Betriebe als Bildungsstätten

Göttinger Forscher fordern Anpassung des Ausbildungssystem

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Prof. Susan Seeber, Forscherin am SOFI.

Göttingen. Am Freitag wurde der Bericht Bildung in Deutschland 2018 vorgestellt. Beteiligt war das Sozilogische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI). Sie beschäftigen sich mit den Bereichen Ausbildung und Berufsfortbildung.

Im Ausland wird das Duale Ausbildungssystem, also das Miteinander von schulischer und betrieblicher Berufsausbildung, gelobt. Doch es birgt Probleme. Die Experten des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) benennen Ursachen und Herausforderungen im Bericht „Bildung in Deutschland 2018“.

Fazit: Die Berufsausbildung in Deutschland hat sich so entwickelt, dass die „zentralen Ziele schwieriger erreichbar werden“, sagt Prof. Susan Seeber vom SOFI. Das heißt laut Seeber: Die Bereitstellung von Fachkräften ist nicht gesichert, auch nicht die Bereitstellung eines breiten Ausbildungsangebotes. Und dass, obwohl sich die Ausbildungssituation in der letzten Dekade laut Studie verbessert hat. Aber: In drei Viertel aller deutschen Arbeitsamtsbezirke gibt es zu wenig Ausbildungsplätze. Vielerorts klaffen Angebot und Nachfrage auseinander.

Weniger Ausbildungsplätze

Dabei hat auch die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen seit 2007 um elf Prozent nachgelassen. Gründe dafür sind: weniger Schulabgänger und die wachsende Konkurrenz zwischen Hochschulen und Betrieben um eben diese Schüler, die zudem häufiger ihr Abitur machen und an die Hochschulen gehen.

Verschärfend kommt laut SOFI-Experten hinzu, dass Angebot und Nachfrage im System stetig auseinanderdriften: Wenigen Berufsgruppen mit einem Überangebot an Plätzen (z.B. Lebensmittelherstellung und -verarbeitung) stehen viele Berufe mit einer Unterdeckung (so in Gastronomie-, Tourismus-, Logistikgewerbe, IT-Berufe) gegenüber.

In Zahlen: 2017 blieben acht Prozent der Ausbildungsstellen unbesetzt, aber 13 Prozent der Jugendlichen bekamen keinen Ausbildungsplatz. Das hat auch regionale Gründe. Denn Schüler mit niedrigen oder keinen Berufsabschlüssen kommen schwerer in Ausbildungsberufe. Auch, weil, wie gesagt, mehr Schüler mit höheren Abschlüssen als Konkurrenten auftreten, zudem sind durch Technisierung und Digitalisierung gleichzeitig die Anforderungen gestiegen. Auf der Strecke bleiben die Schwächeren – noch häufiger als früher.

Klaus-Peter Wittemann, Forscher am SOFI.  

Ein weiteres Problem: In Deutschland werden in den kommenden Jahren laut Studie 70 000 bis 88 000 zusätzliche Ausbildungsplätze benötigt – für zugewanderte und geflüchtete junge Menschen, die zunächst in notwendigen Berufsvorbereitungsprogrammen und Sprachkursen „geparkt“ worden sind.

Fachkräftesicherung fraglich

Die SOFI-Forscher befürchten, dass diese Entwicklung auf die Fachkräftesicherung durchschlagen wird, zumal sich das Ausbildungsplatzangebot in einer Hochkonjunkturphase sogar verringert. Außerdem werden immer mehr Azubis übernommen. Folge: Klein- und Mittelbetriebe fahren ihre Ausbildungskapazität zum Teil stark zurück. Das aber ist gefährlich für sie und das System: Laut Bildungsstudie werden sie künftig schwerer an Fachkräfte kommen.

Für die SOFI-Wissenschaftler wird es darum gehen, Schüler über bessere regionale Strategien und Beratungen sowie das Nachholen von Schulabschlüssen in die Ausbildung zu bekommen. Ein Weg wäre eine duale Ausbildungsvorbereitung, also die Verzahnung von Schulunterricht und Betriebsbesuch – diese gibt es in Hamburg.

Schwächere fördern

Laut Studie müssten auch schwächere, benachteiligte Jugendliche besonders gefördert werden. Denn die Forscher stellen Benachteiligungen für sozial Schwächere „im Ausbildungszugang“ fest.

Generell sei das deutsche duale Ausbildungssystem nicht infrage zu stellen, aber es müsse auf den „tiefgreifenden strukturellen Veränderungen hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft“ besser vorbereitet sein.

Dazu bedürfe es Eingriffe durch die Politik – das System sich alleine und dem Markt zu überlassen, reiche nicht aus. Dabei sind auch die Betriebe gefordert: „Sie müssen sich stärker als Bildungsstätten verstehen.“

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