Hunger hat viele Gesichter

Göttinger Forscher entwickeln Methode zur Analyse des globalen Ernährungsproblems

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Globales Problem: Zwei Milliarden Menschen leiden nach Berechnung von Göttinger Agrarökonomen an den Folgen von Hunger und Mangelernährung. In Asien, wo sich die Situation durch Wirtschaftswachstum gebessert hat, sind zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung betroffen. In Afrika – das Bild zeigt eine ländliche Szene in Malawi – ist Hunger nach wie vor weit verbreitet. Hier leiden 30 Prozent der weiter wachsenden Bevölkerung an den Folgen von Unterversorgung.

Göttingen. Hunger bedeutet nicht nur zu wenig Kalorien. Es gibt auch versteckten Hunger – den Mangel an Mikronährstoffen wie Vitaminen und Mineralstoffen. Dazu kommt: Hunger und Mangelernährung haben zum Teil gravierende Folgen, wie eine erhöhte Kindersterblichkeit.

Um das Ausmaß des Hungers messen und Fortschritte beim weltweiten Kampf gegen Hunger einschätzen zu können, haben Göttinger Forscher eine Methode entwickelt, die diese Folgen mit berücksichtigt.

Bisher wird die Dimension des globalen Problems in der Regel an der Zahl der Menschen gemessen, die an Kalorien- oder Mikronährstoffmangel leiden. Das sind laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 815 Millionen Menschen.

Gravierende Folgen

Diese Zahl sei jedoch wenig aussagekräftig, da verschiedene Formen des Hungers unterschiedliche Probleme verursachen könnten, argumentieren Forscherinnen und Forscher am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Uni Göttingen.

Ihre Studie zeigt, wie sich diese Formen des Hungers mit Hilfe von Gesundheitsdaten und der Berechnung des sogenannten DALY-Indexes besser messen und vergleichen lassen. Der Index berücksichtigt gesundheitliche Folgen, wie zum Beispiel erhöhte Kindersterblichkeit, körperliche und geistige Entwicklungsstörungen und verstärktes Auftreten von Infektionskrankheiten.

Wenn man die Folgen von Hunger und Mangelernährung berücksichtige, liege die Zahl der betroffenen Menschen nicht bei 815 Millionen, sondern eher bei zwei Milliarden, sagt der Göttinger Agrarökonom Prof. Dr. Matin Qaim. Auf der Basis von Daten aus 190 Ländern haben die Wissenschaftler den DALY-Index für unterschiedliche Zeitpunkte berechnet.

Theda Gödecke

Ergebnis: „Seit 1990 hat sich das Ausmaß des Hungerproblems mehr als halbiert“, erklärt Erstautorin Dr. Theda Gödecke. Weitere statistische Analysen zeigen, dass dies in erster Linie an wirtschaftlichem Wachstum in den jeweiligen Ländern lag, außerdem an Steigerungen in der Nahrungsproduktion, einer verbesserten Ausbildung vor allem für Mädchen und Frauen sowie einer besseren Gesundheitsversorgung.

In Asien und Lateinamerika sei der Hunger stark zurückgegangen, sagt Qaim. Durch Wirtschaftswachstum, etwa in China und Indien, gehe es den Menschen deutlich besser. Größer sei das Problem in Afrika, wo 30 Prozent der Bevölkerung, die weiter wächst, betroffen sei.

Versteckter Hunger

Ein besonderes Problem ist der versteckte Hunger. „Die Fortschritte bei der Bekämpfung des Kalorienmangels waren deutlich größer als die bei der Bekämpfung des Mikronährstoffmangels“, so Gödecke.

Matin Qaim

„Allgemeine wirtschaftliche und soziale Entwicklungen sind enorm wichtig, werden aber alleine nicht ausreichen, um den Hunger in absehbarer Zeit beenden zu können“, sagt Qaim, Koautor der Studie. „Vor allem zur Bekämpfung des versteckten Hungers sind auch gezieltere Maßnahmen erforderlich.“

Möglichkeiten seien zum Beispiel die industrielle Anreicherung von Nahrungsmitteln mit Mikronährstoffen oder die Züchtung von Weizen und Mais, die von sich aus mehr Mikronährstoffe produzieren.

Die Ergebnisse der Forscher sind in der Fachzeitschrift Global Food Security erschienen.

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