Finanzskandal

Insolvenz vor zehn Jahren: Drama um die Göttinger Gruppe

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Die Natur holt sich Terrain zurück: Die Bauruine der Zentrale der Göttinger Gruppe an der Siekhöhe nahe der Autobahn 7 in Göttingen. Hier wurde noch an einem Firmensitz für mehr als 400 Mitarbeiter gearbeitet, als bereits der Konkurs im Gange war.

Göttingen. In diesen Tagen jährte sich „der“ Finanzskandal in der Uni-Stadt Göttingen und ein großer in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Im Juni 2007 meldete die Göttinger Gruppe Konkurs an. Geschädigte waren und sind etwa 100.000 Anleger, die geschätzt eine Milliarde Euro verloren haben. Geld, das sie zur Alterssicherung angelegt hatten.

Eingesammelt hatte das die Securenta AG, zugehörig zur besagten Göttinger Gruppe, sie garantierte – wie der Name schon vermittelte – eine sichere Geldanlage. Zehn Jahre später ist davon nichts mehr geblieben – außer kilometerweise Akten mit Prozessunterlagen und nicht wenige, immer noch verzweifelte wie wütende Menschen, die Geld und ihre Altersabsicherung verloren. Knapp 10.000 klagten allein vor dem Göttinger Landgericht, um eingezahltes Geld zu retten.

Prominente machten Werbung für Göttinger Gruppe

Wie aber konnte das windige Geschäft überhaupt so lange funktionieren? Nun, wie Christopher Schmitz in dem Buch „Das gekränkte Gänseliesel“ trefflich formuliert, waren wohl „Marketing und Selbstdarstellung die womöglich erfolgreichsten Geschäftsfelder“, auf der die Göttinger Gruppe unterwegs war. Immer wieder spannten sich Prominente vor den Göttinger Karren: Die Werbehefte zierten auch Politiker wie Otto Graf Lambsdorff und Hans-Dietrich Genscher. Auch der Tagesschau-Sprecher Werner Veigel sorgte als Werbebotschafter für einen seriösen Anstrich der Göttinger Gruppe.

Positive Werbebotschaften produzierte auch der Fußball: 1997, als noch alles im Lot war mit der Göttinger Gruppe und ihrem Logo - einem Dreieck -, prangte dieses auf der Brust von Fußballstars wie Fredi Bobic und seinen Mitspielern vom Deutschen Fußball-Pokalsieger VfB Stuttgart.

Die Göttinger Geldeinsammler verteilten die Einzahlungen der Anleger auch im Profi-Fußball. 1999 trennte sich der VfB von dem „fragwürdigen Sponsor“, wie die „Welt“ titelte. Auch in den Berliner Klub Tennis Borussia pumpte die Göttinger Gruppe Geld, wollte den kleinen Klub ganz groß machen und mischte im operativen sportlichen Geschäft über den einstigen Göttinger-Gruppe-Gründer und damaligen TeBe-Vorstandsvorsitzenden Erwin Zacharias sowie Kuno Konrad bis 2000 kräftig mit. Der damalige TeBe-Manager, Göttinger und heutige VfB-Stuttgart-Manager Jan Schindelmeiser schmiss nach eigener Aussage auch deshalb bei TeBe hin.

Der Bekanntheit aber half das sportliche Engagement dennoch. Anlegern wurde vermittelt: Die Göttinger Gruppe verdient Geld und unterstützt den Sport.

Aber: Das Kernstück des Geschäfts konnte all das nicht retten: die sichere Rente, die im Laufe der Jahre drei Namen trug: „SecuRente“, „Pensions-Spar-Plan“ und „Persönlicher Sachwert Plan“. Mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens durch das Göttinger Amtsgericht waren bis zu 250.000 Anleger betroffen. Sie hatten mehr als eine Milliarde in die Bilanz des Unternehmens gepumpt, als Teilhaber. Sie waren an Gewinnen und Verlusten beteiligt, die in den ersten Jahren anfallen sollten, um dann steuermindernd abgerechnet werden zu können.

Mickrige Konkursmasse blieb von Göttinger Gruppe übrig

Von der Göttinger Gruppe waren am Ende mickrige Millionensümmchen als Konkursmasse übrig geblieben. Und der Rest? Versickert in einem undurchsichtigen Netz von Beteiligungen und Firmen.

Es folgten Haftbefehle, Klagen wegen Untreue, Betruges und Insolvenzverschleppung gegen führende Köpfe. Am Ende blieb wenig übrig: Freisprüche und Bewährungs- sowie Geldstrafen. „Viel Grauzone“, heißt es in einer Begründung der Staatsanwaltschaft Braunschweig.

Allein zur Anerkennung des Begriffs „Schneeball ähnliches System“ durch Gerichte musste viele Jahre prozessiert werden. Den Anlegern half das nicht.

Auch die Politik zog sich heraus. Letztlich seien bei einem solchen Risikomodell die Anleger am Ende für sich verantwortlich, sagte Finanzminister Per Steinbrück. Ein Armutszeugnis. Die Securenta-Anleger versanken also in einer Grauzone – auf dem Grauen Finanzmarkt. Am Ende blieben Anleger, die viel oder alles verloren hatten. Und die Vorstände, von denen wegen „weitgehender Mittellosigkeit“ nicht viel zu holen war.

Geld floss auf Privatkonten des Firmenchefs

Zehn Jahre nach der Pleite des Finanzkonzerns der Göttinger Gruppe im Juni 2007 beschäftigt der Fall weiter die Gerichte. Allein beim Landgericht Göttingen bearbeiten drei Zivilkammern immer noch mehrere tausend Klagen von Anlegern.

Deren Erfolgsaussichten sind allerdings zumeist gering. Dies zeigte sich auch kürzlich erst wieder: Das Gericht wies 33 ähnlich gelagerte Klagen von Anlegern gegen Konzerngründer Erwin Zacharias ab.

Zacharias war eine der einflussreichsten und zugleich schillerndsten Figuren der Göttinger Gruppe gewesen. Der Steuerberater galt als Erfinder der Anlagemodelle, die als sichere Altersvorsorge beworben wurden.

Drei Zivilkammern beschäftigen sich am Landgericht Göttingen mit den Klagen von Anlegern der Göttinger Gruppe: Hier verhandelt die Kammer unter dem Vorsitz von Richter Matthias Koller umgeben von langen Aktenreihen über 77 Fälle.

Während die Anleger als atypische stille Gesellschafter auch für das Risiko haften sollten, sicherte sich Zacharias erhebliche finanzielle Vorteile. Das wurde unter anderem in einem Zivilprozess vor dem Landgericht Göttingen deutlich, in dem es um einen Vertrag aus 1997 ging. Dieser sah vor, dass Zacharias als stiller Gesellschafter 30 Jahre lang – also bis 2027 – unabhängig vom Ergebnis des Unternehmens jedes Jahr eine Vorauszahlung von mehr als 500 000 Euro erhalten sollte. Das Gericht erklärte diesen Vertrag allerdings für nichtig.

2005 verurteilte das Landgericht Göttingen den Ex-Konzernchef wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von 16 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Als Bewährungsauflage musste er 400 000 Euro zahlen. Laut Urteil hatte Zacharias mehrere Jahre lang gegenüber dem Finanzamt private Einnahmen aus Immobilien und Vermietungen verschwiegen und so etwa eine Million Mark an Steuern hinterzogen.

Käufer beziehungsweise Mieter dieser privaten Immobilien waren jeweils Firmen der Göttinger Gruppe gewesen. Das Geld der Anleger war also teilweise auf seine Privatkonten geflossen.

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