Nachfolger-Suche geht weiter

Göttingens Uni-Präsident Jahn und seine klaren Worte zum Abschied

Uni-Präsident Reinhard Jahn
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„Ein Glücksfall“ als Interimspräsident: Das sei laut Stiftungsratsvorsitzender Peter Strohschneider Reinhard Jahn für die Uni Göttingen gewesen.

Wechsel an der Spitze der Universität Göttingen: Interimspräsident Prof. Dr. Reinhard Jahn wurde zum Ende des Jahres – wie vorgesehen– verabschiedet.

Göttingen – Weil die Suche nach einem Nachfolger oder eine Nachfolgerin noch nicht beendet ist, wird Vizepräsidentin Dr. Valerie Schüller die Uni kommissarisch leiten.

Reinhard Jahn hat gehalten, was er zugesagt hatte: Als Moderator und Lenker der im Sturm schwankenden Traditionsuniversität Georgia-Augusa dieser wieder festen Stand und Orientierung zu geben, zudem den Teamgeist und die Stimmung in Gremien sowie im Maschinenraum zu verbessern – nach einer fragilen Phase mit dem vorzeitigen Ausscheiden von Ulrike Beisiegel und der missglückten Nachfolgersuche. Jahn wollte maximal ein Jahr wirken, so kam es.

Abschied im Netz

Reinhard Jahn kann auf pompöse Verabschiedungen mit manchmal vortrefflichen wie häufig standardisierten Worten sicher verzichten. Dass aber nur eine Handvoll Personen in der Aula am Wilhelmsplatz saßen, wenige Hundert vor der Live-Übertragung im Netz – das war der Pandemie geschuldet und schade. Die Pandemie, wie Jahn sagte, hat vieles – auch in der Uni – auf den Kopf gestellt. Man habe sehr viel gelernt. Vieles, was geplant war, habe wegen Corona zunächst zurücktreten müssen, sagte Jahn in einer bemerkenswerten Rede, mit der er nahtlos an seine Antrittsansprache im Dezember 2019 anknüpfte und die einen kräftigen Applaus verdient gehabt hätte.

Klima verbessert

Valerie Schüller kleidete in Worte, was viele gedacht und hinterher beim üblichen Sektempfang Reinhard Jahn gerne mitgegeben hätten: „Mit Ihnen verlässt eine Persönlichkeit die Universität, die in nur einem Jahr so viel auf den richtigen Weg gebracht hat.“ Dabei hätten ihm seine „klaren Vorstellungen von seiner Spitzen-Universität“ geholfen, wie Schüller sagte, die Jahns Herangehensweise betonte: er sei offen für sachliche Diskussionen, stets an der Sache orientiert, immer, um das Beste zu erreichen. Dem Zuhörer blieb im Kontext der fein akzentuierten Lobesworte Schüllers auch die Kritik am Vorher nicht verborgen. „Der wertschätzende Umgang, mit dem Jahn allen begegnet, hat das Klima an unserer Universität völlig verändert.“ Er habe immer das Ganze im Blick gehabt. Der Uni werde die wertschätzende Art und den klaren, strukturierten Blick sehr fehlen, sagte Schüller: „Danke, lieber Herr Jahn.“

Spitzen-Universität

Der Gelobte selbst agierte in seiner Rede authentisch: bescheiden und dennoch selbstbewusst, diplomatisch und dennoch klar die Fehler und Missstände benennend. Aber, ganz im Stile eines souveränen Trainers, strich er mehrmals die Stärken der Uni heraus, nicht lobhudelnd, sondern an Beispielen aufgehängt: Vier verlängerte Sonderforschungsbereiche, ein neuer SFB, mehr als 20 Bundesprogramme, in denen die Uni federführend ist, dazu preisgekrönte etablierte wie aufstrebenden Forscher. Für die Fortschritte bei der Digitalisierung – zwangsgetrieben auch durch die Pandemie – lobte er Vize-Präsident Norbert Lossau. Er habe zudem ein starkes Miteinander von Uni, UMG und Forschungseinrichtungen erlebt.

Finanzsorgen

Bauchschmerzen plagten Jahn bei den Gedanken an das Prestigeobjekt der Vorgängerin, das Forum Wissen. „Wir hätten es nicht mehr aus eigener Kraft schaffen können.“ So half das Geld aus Berlin, möglich gemacht vor allem mit dem „unermüdlichen Einsatz von Thomas Oppermann – bis zu seinem viel zu frühen Tod“.

Jahn geht und macht sich „zunehmend Sorgen um die Finanzen der Universität“. So habe das Land überraschend den Etat 2020 gekürzt, ebenso stünde das für 2021 an. Auch gebe es einen Investitionsrückstau von rund einer Milliarde Euro. Gleichwohl machte er klar: „Wir werden aus Steuergeldern finanziert – wir müssen die Gesellschaft von unserer Tätigkeit überzeugen. Ohne Forschung wären auch die Fortschritte in der Medizin nicht möglich und ohne akademische Grundlagenforschung gäbe es die Impfstoffe nicht.“ Die erste Corona-Welle sei gut gemeistert worden, weil man auf Wissenschaftler gehört habe. „Diesen Rat habe man vor der zweiten Welle nicht beachtet. „Vieles geschah zu zögerlich, zu spät – das war keine Sternstunde des deutschen Föderalismus.“

Wieder Forscher

Innerhalb der Uni sei es ihm darum gegangen, „eine positive Grundstimmung zu schaffen“. Das scheint gelungen zu sein, wie einige Dankesvideobotschaften hinterher bestätigten, die auch aus Forschungsinstituten und der Uni-Medizin kamen. Das Jahr als Präsident hat „mein Leben bereichert“, zeigte sich Jahn demütig, der sich nun aber wieder aufs Forschen mit seiner Gruppe am MPI für biophysikalische Chemie freut, auch auf die klar strukturierte Teamarbeit. Aus der Amtszeit bliebe zudem eine weitere Erfahrung: „Mir war nicht klar, wie viel Zeit man mit zwischenmenschlichen Problemen verbringt.“

Reinhard Jahn, der lernende Präsident, hat versucht, sie im persönlichen Gespräch zu regeln – denn im „Mäusekino“ vor dem Bildschirm geht vieles, aber nicht alles – so auch in Administration, Forschung und Lehre, was die Pandemie zeigt. (Thomas Kopietz)

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