Eine der ältesten Lebensformen

Göttinger Forscher: Algen können dem Klima helfen

Eine der weltweit größten Sammlungen lebender Algen ist in Göttingen zu finden, berichtet der Wissenschaftliche Direktor Thomas Friedl.
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Eine der weltweit größten Sammlungen lebender Algen ist in Göttingen zu finden, berichtet der Wissenschaftliche Direktor Thomas Friedl.

Algen könnten künftig helfen, den Klimawandel zu verlangsamen, den Welthunger zu bekämpfen oder die Treibstoff-Versorgung sicherzustellen, sagt Professor Thomas Friedl.

Göttingen – Der Wissenschaftliche Direktor betreut die Sammlung von Algenkulturen in Göttingen – eine der größten Sammlungen lebender Algen weltweit.

Etwa 2300 verschiedene Stämme (Arten) kultiviert Friedls Team am Nikolausberger Weg 18. In abgedunkelten, gekühlten Räumen wachsen die Algen in zahllosen Reagenzgläsern und Erlenmeyer-Kolben. Einige Arten werden tiefgefroren in flüssigem Stickstoff aufbewahrt. Zusammen bilden sie nur einen kleinen Ausschnitt der geschätzten 400 000 Arten. Von vielen sind nur die Erbgut-Signaturen bekannt.

„Algen gibt es seit mehr als drei Milliarden Jahren, womit sie zu den ältesten Lebensformen der Erde gehören“, weiß Friedl.

Die Überlebenskünstler kommen in den Weltmeeren bis in eine Tiefe von fast 100 Metern vor. Dort gibt es kaum Licht für die Photosynthese. Gegen den hohen Druck schützt sie ein Kalkgerüst. Die Algen der Ozeane, das Phytoplankton, bildet die Nahrungsgrundlage für die meisten der dort lebenden Tiere.

„Es gibt sie natürlich auch im Süßwasser sowie an Land“, berichtet der Professor. An Land überziehen sie Oberflächen, etwa Felsen, mit hauchdünnen Biofilmen, zum Teil aber auch dickeren Biokrusten. Sie kommen zudem – bis in eine Tiefe von einigen Zentimetern – im Erdboden vor. An Land verbreiten sie sich mit dem Wind. Besonders groß ist ihre Vielfalt in den Polarregionen, wo sie mit keiner anderen Pflanze konkurrieren müssen. Ein Zehntel der dort entdeckten Arten konnte Friedl auf dem Acker in seinem Wohnort Schlarpe bei Uslar nachweisen. Algen wachsen in der Wüste. Sie kommen in Mikrohabitaten vor, den winzigen, von Wassertropfem gebildeten Lebensräumen. Sie beginnen dort sofort mit der Photosynthese. Verdunstet der Tropfen, gehen sie wieder in einen latenten Zustand über.

„In den Weltmeeren spielen Algen eine zentrale Rolle beim Binden des Klimagases Kohlendioxid“, erläutert Friedl. Das könnte der Mensch nutzen, um etwas gegen den Klimawandel zu tun. Einige Algenarten sind reich an ungesättigten Fettsäuren. Sie könnten als Nahrungsmittel dienen, was sie in Asien seit langer Zeit tun. Aus anderen Arten ließe sich durch Vergärung der Biotreibstoff Ethanol herstellen, was derzeit allerdings noch sehr teuer ist.

„In unserer Sammlung gibt es für alle Anwendungen vielversprechende Kandidaten“, betont der Direktor. Den Grundstock der großen Sammlung legte Ernst Georg Pringsheim. Der Wissenschafter lehrte von 1923 an in Prag an der deutschen Universität. Später floh er vor den Nationalsozialisten nach England, wo er in Cambridge forschte. Nach dem Krieg erhielt er eine Professur in Göttingen. Auf Pringsheim gehen auch andere große Algensammlungen in Schottland oder im texanischen Austin zurück. Die Göttinger versorgen mit ihren Algenstämmen Wissenschaftler weltweit und unterstützen die Lehre.

Von Michael Caspar

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