Wanderer über dem Nebelmeer

Göttinger Band Mila Mar gibt beeindruckendes Comback in der Heimatstadt

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Feines Licht, wunderbare Atmosphäre: Sängerin Anke Hachfeld beim Konzert der Gruppe Mila Mar am Mittwochabend in der Göttinger Musa.

Göttingen. Die Erwartungen waren groß am Mittwochabend im nahezu ausverkauften Musa. 17 Jahre hatten Mila Mar nicht in ihrer Heimatstadt gespielt, 15 Jahre war die Band getrennt, die Auflösung verlief nicht gerade friedlich.

Über einen solchen Zeitraum kann sich viel verändern. Vor allem der Zeitgeist.

Und dann: „Guten Abend, schön, dass ihr alle da seid. Und wir auch. Schön, dass wir alle leben, das ist doch das Wichtigste“, flüstert Sängerin Anke Hachfeld ins Mikrofon. Die ersten drei Songs, „Fliedermoos“ vom neuen Album, „Nova“ und „Elfentanz“ - was für ein Auftakt! Nur wenige Bands können es sich leisten, drei ihrer bekanntesten Stücke gleich am Anfang zu spielen, weil sie wissen, dass ihre anderen Kompositionen ebenso stark sind, egal aus welcher Zeit. Auf „Follow me“ vom dritten Album folgten mit „Haime“ und „Rose“ zwei Songs von der neuen EP und mit „1,5“ ein Stück vom Debüt aus dem Jahre 1997. Mila Mar waren wieder zurück. Wie früher und doch ganz anders.

Denn die neuen Songs und die überarbeiteten Arrangements der alten zeigen, dass die Band im Jahr 2018 angekommen ist und beim Publikum, alten wie neuen, neugierigen Fans ankommt und sie emotional packt. Es gibt keine Ansagen zwischen den Songs. Anke Hachfeld verneigt sich zum Applaus, haucht gelegentlich ein feenhaftes ‚Danke‘ ins Mikro und plötzlich ist es wieder absolut still im Musa-Konzertsaal. Alle sind gekommen, um die Musik zu hören, niemand redet, eine Ausnahmeerscheinung bei Konzerten.

Dafür wird geweint, gelächelt, sich sanft zu den melancholischen Stücken und tanzend zu den euphorisch stimmenden bewegt. Anke Hachfelds Vier-Oktaven-Stimme ist das vierte Instrument neben Drums (Lars Watermann), Geige (Katrin Beischer) und den Synthesizern (Maaf Kirchner), denn ihre Fantasiesprache fügt sich in den Sound ein und lenkt nicht mit Texten ab.

Immer wieder tauchen als Projektion im Hintergrund kurze Videos auf, die einen schwarz gekleideten Jungen in einer kargen Felsenlandschaft (aufgenommen in Norwegen) zeigen. Das Motiv erinnert nicht von ungefähr an Caspar David Friedrichs Gemälde vom „Wanderer über dem Nebelmeer“. Mila Mar 2018 sind Wanderer im Nebelmeer. Gemeint ist damit nicht der dezent eingesetzte Bühnennebel. Wie der Wanderer auf dem berühmten Gemälde ist die Band das Fassbare. 

Mit dem Nebel aber, bei Mila Mar mit der Musik, beginnt das nicht mehr Greifbare, wird alles dem Denken und den Gefühlen des Betrachters/Hörers überlassen. Die reale Welt verbindet sich für zwei Stunden mit der Seelenwelt jedes einzelnen Zuhörers, Enge und Weiten, Höhen und Abgründe. „Was bleibt?“ heißt der letzte Song des Sets. Auf jeden Fall Mila Mar. „Wenn nichts mehr ging, gab es immer noch Mila Mar in meinem Leben“, sagt ein Zuschauer, der glücklich das Musa verlässt. Schön, dass es sie wieder gibt.

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