Projekt zeigt, wie sich Armut auf Körper auswirkt

Göttinger Forscherin untersucht Skelette: Arm bis auf die Knochen

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Untersuchte die Skelette von historischen Anatomieleichen: Biologin Maria Feicke vermutet, dass dieser Mann sehr schwere körperliche Arbeiten verrichten musste.

Göttingen. Armut ist schlecht für die Gesundheit. Das ist seit langem bekannt. Wie stark sich aber prekäre Lebensbedingungen auf den Körper niederschlagen können, zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt der Universität Göttingen.

Die Doktorandin Maria Feicke untersucht die Skelette von 32 historischen Anatomieleichen, die 2011 bei Bauarbeiten auf dem Zentralcampus der Universität entdeckt worden waren. „Die Verstorbenen waren so arm gewesen, dass sie sich kein Begräbnis leisten konnten“, erläutert die Biologin, die an der Abteilung Historische Anthropologie tätig ist. Die Leichen kamen zunächst in die Medizinische Fakultät, wo man sie zur Anatomieausbildung in studentischen Präparationskursen nutzte, ehe sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem damaligen Friedhof der katholischen Michaelis-Gemeinde beigesetzt wurden.

Untersuchte die Skelette von historischen Anatomieleichen: Biologin Maria Feicke vermutet, dass dieser Mann sehr schwere körperliche Arbeiten verrichten musste.

Der zwischen 1851 und 1910 genutzte Friedhof war der erste katholische Friedhofin Göttingen nach der Reformation. 1964 wurde er eingeebnet, danach geriet er offenbar in Vergessenheit. Ende der 1960er-Jahre wurde auf einem Teil des einstigen Friedhofs die Zentralmensa errichtet, archäologische Voruntersuchungen des Baugeländes gab es damals nicht. Heute wird dies anders gehandhabt. Als 2011 auf dem Parkplatz nahe der Mensa die Arbeiten für ein Lern- und Studiengebäude starteten, rückten erst die Archäologen an und entdeckten das Gräberfeld. Noch größer war die Überraschung, als sie feststellten, dass 32 Verstorbene aus den insgesamt 146 frei gelegten Gräbern anatomisch untersucht worden waren. „Eine solche Serie von Skeletten von Anatomieleichen ist bundesweit einzigartig“, sagt Maria Feicke.

Einigen Verstorbenen hatte man die Gliedmaßen abgetrennt, vermutlich wurden diese zur Herstellung von Scheibenpräparaten verwendet. Die Forscher fanden zudem diverse aufgesägte Schädel. Bei einem im Alter von etwa 50 Jahren verstorbenen Mann habe wohl ein Student den Schädel geöffnet, vermutet die Biologin: „Anhand der Schnittspuren kann man sehen, dass hier jemand nicht besonders geübt war.“

Vermutlich war hier ein Medizinstudent am Werk gewesen: Anhand der Schnittspuren kann man sehen, dass der Schädel von jemandem geöffnet wurde, der nicht besonders geübt war.

An dem Skelett dieses Mannes wird vor allem eines sichtbar: Armut hinterlässt Spuren bis auf die Knochen. Vermutlich habe der Mann sehr schwere körperliche Arbeiten verrichten müssen, sagt Maria Feicke. Die Wirbelsäule sei extrem belastet gewesen. Dies habe dazu geführt, dass im Brustbereich einige Wirbel fast miteinander verwachsen seien. Auch an den Rippenansätzen und am Bandapparat seien Verschleißerscheinungen festzustellen, die mit starken Schmerzen verbunden waren. Außerdem litt der Mann unter Arthrosen, unter anderem im Knie, in der Hüfte und im Sprunggelenk, die schmerzhaft gewesen sein dürften.

Hintergrund: Deutliche Zeichen von Mangelernährung

Andere Leichen, die in Göttingen gefunden wurden, wiesen deutliche Zeichen von Mangelernährung auf. Dies zeige sich unter anderem an porösen Stellen in den Augenhöhlen, erklärt die Biologin.

Bei einem Kinderskelett fanden sich auffällige Knochenverformungen und damit typische Anzeichen einer durch Vitamin-D-Mangel verursachten Rachitis. Auch einige der im Erwachsenenalter Verstorbenen hatten als Kind Hunger gelitten. „Die Spuren einer lang anhaltenden massiven Mangelernährung bleiben meist für immer sichtbar“, sagt Maria Feicke. Wenn das Wachstum ins Stocken gerät, zeigt sich dies später an einer riffelartigen Struktur der Zähne. Insgesamt zeigten die Befunde vor allem eines: „Armut hinterlässt massive Schäden am Körper.“

Neben den anthropologischen und paläopathologischen Untersuchungen geht Maria Feicke auch sozial- und medizinhistorischen Fragen nach. Unter anderem will sie nähere Erkenntnisse darüber gewinnen, wie die Medizinische Fakultät der Universität Göttingen damals die Anatomieleichen akquiriert hat und wie diese in Forschung und Lehre eingesetzt wurden.

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