voller Angst zum Himmel. Immer wieder gab es Fliegeralarm, wenn alliierte Bomberflotten mit ihrer todbringenden Last unterwegs waren. Manchmal aber entdeckten sie beim Blick nach oben auch wenig furchterregende Fluggeräte, die anders aussehen als alle bekannten Maschinen: Nurflügler. Sie hoben vom Fliegerhorst im Westen der Stadt ab, teilweise geschleppt als Segler, später mit eigenem Propellerantrieb als Motorsegler. Die Fluggeräte schienen für den Betrachter nur aus einem Flügel zu bestehen. Der Göttinger Flugplatz wurde so zum Erprobungsort für die Horten-Nurflügel-Flugzeuge.

Der Flugplatz in Göttingen wurde nach dem Krieg auch für Segelflugzeuge genutzt. Nebenan entstand das damals modernste Filmstudio Deutschlands.

Probeflüge mit Gleitern gab es damals auch in der Rhön. Vom Götiinger Flugplatz starteten und landeten bis 1961 Segelflugzeuge, heute stehen dort Industriebauten. Kurz nach dem Krieg fand die „Filmaufbau GmbH“ von Hans Abich und Rolf Thiele ihr Domizil, und es entstand in einer Halle das modernste Filmatelier in Deutschland. Bald wurden – auf dem Ex-Militärtestflugplatz der Nazis – in der „Göttinger Serie“ viel beachtete Anti-Kriegsfilme gedreht. 1959 entstand auf dem Außengelände für „Hunde, wollt ihr ewig leben“ als Kulisse das zerstörte Stalingrad.

Hintergrund: Bücher und Film

Ein umfangreiches Dokument, auch über die Zeit in Göttingen, ist: „Nurflügel“ von Reimar Horten und Peter F. Seliger, H.Weishaupt-Verlag, 240 S., 410 Abbildungen, 42,90 Euro.

Eine zusammenfassende Aufarbeitung: „Horten Nurflügel-Jets“ von Uwe W. Jack, Flieger-Revue, 19,90 Euro.

Von Thomas Kopietz

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