Forscher setzen auf Substanz gegen Nervenkrankheit

ALS-Ice-Bucket-Spendenaktion soll Studie mitfinanzieren

Göttingen. Seit Wochen berichten Medien aller Art überProminente, die sich mit Eiswasser übergießen, um Spenden zur Erforschung der unheilbaren Nervenkrankheit ALS zu sammeln. Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) redet nicht, sie unternimmt etwas gegen die Amyotrophe Lateralsklerose und hofft auf Spenden, um eine klinische Studie finanzieren zu können.

Prof. Dr. Paul Lingor (40) ist Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie und Chef der Spezialambulanzen für Bewegungsstörungen und für ALS. Die Krankheit ist zwar selten, bricht aber jedes Jahr bei zwei bis drei Menschen je 100 000 Einwohner neu aus. Das sind allein in Südniedersachsen neun bis 13 Neuerkrankungen jährlich. Lingors Team behandelt pro Jahr zwischen 50 und 100 Patienten, die unter der verheerenden Krankheit leiden. Die meisten sterben innerhalb von zwei bis fünf Jahren nach der Diagnose.

Die kann oft erst spät gestellt werden, weil die Symptome anfangs nur schwach ausgeprägt sind. Weil Nervenzellen absterben, die die Muskulatur steuern, verlieren Patienten die Kontrolle über Arme und Beine, Stimme, Schluckfunktion und schließlich die Atmung, bleiben dabei aber bei vollem Verstand.

Die Ärzte können die Krankheit nicht heilen, aber die Symptome lindern: Schmerzen bekämpfen, Muskelkrämpfe behandeln, Ergotherapie und Krankengymnastik verschreiben. Lingor: „Wir können viele Hilfsmittel zu Verfügung stellen, die unsere Patienten so nicht kannten.“

Eine Arbeitsgruppe unter Leitung Lingors erforscht an der UMG eine Substanz, die gut verträglich zu sein scheint und den Krankheitsverlauf verlangsamen und damit Leben verlängern könnte. In Tierversuchen hat sich die Substanz bewährt. Doch für teure klinische Studien, die nicht von Pharmafirmen bezahlt werden, weil die Krankheit zu selten ist, fehlt das Geld. Deshalb hofft die UMG auf Spenden.

Challenge macht ALS bekannt

Kampagnen wie die Ice Bucket Challenge sind zwar ungewöhnlich, aber sie können sehr gut sein, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen.“ Das sagt Prof. Dr. Paul Lingor, Leitender Oberarzt an der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Göttingen. Er leitet die von Bettina Göricke betreute Spezialambulanz für Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

Der 40-Jährige verweist auf prominente Beispiele wie den Hollywood-Schauspieler Michael J. Fox, der an Parkinson leidet ist und die Erforschung dieser Krankheit vorangebracht hat. Der bekannteste ALS-Patient ist der Wissenschaftler Stephen Hawking, der bereits seit über 20 Jahren an einer seltenen Form dieser Erkrankung leidet. 2007 starb der deutsche Maler Jörg Immendorff an ALS.

Auch Weil spendet

In Niedersachsen hat inzwischen Ministerpräsident Stephan Weil, nachdem er für die Ice Bucket Challenge nominiert worden war, für die ALS-Forschung gespendet. Sein Scherflein geht an die Mediznische Hochschule Hannover , die ebenso wie die Universitätsmedizin Göttingen ALS erforscht.

Mit der gleichen Motivation spendet der VW-Konzern 25 000 Euro an die Krystof-Nowak-Stiftung, die Patienten unterstützt, die an ALS leiden. Der Fußball-Bundesligist VfL Wolfsburg hatte die Stiftung 2002 gegründet. 2005 erlag VfL-Profispieler Krystof Nowak der unheilbaren Krankheit.

Um in der Behandlung der tückischen Krankheit voranzukommen, hofft Lingor auf genügend Spenden, um eine klinische Studie zu finanzieren. Erfolge im Kampf gegen ALS könnten auch bei der Behandlung anderer Krankheiten helfen, die ähnlich verlaufen. Ursachen sind offenbar das Absterben von Motoneuronen, die die Muskulatur steuern, Eiweiß-Verklumpungen und erhöhter oxidativer Stress. Möglicherweise spielt auch eine Überreaktion von Immunzellen eine Rolle. Die Krankheit befällt Betroffene meist sporadisch wie aus heiterem Himmel. Etwa fünf Prozent aller Fälle sind anscheinend erblich bedingt.

Damit die Spendenwelle rollt, gingen rund 35 Mitarbeiter der Klinik für Neurologie am Freitag mit gutem Beispiel voran. Sie übergossen sich gegenseitig mit Eiswasser und spenden selber. Außerdem nominierte Lingor im Namen seines Teams weitere Firmen für den regionale Ice Bucket Challenge: Die Basketballer der BG Göttingen, die Sparkasse Göttingen, Sartorius und Ottobock. Die Spenden sind steuerbegünstigt – mit und ohne Wasser.

Hintergrund

Die ALS Ice Bucket Challenge ist eine weltweite Kampagne, bei der sich Menschen mit einem Eimer Eiswasser übergießen und zehn Dollar oder Euro zur Erforschung und Bekämpfung der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) spenden. Außerdem benennen sie drei oder mehr Personen, die die Aktion innerhalb von 24 Stunden selber ausführen oder 100 Euro spenden sollen.

Die Universitätsmedizin Göttingen freut sich mit oder ohne Eiswasser über Spenden an den Verein zur Förderung der Wissenschaft und Lehre an der Neurologischen Klinik der UMG e.V. IBAN: DE 89 2605 0001 0019 0044 64, BIC: NOLADE21GOE, Stichwort ALS. (p)

Von Christoph Papenheim

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