Spuren der letzten Eiszeit

Tibet-Expedition wurde für Göttinger zur Herausforderung

Expedition nach Zentraltibet: Der Göttinger Geomorphologe Prof. Matthias Kuhle untersuchte die Landschaftsentstehung in Zentraltibet. Hier ist der westliche Eisrand der aktuellen Purog Kangri-Gletschereiskappe zu sehen, im Vordergrund die in historischer Zeit frei geschmolzener Grundmoräne. Fotos: Kuhle/nh

Göttingen. Keine Straßen und Siedlungen, eine unwirtliche Umgebung: Die Bedingungen in einem der entlegensten Gebiete Tibets sind hart. Und doch reiste ein Göttinger Forscher genau dorthin.

Dem Göttinger Prof. Dr. Matthias Kuhle ist es als erstem ausländischen Geowissenschaftler gelungen, in eines der entlegensten Gebiete Zentraltibets zu reisen.

Der Geomorphologe erforschte in der Region des Purog Kangri-Massives die eiszeitliche Landschaftsentstehung.

Das Besondere an der nach 24 Jahren von der chinesischen Regierung genehmigten Expedition bestand darin, dass in dem unwegsamen, unbesiedelten Naturreservat Proben entnommen und zur Analyse nach Deutschland ausgeführt werden durften. „Seit insgesamt 40 Jahren konnte ich fast alle Gebiete Tibets auf Expeditionen untersuchen und eine eiszeitliche Gletscherbedeckung nachweisen“, sagt Kuhle.

Geomorphologen, die sich mit den Formungsprozessen der Erdoberfläche beschäftigen, weisen eine Gletscherbedeckung anhand von Moränen, rund abgeschliffenen Bergen, einer Durchmischung verschiedener Gesteinsarten und sogenannten Erratika – das sind zum Beispiel Findlinge aus Basalt – nach. Bereits seit Jahrzehnten diskutieren Experten, ob das Zentrum Tibets während der letzten Eiszeit vor etwa 20 000 bis 60 000 Jahren gletscherfrei oder von mächtigem Inlandeis bedeckt war. Diese Frage beantwortet der Göttinger Wissenschaftler inzwischen mit Ja.

Findling: Ein Basaltblock (Erratika) auf einem 5318 Meter hohen Pass, über den das eiszeitliche Gletschereis geflossen ist.

Die fünfeinhalbwöchige Tibet-Expedition erwies sich für Kuhle, der von einem zehnköpfigen Helferteam begleitet wurde, als eine extreme Herausforderung: „Dort gibt es weder Straßen und Wege noch Siedlungen“, schildert der Geomorphologe. „Im Sommer weicht der Dauerfrostboden an der Oberfläche auf. Diese tiefe Matschschicht ist selbst mit stärksten Geländewagen unbefahrbar, im Winter ist durch Schneeverwehungen auch nicht an eine Durchquerung zu denken. Lediglich im September und Oktober ist das Gebiet unter günstigen Witterungsbedingungen zu erreichen.“

Die Bedeutung Tibets für die Eiszeitforschung liegt darin, dass es sich um ein mindestens 2,4 Millionen Quadratkilometer großes Inlandeisgebiet gehandelt hat.

Durch Bewegungen der äußeren Erdhülle – Experten sprechen von Plattentektonik – wurde Tibet, das in den Subtropen liegt, vor rund einer Million Jahren bis über die Schneegrenze gehoben. Das Hochland vergletscherte.

Von Gletschereis bedeckt wurde Tibet zur weltweit größten Abkühlungsfläche. „Etwa 75 Prozent der hohen subtropischen Einstrahlung sind von seiner Inlandeisoberfläche in den Weltraum zurückgeworfen worden“, erklärt Kuhle. „Diese Reflexion erfolgte unmittelbar, ohne dass das kurzwellige Sonnenlicht in langwellige Wärmestrahlung umgewandelt wurde und die Atmosphäre aufzuheizen vermochte. Der dadurch erzeugte globale Energieverlust war Auslöser der Eiszeit.“

In Diskussion  um die   globale Erderwärmung von durchschnittlich etwa einem Grad Celsius ist die Eiszeitforschung interessant. Denn dabei geht es um die größte Klimaveränderung der Menschheitsgeschichte: „Die durchschnittlichen Temperaturen lagen während der letzten Eiszeit etwa zehn Grad unter den heutigen.“ (zsh)

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.