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Göttingens Oberbürgermeisterin Petra Broistedt: In 100 Tagen vom Azubi zur Gesellin

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Von: Thomas Kopietz

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Über den Dächern der Uni-Stadt: Göttingens Stadtoberhaupt ist weiblich, zum ersten Mal in der Historie: Petra Broistedt ist seit 100 Tagen Oberbürgermeisterin.
Über den Dächern der Uni-Stadt: Göttingens Stadtoberhaupt ist weiblich, zum ersten Mal in der Historie: Petra Broistedt ist seit 100 Tagen Oberbürgermeisterin. © privat/nh

Seit genau 100 Tagen ist die neue Göttinger Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) im Amt – eine erste Bilanz.

Göttingen – Petra Broistedt öffnet höchstpersönlich die schmucklose Seitentür im Neuen Rathaus: „Wollen wir die Treppen nehmen?“, fragt die Oberbürgermeisterin – und geht vor. Vor dem Büro im zweiten Stock haben Mitarbeiter schon zum Dienstantritt am 1. November das Schild an der Wand verändert und „gegendert“: „Oberbürgermeisterin“, diesen „-in“-Zusatz brauchte es in der Stadtgeschichte Göttingens zuvor nie.

Broistedt ist das erste weibliche Stadtoberhaupt. Allein das sichert ihr für ewig den festen Platz in den Annalen Göttingens.

Im nun deutlich größeren Büro hängen dieselben Bilder wie zuvor im siebten Stockwerk.

Der Umzug der Bilder, der etagenweise Abstieg und der berufliche Aufstieg von der Dezernentin für Soziales und Kultur zur Oberbürgermeisterin ist genau 100 Tage her. Die Medien-Schonfrist ist verstrichen, die obligatorische selbst auferlegte Feuerpause der Medien vorbei, die aber laut Broistedt nicht immer beachtet wurde,

Eine Eingewöhnungszeit von 100 Tagen brauchte die Petra Broistedt (SPD) nicht. „Ich kenne das Haus, viele Mitarbeitende, die Themen“, beschreibt Broistedt. „Trotzdem gab es viel neues wie beispielsweise die Aufsichtsratstätigkeiten bei den Stadtwerken und der EAM. Deshalb habe ich gesagt, ich bin Oberbürgermeisterin in Ausbildung. Deshalb habe ich gesagt, ich bin Oberbürgermeisterin in Ausbildung.“ Neu ist auch der allwöchentliche Austausch per Video-Konferenz mit den Oberbürgermeistern der niedersächsischen Städte. „Dieses Abstimmen untereinander hilft sehr“, schildert die 57-Jährige und nennt als Beispiel die Öffnung und Schließung der Weihnachtsmärkte.

Das war gleich ein prickliges Thema für die neue Verwaltungschefin. „Wir haben zunächst geöffnet und als eine der ersten großen Städte wieder geschlossen“, schildert sie den schwierigen Prozess. „Wir wollten den Menschen ein Stück Freiheit zurückgeben – bei geringerem Infektionsrisiko draußen. Aber es gab Gedränge, die weitere Öffnung war weder kontrollier- noch verantwortbar.“

Positiv streicht die Verwaltungschefin nach 100 Tagen die gute und effektive Zusammenarbeit mit den Dezernentinnen und Fachbereichsleitungen heraus.

Geärgert hat sich die neue Oberbürgermeisterin auch schon mächtig, nämlich darüber, dass es mit dem Impfen nicht so schnell voranging, vor allem, weil die Impfzentren vom Land geschlossen wurden, am nächsten Tag mobile Impfteams aufgebaut werden mussten. „Infrastruktur und Personal aber waren weg“, sagt Broistedt kopfschüttelnd. „Wir mussten Computer und Geräte an das Land zurückgeben, um sie dann wieder zu bestellen und acht Wochen vergingen, bis sie wieder da waren“, schildert die ehemalige Krisenstabsleiterin. Diese Position nimmt übrigens zurzeit Schuldezernentin Maria Schmidt kommissarisch ein.

Stellen muss sich Broistedt aber auch den Themen und Problemen, die schon Vorgänger Rolf-Georg Köhler quälten und nicht bewältigt werden konnten, wie der Neuaufstellung eines schlagkräftigen Stadtmarketings. Das hat auch Broistedt auf der Agenda. Daran wird sie sich messen lassen müssen. Auch an dem 521 Millionen Euro umfassenden Haushaltsentwurf 2022 war sie weitaus mehr als zuvor beteiligt. Stolz klingt durch, wenn die ehemalige Sozial-Dezernentin sagt: 50 Millionen davon sind allein für Kinderbetreuung, so viel wie nie zuvor.“ Kritik aber erntet sie von Klimaschützern: 13,6 Millionen dafür seien viel zu wenig. Broistedt hält dagegen: „Das ist eine echte Hausnummer. Knapp ein Drittel unserer Investitionen gehen in den Klimaschutz – immerhin auch sechs neue Stellen. Und 2030 wollen wir klimaneutral sein.“

Akut muss die Oberbürgermeisterin mit einem Dauer- Ärgernis für die Bürger umgehen. Der Personalmangel schlägt im Einwohnermeldeamt erneut durch (siehe untenstehenden Bericht). Nach 100 Tagen „mit viel Lernen und Unterstützung“ übrigens bezeichnet sich Petra Broistedt als „Gesellin“. Das ging also ziemlich fix von der Auszubildenden zur Gesellin. „Schauen wir mal, ob ich es in fünf Jahren zur Meisterin schaffe.“ Am Ende der 100-Tage steht für sie das Fazit: „Mir macht der Job unheimlich Freude – und es macht mir Spaß jeden Tag ins Rathaus zu kommen.“

Die richtige Etage findet sie dort nun auch. Zu Fuß übers Treppenhaus. Nachdem das Drücken des richtigen Knopfes mit der „2“ in den ersten Wochen so gar nicht klappen wollte und dort stets noch die „7“ aufleuchtete. „Jetzt klappt´s!“ Eine Aufgabe wäre also bewältigt, viele weitere und weitaus schwierigere stehen für die gebürtige Uelzenerin in Göttingen an. (Thomas Kopietz)

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