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Göttinger Forscher auf der Suche nach dem Geheimnis des Swing

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Von: Thomas Kopietz

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Dem besonderen Feeling des Swing auf der Spur: Prof. Theo Geisel und Team haben am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) in Göttingen herausgefunden, was das Feeling erzeugt. Geisel spielt Klarinette.
Dem besonderen Feeling des Swing auf der Spur: Prof. Theo Geisel und Team haben am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) in Göttingen herausgefunden, was das Feeling, den Swing, erzeugt. Hier spielt er Klarinette. © Heidi Niemann

Was macht diesen besonderen Sound des Swing aus? Göttinger Max-Planck-Forscher lüfteten das Geheimnis.

Göttingen – Selbst einst raue Rock-Musiker wie Rod Stewart sind dem betörenden Swing-Sound und dessen besonderem Feeling erlegen, wagten sich an eigene Interpretationen heran. Und auch der Jazz muss den Swing haben, um seine ganze Faszination zu entfalten. Was aber macht den Reiz, ja das Geheimnis des Swingens aus? Eines, das bereits 1939 den großen Louis Armstrong umtrieb, der in dem Song fragte: „What is this thing called Swing“. Nun, würde Armstrong noch leben, wäre er sicher fasziniert davon, was Göttinger Forscher 2022, also 73 Jahre später, in Laborversuchen herausgefunden haben.

Der Begriff Swing wurde von Jazzmusikern eingeführt, um eine spezifische Spielweise zu bezeichnen, die sie für wesentlich halten. Obwohl das Swing Feeling eines der wichtigsten Merkmale des Jazz ist, wurde lange Zeit geglaubt, man könne Swing zwar fühlen, aber nicht erklären.

Forscher nahmen sich 450 Jazz-Soli von Musikern vor

Sie begaben sich in mühevoller Kleinarbeit daran, das Geheimnis des Swings zu ergründen. 450 Jazz-Soli nahmen sich die Physiker am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) vor, Unterstützung erfuhren sie von Psychologen der Uni Göttingen.

Die Lösung: Abweichung durch „Downbeat Verzögerungen“

Sie konnten über ein Experiment und Datenanalysen nachweisen, dass bestimmte systematische Abweichungen – Downbeat-Verzögerungen – im Timing entscheidend zum Swing Feeling beitragen. Diese Abweichungen sind aber so gering, dass sie auch von professionellen Jazzmusikern nicht explizit wahrgenommen, wohl aber unbewusst eingesetzt werden.

Bekannt war bisher lediglich die Abfolge von verschieden lang gespielten Achtelnoten, „Downbeats“ und „Offbeats“, dies ist ein leicht hörbarer Bestandteil des Swing. Diese Eigenschaft alleine ist aber nicht ausreichend für den Swing, wie Jazzmusiker wissen; sie kann sogar am Computer generiert werden. So bleibt die Frage: Welche weiteren Bestandteile den Swing ausmachen.

Minimale zeitliche Verzögerungen erzeugen das Swing Feeling

Seit den 1980er Jahren wurde in der Wissenschaft vermutet, dass das Swing Feeling durch minimale zeitliche Abweichungen, sogenannte Microtiming Deviations, zwischen den Instrumenten erzeugt wird. Andere Wissenschaftler aber betonten hingegen die Notwendigkeit der rhythmischen Präzision.

Bei dem Experiment manipulierten die Forscher am Computer anhand von Originalaufnahmen das Timing von Pianisten auf verschiedene Weise. Professionelle und semiprofessionelle Jazzmusiker bewerteten danach die Stärke des Swing Feelings.

Das Ergebnis, veröffentlicht in einer ersten Studie: Zufällige zeitliche Abweichungen von Solisten können nicht zum Swing-Feeling beitragen, sondern es sogar vermindern. In ihrer neuen Studie untersuchten die Wissenschaftler nun den Einfluss verschiedener systematischer Abweichungen zwischen Solisten und Rhythmusgruppe auf das Swing Feeling. Ergebnis: Eine gleichmäßige Verzögerung von Downbeats und Offbeats der Solisten verstärkt das Swing Feeling nicht. Das geschah aber, wenn lediglich die Downbeats gleichmäßig um etwa 30 Millisekunden verzögert wurden, während die Offbeats der Solisten synchron zur Rhythmusgruppe blieben. Somit wurden Downbeat-Verzögerungen als eine Ursache des Swing Feelings identifiziert.

Musiker hörten zwar Unterschiede, konnten die Abweichungen aber nicht identifizieren

„Die professionellen Jazzmusiker und -musikerinnen, die wir am Ende des Experiments explizit danach gefragt haben, konnten zwar Unterschiede hören, aber diese minimalen Abweichungen nicht identifizieren“, schildert Prof. Theo Geisel, Leiter des Projektes und emeritierter Direktor am MPIDS. „Es stellte sich somit die Frage, ob der von verzögerten Downbeats erzeugte Effekt überhaupt von Jazzmusikern genutzt wird“, ergänzen Thorsten Albrecht und York Hagmayer, an der Studie beteiligte Psychologen der Uni Göttingen.

Um das zu überprüfen, absolvierte das Team Datenanalysen an mehr als 450 Soli berühmter Jazzmusiker. Dabei wurde klar, dass Downbeat-Verzögerungen in fast allen Fällen eingesetzt wurden.

Musiker nutzen die Abweichungen unbewusst aber wirkungsvoll

Ein Jahrhundert, nachdem Musiker wie Louis Armstrong und Duke Ellington die Bühne betraten, wird dank der Göttinger Forscher ein Stück weit klarer, was genau dieses betörende Swing-Feeling ausmacht. Fazit: Faszinierend, dass es zwar physikalisch messbar ist, aber nicht weniger, dass der musizierende Mensch es, obwohl es für ihn nicht direkt zu erkennen ist, es dennoch intuitiv erzeugen kann. Großartig.

Mehr zum Forschungsprojekt: Interaktives Programm mit Audiobeispielen zu Downbeats, Offbeats und Swing-Verhältnis: www.ds.mpg.de/swing/swingration; Zur Arbeit und Musikbeispiele: www.ds.mpg.de/swing.

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