Interview: Göttinger Forscher über Pädophilie-Debatte der Grünen

Forschte für Grüne über die Grünen: Prof. Dr. Franz Walter vom Institut für Demokratieforschung in Göttingen. Foto: dpa

Göttingen/Berlin. Die Grünen sind 2013 wegen ihrer scheinbaren Befürwortung von Pädophilie (auf Kinder gerichteter Sexualtrieb von Erwachsenen) unter Beschuss geraten. Kurze Zeit später haben sie im Institut für Demokratieforschung in Göttingen ein Forschungsprojekt zur Pädophilie-Debatte in Auftrag gegeben.

Die Untersuchungsergebnisse haben Prof. Dr. Franz Walter und seine Kollegen im Sammelband „Die Grünen und die Pädosexualität“ veröffentlicht. Wir sprachen mit Walter.

Herr Walter, hatten Sie während der knapp einjährigen Forschungszeit keine Angst, dass die Grünen Einfluss auf Ihre Arbeit nehmen könnten? 

Franz Walter: Ein klares Nein. Die Grünen standen in dieser Frage so in der Defensive und im kritischen Blick der Öffentlichkeit, dass sie sich hier keine Mätzchen erlauben konnten, vertraglich sowieso auch nicht durften. Und natürlich lasse ich mir von niemandem etwas diktieren.

Welchen zentralen Fragen sind Sie nachgegangen?

Walter: Warum und seit wann gab es die Pädophilie-Debatte; wieso kam sie auf? Wer hat die Pädophilie-Programmatik vertreten und zu verbreitern versucht? Und wie konnte das in einer Partei Raum gewinnen? Das waren die zentralen Fragen.

Sie haben zur Beantwortung der Fragen in Archiven geforscht, persönliche Aufzeichnungen und Briefe gelesen, Zeitzeugen befragt – mit welchen Ergebnissen?

Walter: Die Pädophilie-Debatte kam mit den Grünen in ihr Finale, setzte nicht den Anfang, bildete nicht den Höhepunkt. Die Toleranz beziehungsweise Bagatellisierung von Pädophilie begann Mitte der 1960er Jahre und hatte Nährboden in den linksliberalen Lebenswelten, Institutionen und Medien.

Sind noch Fragen offen geblieben? 

Walter: Es bleiben immer Fragen offen. Die Grünen und mehr noch die Pädophilie-Vereinigungen beriefen sich in ihrer Argumentation stets auf den „Stand der Wissenschaft“ und das keineswegs rundum zu Unrecht. Wie es aber zu einem solchen „Stand der Wissenschaft“ an den Universitäten kommen konnte, das wäre einer gründlichen Untersuchung wert.

Welche Chance haben die Grünen nach Bekanntwerden ihrer scheinbar Pädophilie-freundlichen Einstellung wieder in der Gunst der Öffentlichkeit zu steigen? 

Walter: Die Grünen haben ja weder Pädophilie oder Pädosexualität als Partei insgesamt programmatisch postuliert. Sie haben über die strafrechtlichen Bedingungen hierzu sehr kontrovers diskutiert. Auch in einigen regionalen Gliederungen denkbar Unsinniges beschlossen. Das ist der Schatten, der in der Historie bleibt, aber neue Gunstbekundungen nicht für allemal verhindern wird. Nein.

Haben Menschen mit pädosexuellen Neigungen vor diesem Hintergrund überhaupt etwas in der Politik verloren?

Walter: Im Begriff Pädosexualität ist der Missbrauch fixiert. Ich denke nicht, dass dergleichen zur politischen Verantwortung befähigt.

Wie eng ist der Begriff von Pädosexualität in der Öffentlichkeit eigentlich mit Kindesmissbrauch verknüpft?

Walter: Pädosexualität und Missbrauch sind unmittelbar verbunden. Daher wurde in den letzten Jahren von den auf diesem Gebiet forschenden Wissenschaftlern dieser Begriff präferiert. Die Pädophilie definiert ein sexuelle Begehren, das aber nicht immer in einem Übergriff enden muss.

Thomas Mann hat 1911 sein Werk „Tod in Venedig“ über die platonische Liebe zwischen einem Mann und einem Jungen geschrieben. Doch kaum jemand käme auf die Idee, ihn deswegen als Pädophilen-Unterstützer zu bezeichnen. Ganz anders sieht es mit Grünen-Politikern aus, die über einen Gesetzesentwurf diskutieren. Wie sind diese unterschiedlichen Haltungen zu bewerten? 

Walter: Auch etwas, was man erforschen sollte. Sie werden ähnliches ja bei Edgar Allan Poe, bei Novalis und sogar hier in Göttingen bei Lichtenberg finden. Man sagt darauf in der Regel: Es waren andere Zeiten und es waren eben Geistesgrößen, die kann man nicht an konventionellen Maßstäben messen. Ich frage mich auch oft, ob damit alles zufriedenstellend beantwortet ist.

Gab es dann für Sie als Forscher über ein heikles Thema wie Pädophilie nie den Punkt, an dem Sie gesagt haben „Mir reicht es, ich bin raus “? 

Walter: Nein, einen solchen Punkt gab es nicht. Im Gegenteil: Man hatte nicht zu fliehen, sondern gerade hier aufzuklären.

Von Jasmin Paul

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