Schreiben gegen das Trauma

Göttinger Autorin Leona Stark: Poesie-Band über Umgang mit Angst und Belastungen

Eine blonde Frau steht auf einem Feld. Der Kamera den Rücke zugewandt, schaut sie in die Ferne
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Entscheidung: Die Göttinger Autorin zeigt ihr Gesicht bewusst nicht. Sie möchte so ihre Privatsphäre und die ihrer Familie schützen.

Die Göttingerin Leona Stark suchte lange Zeit nach einem Ventil, um verdrängte Traumata aufzuarbeiten. Bis Schreiben zu ihrer Therapie wurde und sie ihren ersten Poesie-Band veröffentlichte.

Göttingen – Verschluckte Angst, Enge ums Herz, das Gefühl verpasster Auswege. Verdrängte Traumata tauchen immer wieder auf, wenn sie nicht verarbeitet werden. Vor allem bleibt die Frage: Wie soll es weitergehen? Autorin Leona Stark hat sich mit genau dieser Frage beschäftigt – und ihre Erkenntnisse in einem autobiografischen Poesie-Band festgehalten.

In „Ich bin mehr als meine Traumata“, weiß die in der Nähe von Göttingen lebende Stark, wovon sie spricht: „Mein Leben war stark von belastenden Erlebnissen geprägt“, erzählt sie. Ihre eigene Diagnose lässt ahnen, welchen Kampf sie mit sich selber austrägt: Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS), Angststörungen sowie Depressionen.

„Ich habe lange Zeit nach einem Ventil gesucht, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das Schreiben war meine Therapie.“ Bereits in ihrer Kindheit habe sie poetische Texte verfasst, damit jedoch nach der ersten Traumatisierung aufgehört, erzählt sie. „Nun, 26 Jahre später, bekam ich den Impuls von meiner Therapeutin, diese Ressource zur Verarbeitung zu nutzen“ sagt Stark.

Inspiriert von der Kulisse im Levinschen Park in Göttingen hat die Buchautorin ihr aktuelles Buch mit viel Lokalbezug geschrieben. Eine „Liebeserklärung an meine Heimatstadt Göttingen“, nennt Stark ihr Werk. Entstanden ist das rund 90-seitige kleine Werk amheimischen Schreibtisch, „eine inspirierende Umgebung fürpsychologisch tiefgreifende Gefühle“, wie sie selbst sagt.

Leona Stark nutzt das Schreiben als Heilmittel

Doch wie kann etwas so Simples wie Schreiben helfen, um Lebenskrisen – zu denen für einige Menschen auch die Corona-Pandemie und die Lockdown-Monate gehören dürften – zu verarbeiten? Fest steht: Viele Menschen sind im Lockdown in tiefe Krisen gerutscht. Und auch wenn in Deutschland wieder Leben einkehrt, dürfen die persönlichen Folgen nicht vergessen werden.

Das Werk der Göttinger Autorin Leona Stark.

Anschaulich skizziert die Autorin in ihrem Lyrikband, wie sich das Schreiben für sie als Heilmittel entpuppte. „Die Welt, die du hinter dir lässt, ist trotzdem da, aber es fühlt sich besser an. Da dachte ich mir, ich könnte ja mal darüber schreiben.“

Für Stark ist ihr erstes Buch eine Art Befreiungsschlag eines vergangenen Lebenskapitels. Der Ausdruck der eigenen Erfahrungen und Gefühle sei unbedingt notwendig, weil so die Verarbeitung in das Bewusstsein dringen kann, erklärt Stark. Die Erlebnisse seien oftmals im Unterbewusstsein verborgen, deswegen sei es heilsam, die Überlebensstrategien mit Anderen zu teilen.

Die Göttinger Autorin spricht in ihrem Buch offen über ihre Gefühle und Traumata sowie die Konfrontation mit Lebensrealitäten, vor denen sie in der Vergangenheit allzu häufig die Augen verschlossen habe: „Menschen können in tiefe Krisen stürzen. Ob Post-Corona, eine Scheidung oder Verluste, jeder Einzelne kann betroffen sein. Meine Hoffnung ist, dass ich zeigen kann, wie es ist, in so einer Welt zurechtkommen zu können.

Das Wiedererlangen der Normalität ist ein kräftezehrender Prozess, das Zurückfinden in diese ist nach Leona Stark stets eine individuelle Herausforderung. „Wichtig ist, dass der Mensch erkennt, was ihm guttut, was ihm Frieden und Ruhe im Herzen bringt. Bei mir war es das Schreiben als Therapie.“

Was hilft also? Sich der eigenen Identität bewusst zu werden, ist sich Leona Stark sicher. Sie selbst versteht sich als Kämpferin. Ihren Kampf hat Leona Stark gewonnen – sie ist mit ihrer eigenen Familie angekommen. Wie sehr ihr das Schreiben geholfen hat, das offenbaren die letzten Zeilen ihres Buches: „Für den Moment hat meine Hoffnung meine Angst in mir besiegt.“

Da die Verarbeitung komplexer Traumata jedoch „eine Lebensaufgabe“ ist, wie sie selbst sagt, entstünden stetig neue Texte. „Mein zweiter Gedichtband wird noch in diesem Jahr erscheinen“, kündigt Leona Stark an. (Melanie Zimmermann)

ZUR PERSON

Leona Stark wurde 1983 in Neubrandenburg geboren. Nach dem Abitur studierte sie Philosophie und Soziologie, um die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen zu befördern. Sie versteht ihre Suche nach der Realität der Traumata als eine Lebensaufgabe und verfolgt das Ziel, eine breite Öffentlichkeit mit den Ergebnissen ihrer eigenen Forschungen über die Literatur zu erreichen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Göttingen und ist als freie Autorin tätig. mzi

Leona Stark „Ich bin mehr als meine Traumata“, 84 Seiten Books on Demand, ISBN: 9783752685565, 9,95 Euro.

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