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Göttinger Firma Abberior: Von der Nobelpreisträger-Idee zum Hightech-Produkt

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Von: Thomas Kopietz

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Entwickelte das STEP-Mikroskopierverfahren: der Physiker und Nobelpreisträger Prof. Dr. Stefan Hell.
Entwickelte das STEP-Mikroskopierverfahren: der Physiker und Nobelpreisträger Prof. Dr. Stefan Hell. ©  Irene Böttcher-Gajewski/ MPI für Multidisziplinäre Naturwissenschaften

Zu einem Verkaufsschlager haben sich die überlegenen ultra-hochauflösenden Lichtmikroskope der Firma Abberior aus Göttingen entwickelt. Die Idee für das Mikroskopierverfahren stammt von Nobelpreisträger Stefan Hell.

Göttingen – Die Idee, die Lichtbeugungsgrenze zu brechen und damit scharfe Blicke im Lichtmikroskop auf kleinste lebende Strukturen innerhalb lebender Zellen zu ermöglichen: Daran glaubte der Göttinger Max-Planck-Physiker Stefan Hell zeit seines Forscherlebens – und er schaffte es. Sein STED-Mikroskopierverfahren wurde 2014 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.

Dass sich diese überlegenen ultra-hochauflösenden Lichtmikroskope aus Göttingen weltweit zum Verkaufsschlager entwickeln, dafür sorgt die Abberior Instruments GmbH, deren Entwicklung fast so atemberaubend ist, wie das, was Forscher im STED zu sehen bekommen.

Abberior ging 2011 aus der Abteilung Nano-Biophotonik von Stefan Hell am Max-Planck-Institut (MPI) für biophysikalische Chemie hervor. Er und der heutige Geschäftsführer Gerald Donnert sowie weitere Forscherkollegen gründeten das Unternehmen, das zunächst auf 20 Quadratmetern, quasi in einer Garage, arbeitete.

Die Max-Planck-Innovation GmbH wirkte als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, begleitete die Gründung und lizenzierte die Erkenntnisse im Feld der hochauflösenden Fluoreszenzmikroskopie für das Start-up. Mittlerweile beschäftigt die stark wachsende Abberior Group fast 100 Mitarbeiter in Europa, Nordamerika und China. Am Hauptstandort Göttingen wurde jüngst der Grundstein für ein Gebäude am Nord-Campus gelegt – mit Unterstützung der Göttinger Wirtschaftsförderer GWG. Basis all dessen ist der Trick, mit dem Stefan Hell das Auflösungsvermögen herkömmlicher Lichtmikroskope um das Zehnfache und jüngst mit der Miniflux-Methode sogar um das Hundertfache steigern konnte. Dabei werden eng benachbarte fluoreszierende Moleküle dunkel gehalten, sodass sie nicht auf einmal, sondern nacheinander aufleuchten. Dieser On-Off-Modus macht die Unterscheidung im Lichtmikroskop möglich.

Für Abberior-Geschäftsführer Gerald Donnert schafft dies die Möglichkeit, „Forschern weltweit mit den schärfsten und leistungsfähigsten Fluroreszenzmikroskopen auszustatten, die man zurzeit bauen kann“. Die Basis für den Erfolg einer jeden Neugründung ist vorhanden: Produkte, für die es Kunden gibt. Ein Mikroskop von Abberior ist ab etwa 200 000 Euro zu haben. Ein in Göttingen gebautes Spitzengerät kostet mehr als eine Million Euro. Zudem entwickelt Abberior die optimal passenden Farbstoffe für die Präparation der Untersuchungsobjekte, um in der Kombination mit den hochauflösenden Mikroskopen die schärfsten Bilder zu garantieren. Genau wie bei Drucker und Druckertinte entstehen erst durch die ideale Kombination die besten resultierenden Bilder.

So ist die Nachfrage groß und steigt auch insbesondere während der Corona-Pandemie. In wichtigen, vor allem biologischen sowie medizinischen Forschungseinrichtungen stehen heute die Abberior-Geräte – auch am Göttinger Campus, wo sie in Forschungsprojekten eingesetzt werden. All das bringt laut Donnert die industrielle und akademische Forschung voran, helfe, die Systematik von Krankheiten oder des Lebens auf molekularer Ebene zu erkennen. Die Abberior-Mikroskope sind die Werkzeuge, mit denen Entdeckungen in Biologie und Medizin möglich werden und „die in Zukunft allen zugutekommen“, sagt Donnert, der lange in Hells Abteilung geforscht und zudem Management-Erfahrungen bei McKinsey gesammelt hat. Der Nobelpreisträger selbst agiert heute als Berater.

Dass Abberior 2021 den Technologietransfer-Preis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft erhielt, wertet Hell als „Anerkennung für den Mut der Gründer, auf eigenes Risiko ein Unternehmen ins Leben zu rufen“. Zudem zählt Abberior zu den innovativsten Unternehmen im Deutschen Mittelstand und belegte 2021 den zweiten Platz im Rahmen des Top 100 Awards.

Von Thomas Kopietz

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