Interview mit Sebastian Staender

Göttinger Grundschulleiter: Von Lehrern wird „Fähigkeit eines Hellsehers verlangt“

+
Einsam, aber nicht arbeitslos: Auch wenn seit fast eineinhalb Monaten kein Schüler die Erich Kästner-Grundschule im Göttinger Stadtteil Grone betreten hat, gibt es für Schulleiter Sebastian Staender (hier in einem verwaisten Klassenzimmer) immer noch genug zu tun.

Seit dem 16. März sind wegen der Corona-Pandemie deutschlandweit die Schulen geschlossen. Über die Auswirkungen für Schulleiter, Lehrer, Schüler und Eltern, den geplanten Neustart und Wünsche an die Politik sprachen wir mit Sebastian Staender, Leiter der Erich Kästner-Grundschule in Göttingen.

Herr Staender, seit nunmehr fast eineinhalb Monaten findet kein Schulunterricht mehr statt. Langweilen Sie sich?

Auf keinen Fall! Als Schulleiter muss ich vor Ort Präsenz zeigen, sehr viele Telefonate führen und Briefe schreiben, da der direkte Kontakt zu Schülern, Eltern und Behörden zurzeit nicht möglich ist. Eine wichtige Aufgabe ist derzeit die Bearbeitung der Schulanmeldungen für die zukünftige erste Klasse.

Was sonst noch?

Ich muss Verfahren für Kinder mit sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf bearbeiten, zukünftige Unterrichtsstunden und Gruppeneinteilungen plus Notbetreuungen koordinieren und die alltäglichen betriebswirtschaftlichen Aufgaben eines Schulleiters bewältigen. Es gibt also auch während Corona genug zu tun.

Was machen die Lehrkräfte derzeit?

Die Lehrer stellen den Schülern täglich Arbeiten für zu Hause bereit. Diese Aufgaben sind für Grundschüler so ausgelegt, dass sie eineinhalb bis zwei Stunden dafür benötigen. Die Aufgaben werden über unsere Schul-App oder durch den Briefschlitz der Schule verteilt und anschließend korrigiert. Die Lehrer telefonieren mindestens zweimal wöchentlich mit jedem Schüler und den Eltern, bieten eine Notbetreuung an und nehmen regelmäßig per Videokonferenz an Dienstbesprechungen teil.

Was hören Sie von den Schülern und vor allem von den Eltern? Wie gehen die mit der Situation um?

Viele Eltern sind mit dieser Situation schlichtweg überfordert oder sind gestresst. In Grone-Süd kommt es nicht selten vor, dass Familien sechs Kinder oder sogar noch mehr haben. Das heißt in der Realität, dass jedes ihrer Kinder von mindestens zwei Lehrern Aufgaben erhält – etwa in Mathe und Deutsch. Bei sechs Kindern wären das schon zwölf Aufgaben. Das ist ein gewaltiger Arbeitsaufwand für die Eltern.

Wie klappt die Kommunikation mit den Eltern?

Das klappt glücklicherweise sehr gut, da wir an der Erich Kästner-Schule bereits im vergangenen Jahr mit einer Schul-App starteten, sodass wir jederzeit mit den Eltern chatten, Informationen und auch Arbeitsblätter weiterleiten können.

Wie klappt es bei Grundschülern mit dem „Homeschooling“?

Das Arbeiten mit der Schul-App trägt dazu bei, dass auch das Homeschooling bei uns gut klappt. Sicherlich ist das auch vom Engagement der Eltern abhängig, aber es gibt keinen Schüler, der gar nichts macht.

Anfang Mai soll in den Grundschulen der Unterricht wieder beginnen – zunächst nur mit den vierten Klassen. Was halten Sie davon?

Ich kann dazu nicht viel sagen. In den letzten Wochen wird von den Schulleitern und auch von den Dezernenten die Erfahrung eines Virologen und die Fähigkeit eines Hellsehers verlangt. Letztendlich müssen wir unseren Politikern und dessen Beratern einfach vertrauen und innerhalb der Schule dafür sorgen, dass die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden. Und genau das wird in der Grundschule sicher alles andere als leicht werden.

Sehen Sie überhaupt eine Chance, dass noch vor den Sommerferien an Ihrer Schule wieder ein ganz normaler Unterricht wieder stattfindet?

Nein, ich denke nicht. Zumal man erst einmal schauen muss, wie viele Lehrer tatsächlich zur Verfügung stehen, da einige von ihnen zur Risikogruppe gehören.

Was würden Sie sich aktuell von der Politik wünschen?

Allem voran einen Impfstoff gegen das Corona-Virus und eine rasche digitale Ausstattung aller Schulen

Durch diesen Briefschlitz verteilen Lehrkräfte die täglichen Aufgaben an die Schüler.

Zur Person

Sebastian Staender (47) wurde in Göttingen geboren. Nach seinem Lehramts-Studium in Kassel und dem Betriebswirtschaft-Studium in Göttingen absolvierte er noch ein Fernstudium zum Tierpsychologen in der Schweiz. Staender ist verheiratet und hat eine einjährige Tochter. Neben seiner Familie und seinen beiden Hunden zählen Sport und ausgedehnte Spaziergänge zu seinen liebsten Hobbys.

VON PER SCHRÖTER

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.