Göttinger Forscher klären Rätsel um Burg: Großstadt aus grauer Vorzeit

Göttingen/Watenstedt. Seit 1998 graben Archäologen der Universität Göttingen sich durch den Landkreis Helmstedt. Genauer gesagt: durch ein Areal nahe der Gemeinde Watenstedt, das aus der Luft als ovale, längst untergegangene Siedlung noch erkennbar ist. Tatsächlich lag hier, dicht vor dem ehemaligen Grenzzaun zur DDR, eine der größten befestigten Siedlungen aus der Ur- und Frühgeschichte.

Gestern wurden in Braunschweig rund 3000 Jahre alte Funde präsentiert. Und Erkenntnisse, die Forscher an der Hünenburg gewonnen haben. Heike Pöppelmann, Direktorin des Braunschweigischen Landesmuseums, schilderte die Anlage gestern als eine Art Stadt mit 500 ständigen Einwohnern, für die damalige Zeit eine riesige Metropole. Ein solches Ensemble sei hier erstmals in Mitteleuropa in dieser Form nachgewiesen: „Sie kennen das aus dem mediterranen Raum. Bekannteste Beispiele sind Troja und Mykene.“

Hinter Wall und Graben

Geschützt hinter Wall und Graben: Die Entstehung der sogenannten Erdwerke reicht bis in die Zeit 5000 vor Christi Geburt zurück. Die größten hatten eine Innenfläche so groß wie 50 Fußballfelder - darauf verstreut lagen Einzelgehöfte. An der Hünenburg geforscht wird seit über 100 Jahren. Erst systematische Archäologie aus der Luft hat laut Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung gezeigt, dass im Nordharzvorland europaweit solche Anlagen am dichtesten liegen: Über 30 Erdwerke sind ausgemacht, von denen vor 1993 nur eines bekannt war.

Die Forscher gehen davon aus, dass auch Menschen aus dem Süden Skandinaviens in und um die Hünenburg lebten. „Es waren Gruppen und Personen auch aus anderen Regionen in Watenstedt“, sagte Grabungsleiter Immo Heske von der Georg-August-Universität Göttingen. So könnte die Burganlage eine Art Handelsniederlassung der Skandinavier gewesen sein, um Metalle zur Bronzeherstellung nach Norden zu bringen. Auf der Hünenburg hatten Gefäße aus Bronze Tradition. Allerdings ist nach Angaben von Heske nicht bekannt, wer auf der Burg das Sagen hatte.

Die Siedlung soll sich über 27 Hektar erstreckt haben. Dazu gehörten unter anderem Gräberfelder und ein Areal mit sogenannten Gargruben. Die Archäologen fanden über 400 solcher Gruben im Boden, die vermutlich zu rituellen Kochveranstaltungen einmalig genutzt wurden.

Insgesamt buddelten Wissenschaftler im Lauf der Zeit schon drei Tonnen Keramik aus dem Boden der Siedlung aus. Noch bleiben viele Fragen offen. Beispielsweise geben seltsam verdrehte Skelette von Pferden und Kühen Rätsel auf, die Bewohner der Hünenburg offenbar vergraben hatten. Handelt es sich um besondere Opfergaben? Auch ist nicht klar, ob die Menschen auf der Hünenburg die Pferde zum Reiten oder zur Feldarbeit nutzten.

Von Wolfgang Riek (mit dpa) 

Hintergrund:

Handelskontakte bis an das Mittelmeer 

• Die bronzezeitliche Befestigung der Hünenburg nahe Watenstadt zählte zu den größten bisher bekannten Siedlungen in Mitteleuropa.

Laut der Uni Göttingen reichten Handelskontakte aus der Hünenburg bis in den Mittelmeerraum. Dabei ging es um Salzgewinnung, Metallhandwerk und der Zugang zu Rohstoffen.

• Was Forscher aus ihren Funden rekonstruieren können zeigt sich beispielsweise an Knochen: Der Bestand von Haustieren an der Hünenburg entsprach mit rund 50 Prozent Rindern den typischen Mittelgebirgsverhältnissen. Auffällig ist aber der hohe Anteil von Schafen und Ziegen (knapp ein Drittel) - aber durchaus erklärbar: Diese Tiere passen zur Trockenrasenvegetation des Hünenburg-Areals.

• Mehr Infos der Uni Göttingen

http://zu.hna.de/hünenburg

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