Göttingens Oberbürgermeister Köhler: „Stolz, in dieser Stadt zu leben“

Schnell geplant und gebaut: Die Stadt Göttingen hat einige Flüchtlingsunterkünfte neu gebaut, soch auch in der Weststadt an der Europaallee, Stadtteil Holtenser Berg. Foto: Kopietz

Göttingen. Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler ist im dritten Amtsjahr und bricht für „seine" Stadt und die Göttinger eine Lanze.

Das Stadtoberhaupt spricht im HNA-Interview über den Wohnungsbau und vorbildliches Engagement von Haupt- und Ehrenamtlichen, zum Beispiel in der Flüchtlingsarbeit.

Herr Köhler, in Ihrer Neujahrsrede haben sie nach vorne geschaut, auf Pläne und Ziele hingewiesen. Blicken wir noch einmal zurück: Was war für sie bisher prägend?

Rolf-Georg Köhler: Vor allem, dass wir viel bewegt haben in der Integrationsarbeit mit Flüchtlingen. Wir haben den Zustrom an Flüchtlingen seit Herbst 2015 bewältigt und sind im Gegensatz zu vielen anderen Städten ohne Notlager in Zelten ausgekommen. Besonders toll, ja bewegend war, wie viele Menschen mitgeholfen haben. Die Ehrenamtlichen und die Hauptamtlichen. Und dabei stelle ich ausdrücklich auch die Mitarbeiter im Rathaus heraus, die Außerordentliches geleistet haben und leisten. Wütend macht es mich, wenn diese unberechtigterweise kritisiert, gar als unmenschlich in ihrem Handeln bezeichnet wurden. Viele Menschen in Göttingen haben sehr, sehr viel geleistet, um diese große Aufgabe zu meistern. Das macht mich stolz, in dieser Stadt mit diesen Menschen zu leben.

Ehrenamtlich passierte auch in anderen Städten viel. Was aber hat die Stadt Göttingen besonders gut gemacht?

Köhler: Sicher den Mut bewiesen, Wohnungen für Flüchtlinge zu bauen, unkompliziert, in Kooperationen wie mit der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft und vor allem schnell, schneller als man geglaubt hatte, so etwas zu realisieren. Wir haben vier Flüchtlingsunterkünfte mit etwa 600 Plätzen gebaut. Die alte Voigt-Schule und das ehemalige IWF umgebaut und belegt sowie die Unterkunft in der Halle am Siekanger hergerichtet.

Darum gab es aber heftige Diskussionen...

Köhler: Hört man noch etwas davon? Nein! Das zeigt doch, dass es funktioniert. Und „unmenschlich“, wie von Kritikern gesagt, sind die Bedingungen dort wirklich nicht. Auch dort sind Ehrenamtliche eingebunden. Auch dort läuft es gut. Und: Es entstehen weitere Wohnungen, so in der Nähe des Albrecht-Thaer-Studentenwohnheims in der nördlichen Oststadt.

Diese Wohnungen werden vielleicht gar nicht mehr für Flüchtlinge gebraucht...

Köhler: Das wissen wir nicht, die weltpolitische Lage ist nicht vorhersehbar; was ist, wenn die humanitäre Lage es verlangt, mehr Menschen aufzunehmen? Aber: Die Wohnungen können auch später anderen Menschen, z.B. Studierenden, angeboten werden. Denn der Bedarf in Göttingen ist groß.

Richtig. Wie will die Stadt denn der Wohnungsnot gerecht Herr werden?

Köhler: Not ist nicht das richtige Wort. Es fehlen bezahlbare Wohnungen unterschiedlcher Größe, das ist richtig. Wir wollen mittelfristig eine bessere Planung von möglichen Bauflächen hinbekommen, stoßen aber an Grenzen. Die neue Flächennutzungsplanung gibt eigentlich nicht genug her. Wir werden deshalb, wie schon mehrfach gesagt, Flächen intensiver nutzen müssen. Stichwort: Verdichtetes Bauen, was lange verpönt war, wird in deutschen Städten ein unumgängliches Thema werden. Gebäude werden also höher gebaut. Im Quartier am Lönswerg werden durch Abriss, Neubau und Sanierung so wohl mehr Wohnungen entstehen, als jetzt dort vorhanden sind. Grundsätzlich müssen aber auch Baulücken gefüllt werden - das wird auch für Diskussionen sorgen.

Weiteres Bauprojekt ist das Sartorius-Quartier in der Nordstadt. 2018 nach dem Wegzug des Unternehmens auf den Sartorius-Campus soll ein gemischtes, lebendiges Viertel entstehen. Daran gibt es Kritik - auch aus der Politik.

Köhler: Zunächst ist festzustellen: Die Projektierung ist von Beginn an öffentlich begleitet worden, von Bürgern, von der Stadt, vom Unternehmen. Der Gesundheitscampus von HAWK und Uni-Medizin ist dort schon eingezogen, provisorisch, aber mit Perspektive. Zum Sartorius-Quartier: Ich bin überzeugt von dem Entwickler aus Hamburg, habe mir selbst die dort realisierten Projekte angeschaut. Sie sind überzeugend. Es ist dennoch verständlich, wenn sich Politiker und andere Menschen Sorgen machen, dass zu wenige für viele Menschen bezahlbare Wohnungen entstehen könnten.

Von Thomas Kopietz

Zur Person

Rolf-Georg Köhler (65) ist seit dem 1. November 2014 Oberbürgermeister seiner Geburtsstadt Göttingen. Er besuchte dort das Max-Planck-Gymnasium, wo er 1972 das Abitur ablegte. Anschließend studierte er bis 1976 in Berlin, dann bis 1978 an der Universität Göttingen Betriebswirtschaftslehre. Nach dem Studium begann laut Online-Lexikon Wkipedia er eine Ausbildung zum Sparkassenkaufmann, die er 1980 beendete. Es folgten 18 Jahre als Mitarbeiter der Sparkasse Göttingen, darunter auch als Leiter der Immobilienabteilung, bevor Köhler 1998 Geschäftsführer der Städtischen Wohnungsbau GmbH wurde. 1974 trat er der SPD bei. Rolf-Georg Köhler ist ledig, wohnt im Stadtteil Grone und reist sehr gerne. Außerdem fehlt er nie unentschuldigt bei den Basketballspielen der BG Göttingen, vor allem nicht bei den Begegnungen des Damen-Teams. (bsc)

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