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„Nur manchmal gewinnt der Bessere“: Göttingens Uni-Präsident über sein Fußballbuch

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Von: Thomas Kopietz

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Die Deutsche Nationalmannschaft nach ihrem letzten WM-Spiel in Katar.
Das wars! Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verlässt am 1. Dezember nach dem Sieg über Costa Rica frustriert das Spielfeld. Sie ist ausgeschieden. © Federico Gambarini/dpa

Fußballbuch-Autor und Göttingens Uni-Präsident Metin Tolan über die Prognose zur Weltmeisterschaft 2022 in Katar.

Göttingen – Prof. Metin Tolan, der Präsident der Georg-August-Universität in Göttingen, trinkt durchaus gerne aus einer VfB-Stuttgart-Tasse. Der Professor für Experimentelle Physik mit dem Faible für Fußball erklärt in seinen Büchern gerne mal die Physik in legendären TV- und Kino-Streifen wie Star-Trek und James Bond.

Weitaus verwegener aber ist seine 2010 erschienene Vorhersage für den Ausgang der Fußballweltmeisterschaft im selben Jahr in Südafrika mittels einer WM-Formel.

Göttingens Uni-Präsident und Autor Metin Tolan veröffentlicht neues Fußballbuch

Nachdem eine Wahrscheinlichkeitsrechnung für Tolan wenig aussagekräftig war – auch, weil viel zu hohe Prozentwerte GEGEN einen Titelgewinn der Deutschen Nationalelf 2010 sprach. Seine „WM-Formel“ basierte auf periodischen Ereignissen bei Platzierungen Deutscher Nationalmannschaften zuvor und einer Kosinusfunktion mit Bogenmaß: Sie versprach mehr Positives: Demnach „musste“ Deutschland 2010 Weltmeister werden. Für 2014 war demnach ein Tief zu erwarten.. Es kam anders.

Uni-Präsident, Physiker und Fußballfan: Prof. Metin Tolan.
Uni-Präsident, Physiker und Fußballfan: Prof. Metin Tolan. © Vetter/nh

Metin Tolan jedenfalls verfasste all das mit kräftigem Augenzwinkern, hatte große Freude an seinem Werk das zunächst „So werden wir Weltmeister – Die Physik des Fußballspiels“ hieß.

Und Tolan amüsierte sich über die vielen, vielen Reaktionen darauf. Grund genug, den Fußball-Experten zu fragen, was denn 2022 in Katar schiefgelaufen ist mit „Hansis“ Team.

Herr Tolan, Sie haben ja bereits 2010 eine auf physikalischen Grundlagen basierende Handlungsanleitung für den Gewinn der Fußball WM verfasst. Warum hat denn Hansi Flick diese Vorlage nicht verwandelt? Haben Sie ihm das Buch etwa nicht geschickt?

Nein, Hansi Flick hatte das Buch offenbar nicht. Es hat heute übrigens den Titel „Manchmal gewinnt der Bessere – Die Physik des Fußballspiels“. Und der Titel beschreibt die Realität, wie wir jetzt wissen.

Sie sind Fußballfan - waren Sie das auch bei dieser WM in Katar?

Ich bin schon lange kein sehr großer Fan des Profifußballs mehr, weil das Ganze nur noch am Rande mit Sport zu tun hat. Die WM in Katar war nur noch das berühmte Tüpfelchen auf dem i. Daher fand ich das frühe Ausscheiden der Deutschen bei dieser WM durchaus erträglich.

Sie haben eine Erfolgsformel, die „WM-Formel“ entwickelt: Fassen Sie diese bitte doch einmal kurz zusammen. Welche Erfolgswahrscheinlichkeit hat sie bei Anwendung?

Das war damals eher als Spaß gemeint. Die Wahrscheinlichkeitsrechnungen waren allerdings kein Spaß: Tore fallen im Fußball nach einer sogenannten Poisson-Verteilung. Mit der gleichen Wahrscheinlichkeitsverteilung können sie den radioaktiven Zerfall beschreiben. Für den Physiker sind Fußballmannschaften also nichts anderes als radioaktive Quellen – in der Physik emittieren sie Strahlung, im Fußball Tore. So kann man dann Siegwahrscheinlichkeiten berechnen.

Was hat denn Hansi Flick falsch gemacht – aus Sicht des Physikers?

Eigentlich nichts, denn im Fußball gewinnt ja nur manchmal der Bessere! Auch in diesem Satz steckt viel mathematische und physikalische Wahrheit.

Wer wird denn aus der Sicht des Physikers und Professors Metin Tolan Weltmeister 2022?

Die Mannschaft, die nach Abpfiff des Finales – und dem Studium aller Szenen durch den Videoschiedsrichter – mehr Tore erzielt hat.

Das ist nicht überraschend. Und wer wird aus der sympathiegetragenen Bewertung des Metin Tolan?

Die Mannschaft, der man es am wenigsten zutraut.

Sie sagten einmal, dass Sie extrem viel Arbeit in Forschungen und Veröffentlichungen dazu gesteckt haben, aber nie eine solche Medienaufmerksamkeit wie auf das „Fußball-Werk“ hatten. Wie erklären Sie sich denn diese öffentliche Macht des Fußballs und des Fußballspiels?

Ja das stimmt. Durch Ihre akribische, fleißige und vielleicht sogar geniale Forschung werden Sie niemals so viel Aufmerksamkeit gewinnen wie durch die Entwicklung irgendwelcher Spaßformeln zum Fußballspiel. Das liegt sicher daran, dass Fußball ein sehr einfaches Spiel ist. Jeder und jede wird mitgenommen. Wenn ich nicht Uni-, sondern FIFA-Präsident wäre, dann würde ich allein deswegen den Videoschiedsrichter VAR wieder abschaffen, und es hätte auch ganz sicher keine WM in Katar gegeben.

(Thomas Kopietz)

Spannende Bücher: Autor Metin Tolan blickt mit einem Augenzwinkern auf Phänomene und Ereignisse

Prof. Metin Tolan hat eine ganze Reihe von Büchern geschrieben, mit denen der Universitätspräsident und Physiker mit Augenzwinkern auf verschiedene Phänomene und Ereignisse blickt.

Mit dem Geheimagenten schlechthin befasst sich der 57-Jährige in seinem Buch „Geschüttelt, nicht gerührt: James Bond im Visier der Physik – 007 in wissenschaftlicher Mission“. Darin beantwortet der Wissenschaftler die Frage, wie viel Realität hinter den Erfindungen von Tüftler Q steckt. Außerdem erfährt der Leser, wie es Geheimanagent James Bond immer wieder schafft, tödliche Situationen zu überleben.

Im Buch „Die Star Trek Physik“ beschreibt die Wissenschaft hinter der Kultserie. Autor Tolan zieht dabei selbst Nicht-Trekkies mühelos in seinen Bann, heißt es von Kritikern. Nach der Lektüre des 2017 erschienenen Buches sprachen sie mit Blick auf Tolan von „Deutschlands womöglich coolstem Physikprofessor“.

2011 erschien „Titanic: Mit Physik in den Untergang“. Darin erläutert Tolan beispielsweise, was die Titanic und eine Ente gemeinsam haben.

Seinen Anteil am Erlös der Veröffentlichungen steckt Tolan nach eigenen Angaben in das Deutschland-Stipendium, das Studierende für jeweils ein Jahr unterstützt. (bsc)

ZUR PERSON

Metin Tolan (57) ist seit 2021 Präsident der Universität Göttingen. Er war Professor für Experimentelle Physik und Wissenschaftskabarettist. Er studierte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Physik und Mathematik. 2001 übernahm er den Lehrstuhl „Experimentelle Physik I“ an der Technischen Universität Dortmund. (bsc)

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