Radikale Umtriebe „im Auftrag des Islam“

Göttinger Extremisten knüpfen an Ausgrenzungserfahrungen junger Migranten an

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Seit dem Verbot des Kalifatstaats besteht die Göttinger Gemeinde als privater Freundeskreis fort: Sie trifft sich im Souterrain an der Levinstraße 2.

„Im Auftrag des Islams“ nennt sich eine zehn bis 15 Personen starke Gruppe aus Göttingen und dem nordhessischen Sontra, die im Internet islamistische Inhalte verbreitet.

Göttingen – Sie ist die derzeit auffälligste radikale Gemeinschaft dieser Art in der Region, berichtet der Göttinger Politikwissenschaftler Lino Klevesath.

Beobachtet wird die Gruppe auch vom Göttinger Projekt Radipräv, das seit Januar 2019 bei Fällen religiös begründeter Radikalisierung Betroffenen und Angehöringen, aber auch Lehrern und Sozialpädagogen Informationen und Beratungen anbietet. „Im Auftrag des Islams lehnt Demokratie und Pluralismus ab“, meint eine der beiden Radipräv-Mitarbeiterrinen, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte. Die drei Prediger der Gruppe produzierten viele Videos. „Allerdings sind sie noch in alten türkischen Strukturen verhaftet, was ihre Attraktivität für Migranten der zweiten und dritten Generation mindert“, meint Klevesath.

„Entstanden ist 'Im Auftrag des Islams' 2007 im Umfeld der Kalifatstaatbewegung, die Cemaleddin Kaplan 1994 gegründet hat“, berichtet der Politikwissenschaftler. Kaplan habe die Ansicht vertreten, dass Gott den Menschen mit der Scharia bereits eine Rechtsordnung gegeben habe. Wenn Parlamente losgelöst von der Scharia Gesetze verabschiedeten, lehnten sie sich gegen Gott auf. Kaplan habe sich als Kalif, als weltliches und politisches Oberhaupt aller Muslime, ausgerufen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sei der Kalifatstaat in Deutschland verboten worden.

„Die Göttinger Gemeinde besteht als privater Freundeskreis fort und führt auch ihren Treffpunkt an der Levinstraße 2 weiter“, weiß Klevesath. In diesem Umfeld habe sich der Göttinger Dschihadist Jacek S., ein gebürtiger Pole, bewegt. Er sei 2014 in den Irak ausgereist und habe im Juni 2015 im Namen des Islamischen Staats (IS) zusammen mit drei anderen Attentätern bei einem Selbstmordanschlag elf Menschen in den Tod gerissen. 2016 nahm die Polizei in Göttingen zwei salafistische Gefährder fest, die abgeschoben wurden.

„Im Auftrag des Islams hat sich im Mai 2020 vom Kalifatstaat losgesagt“, berichtet Klevesath. Das fast vierstündige Youtube-Video, das diesen Schritt erkläre, sei rund 35.000 Mal angeklickt worden. Die Vorstellungen der ehemaligen und der verbleibenden Kaplan-Anhänger ähnelten sehr denen der Salafisten.

Der Politikwissenschaftler schätzt die Zahl der Salafisten und vergleichbarer Islamisten in Südniedersachsen auf rund 50 Personen. Sie seien überwiegend jünger als 40 Jahre, verfügten über wenig Geld und hätten bis auf wenige Ausnahmen einen Migrationshintergrund. „Salafisten knüpfen an Ausgrenzungserfahrungen an, weswegen der Kampf gegen antimuslimischen Rassismus ein zentrales Element unserer Arbeit ist“, erläutert die Radipräv-Mitarbeiterin. Salafistische Gruppen würden ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl bieten.

„Der Salafismus ist ein einschränkender Lebensstil“, sagt die Radipräv-Mitarbeiterin mit Blick auf die zahllosen Ver- und Geboten. Das verlange dem einzelnen Opfer ab, gebe ihm aber andererseits das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, und stärke so das Selbstbewusstsein.

VON MICHAEL CASPAR

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