Meinungsstarke Professorin

Corona-Expertin aus Göttingen kritisiert Impfstrategie: „Wir haben eine Mangelverwaltung“

Corona-Impf-Expertin aus Göttingen: Prof. Dr. Eva Hummers (55) ist Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der UMG, praktizierende Hausärztin und seit 2011 Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko).
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Corona-Impf-Expertin aus Göttingen: Prof. Dr. Eva Hummers (55) ist Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der UMG, praktizierende Hausärztin und seit 2011 Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko).

Eine Impf-Expertin aus Göttingen ist Teil der Ständige Impfkommission (Stiko). In unserem Interview kritisiert Sie vor allem die Verwaltung.

Göttingen – Eva Hummers ist eine Multi-Expertin in Sachen Covid-19-Erkrankung und Corona-Pandemie: Die Professorin leitet mit Dr. Iris Demmer das Göttinger Impfzentrum an der Siekhöhe, ist Direktorin des Instituts Allgemeinmedizin an der Uni-Klinik, praktiziert zudem als Hausärztin und ist Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) – und sie ist meinungsstark.

Das bestätigt sie auch bei Einladungen in TV-Talk-Shows stets bestätigt. Wir sprachen mit ihr.

Frau Hummers, wären Sie im April 2020 mit dem heutigen Stand bezüglich Forschung und Impfstoffe zufrieden gewesen?
Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell Impfstoffe haben werden. Das gilt auch für die Ständige Impfkommission. Prognose war etwa Impfstart im Frühjahr 2021. Es ist mit sehr viel Aufwand in Forschung und Produktion sowie Förderung in der ganzen Welt sehr schnell gegangen. Die Impfstoffe, die wir haben, sind klasse. Das würde man sich bei anderen Erkrankungen manchmal wünschen. Zudem sind etwa 300 Impfstoffe noch in der Entwicklung.
Wo stehen wir Ende Mai bezüglich des Impfens in Deutschland?
Ich hoffe, wir sind dann deutlich weiter als jetzt. Vor acht Wochen hätte ich aber auch gesagt, es sieht heute anders aus. Aber es hat sich leider noch nicht so viel geändert. Wir haben eine Mangelverwaltung – sehr viel weniger Impfstoff, als ursprünglich angekündigt war. Gleichzeitig sind die Erwartungen innerhalb der Bevölkerung gestiegen, auch, weil vielen gesagt wurde: ‘Sie sind jetzt auch dran‘. Das ist aber nicht nützlich, wenn nur eine sehr begrenzte Menge an Impfstoffen vorhanden ist.
Erhalten auch Sie Nachfragen von Menschen?
Wir bekommen im Impfzentrum hunderte Nachrichten pro Tag, in denen Menschen nachfragen und betonen: Wir haben uns schon vor Wochen angemeldet. Stimmt. Aber wir haben auch eine Warteliste mit über tausend Namen. Diese wird nicht in dem Tempo abgearbeitet, in dem neue Namen dazu kommen, weil der Impfstoff nicht nachkommt und weil uns die Pandemie nicht in Ruhe lässt. Daran wird sich zunächst nichts ändern. Dass Corona-Viren mutieren, war bekannt, es wird auch so bleiben.
Die Politik schürt Erwartungen, die nicht erfüllt werden können, auch nicht von Ihnen?
Ich bin vorsichtig geworden. Ich möchte gar nichts versprechen, weil das außerhalb meines Einflussbereiches liegt. Ich kann nur verteilen, was ich bekomme. Die Impfstoffverfügbarkeit ist mit so vielen Unsicherheiten behaftet, dass man keine vernünftigen Prognosen machen kann. Manche Gründe sind nachvollziehbar, manche nicht. Man hätte aber mit dem Erwartungsmanagement vorsichtiger sein müssen. Andererseits: Das Geschrei in Richtung Politik, doch endlich vernünftige Prognosen abzugeben, ist laut.
Auf welcher Basis empfiehlt die Stiko oder rät ab?
Die Stiko hat sich auf Fahne geschrieben, evidenzbasiert vorzugehen, auf Basis wissenschaftlicher Daten. Und wenn, wie bei den Astrazeneca – Studien nur sehr, sehr wenige ältere Menschen eingeschlossen wurden, dann gab es eben die Daten für alte Menschen nicht. Das hat sich geändert, wir wissen, dass Astrazeneca wirkt – auch bei alten Menschen, das zeigen nun Daten aus England und Schottland. Sie zeigen: Er wirkt super – auch gerade gegen schwere Verläufe.
Wie gut ist die Datenlage, und wie lange werden die Impfstoffe wirken?
Die Datenlage ist gut. Das war schon in den Zulassungsstudien aller Impfstoffe mit je etwa 30 000 Teilnehmern so. Aber uns fehlen noch Daten über die Langzeitwirkung der Impfstoffe. Wir können auch keine Aussagen machen über Langzeitnebenwirkungen, diese sind aber bei Impfstoffen generell eine Seltenheit, die meisten Nebenwirkungen treten früh auf. Generell gilt: Es gibt sowohl die Krankheit als auch die Impfstoffe noch nicht lange genug. Wir wissen auch noch nicht, wie lange die Immunität nach Covid-19--Erkrankung anhalten wird. Da werden wir jeden Tag genau einen Tag schlauer, auch was die Langzeitschäden der Erkrankung generell betrifft. Auch diese, wie auch die täglichen Zahlen zu Neuerkrankungen und Toten sprechen dafür, sich impfen zu lassen.
Wie steht es um die Impfbereitschaft?
Ich habe viele, viele Nachfragen – und die Telefonwarteschlangen bei der Terminvergabe sprechen für eine weiter steigende Impfbereitschaft. Dazu trägt auch bei, dass es jetzt mehr geimpfte Menschen gibt, die berichten: Ich habe es gut vertragen. Und: Die Verknappung von Gütern führt generell zu einer höheren Nachfrage – auch beim Impfen. Gleichzeitig ist die Gefährdung durch die Krankheit hoch und aktuell steigend. Die Astrazeneca-Diskussion hat aber auch Wirkung gezeigt. Manche lehnen die Impfung damit ab, sagen den Termin ab. Wir werden sehen müssen, wie jetzt die Akzeptanz bei Älteren ist. Hier ist die Gefährdung durch die Erkrankung ja deutlich höher, die sowieso sehr geringe Gefahr schwerer Nebenwirkungen des Impfstoffs noch geringer.
Wie ist denn zu erklären, dass Astrazeneca-Lager entdeckt wurden?
Er wurde als Non-Profit-Impfstoff angelegt. Die Produktion ist wohl einfacher als bei mRNA-Impfstoffen, die Rezeptur wurde frühzeitig für viele Produktionsstätten freigegeben. Die größten Kapazitäten sind in Indien. Er wurde an vielen Orten schnell produziert, sollte schnell an vielen Orten verfügbar sein, das ist unübersichtlicher als bei einem extrem schwierig zu produzierenden, patentgeschützten und als profitabel konzipierten Impfstoff.
Sie haben über die Stiko Einblick in Zulassungsverfahren – wann kommen die nächsten Impfstoffe?
Curevac ist im ‘Rolling Review‘, die europäische Arzneimittelagentur und das Paul-Ehrlich-Institut in Deutschland beobachten die einlaufenden Daten. Es geht ganz gut voran. Auch wurden die Zulassungsverfahren generell beschleunigt – für Astra dauerte das etwa drei Wochen. Es geht so schnell, und viel schneller als früher bei Impfstoffen, weil die Zulassungsbehörden Daten laufend annehmen, prüfen und bewerten – nicht erst nach dem Ende des Sammelns. Früher oder bei anderen Impfstoffen dauerten auch die Studien zum Sammeln der notwendigen Datenmenge länger als aktuell in der weltumspannenden Pandemie, mit extrem vielen Fällen und Erkrankten. Für den russischen Impfstoff Sputnik V läuft das Rolling Review noch nicht, man ist aber schon länger mit dem Produzenten in Kontakt. Johnson&Johnson ist zugelassen – für Europa aber im Moment noch nicht verfügbar. Es kommt etwas – aber es dauert länger, als wir es gerne hätten.
Wann werden wir nachgeimpft werden müssen?
Das wird sich noch zeigen. Solange das Wildvirus in der Bevölkerung zirkuliert, frischt sich das Ganze von selber auf, weil die durch das Impfen vortrainierten Immunsysteme in Kontakt mit einem Virus reagieren, damit werden sie wieder angeregt. Eine Rolle werden die Virusmutationen spielen: Wir hören oft die Frage: Wirkt der Impfstoff gegen Mutationen. Die Frage müsste eigentlich sein: Wie gut wirkt er gegen Mutanten? Es wird Mutanten geben, gegen die bestimmte Impfstoffe nicht so gut wirken. Aber es ist technisch kein ganz großes Problem die Impfstoffe darauf anzupassen. Dann müssten die Zulassungsbehörden aber zügig vorangehen. Folge: Es ist wahrscheinlich, dass irgendwann nachgeimpft werden muss, um gegen die neuen Mutationen gewappnet zu sein. Aber zunächst haben wir das Problem, alle Menschen überhaupt zu impfen, dann können wir uns dem Thema Nachimpfungen widmen.
Wie stark vorhanden oder eingeschränkt ist die Weitergabe des Virus von bereits Geimpften?
Wirklich verlässlich quantitative Zahlen aus systematischen Studien dazu gibt es (noch) nicht. Beobachtungsstudien zeigen aber, dass alle bisher zugelassenen Impfstoffe das Risiko einer Virusweitergabe deutlich reduzieren, allerdings nicht auf Null bringen. Vorsicht, das Einhalten der AHA-Regeln, ist also weiterhin angesagt und wird noch notwendig bleiben. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Prof. Eva Hummers

Prof. Eva Hummers (55), geb. in Köln, ist Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der UMG, praktizierende Hausärztin und seit 2011 Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko). Hummers studierte Medizin in Köln, Clermont-Ferrand und Poitiers, promovierte an der Uni Köln, wurde in Göttingen habilitiert. Sie lebt mit Familie in Lenglern. Für ihre Hobbies bleibt zu wenig Zeit: (Renn-)Radfahren, Reiten, Garten, Windsurfen, Segeln und Stand-Up-Paddeln. (tko)

Warum Astrazeneca von Beginn an schlecht weggkam

Der britische Impfstoff Oxford/Astrazeneca hatte in der Öffentlichkeit früh schlechtere Karten. Jetzt kommen unterschiedliche Einschränkungen in verschiedenen Ländern und Staaten hinzu und sorgen für Verunsicherungen. Gleichwohl bescheinigen Studien eine gute Wirksamkeit – auch in Bezug auf die Verhinderung schwerer Verläufe.

Dass Astrazeneca gleich schlecht wegkam, liegt laut Professor Eva Hummers auch an nationalen Bewertungen: So werde Biontech/Pfizer bei uns als deutsches Qualitätsprodukt betrachtet, es sei ‘der deutsche Impfstoff‘. In den USA hieße er nur Pfizer, sei der amerikanische Impfstoff, schildert Hummers.

Corona-Impfzentrum in Göttingen: Zahlen aus der ersten Astrazeneca-Studie wurden teils falsch interpretiert

„Im Vereinigten Königreich gilt der Corona-Impfstoff von Astrazeneca als herausragend, er wurde von der englischen Universität Oxford, einer der besten der Welt, entwickelt. So subjektiv ist die Bewertung, so entsteht ein Image, ein Label. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht Nonsens“, betont Hummers. Weiteres Handycap für Astrazeneca war, das erste Zahlen aus Zulassungsstudien zur möglichen Wirksamkeit laut Hummers „in der Öffentlichkeit teilweise auch falsch interpretiert wurden“.

Die UMG-Professorin stellt klar: „75 Prozent Wirksamkeit heißt ja nicht, dass 25 Prozent ungeschützt sind. Es bedeutet: Das Risiko zu erkranken war in der geimpften Gruppe um 75 Prozent reduziert im Vergleich zur Kontrollgruppe.“ Zudem sei auch die Bezeichnungen „Erkrankung“ und „Schwerer Verlauf“ in Studien unterschiedlich definiert worden.

Corona-Impf-Expertin: Auch die Definitionen der einzelnen Studien seien unterschiedlich

In den Astrazeneca-Studien sei als schwerer Verlauf bezeichnet worden, wer beatmet wurde. „Bei anderen Impfstoffen war es weniger hart definiert. So entstehen Unterschiede in Zahlen“, sagt Hummers und fügt an: „Dennoch wurden die Wirksamkeitsangaben von 75 Prozent bei Astrazeneca und 93 bei den mRNA-Impfstoffen verglichen und daraus geschlossen: Der eine Impfstoff wirkt besser als der andere. Das stimmt so nicht. Und Kopf-zu-Kopf-Vergleiche gibt es bisher gar nicht.“

Gleichwohl gebe es aber offenbar Unterschiede in der Sicherheit, wie Hummers einräumt. Da ist in rund 30 Fällen von knapp zwei Millionen mit Astrazeneca geimpften Personen eine sehr schwere Erkrankung aufgetreten, die sonst noch deutlich seltener ist: durch eine Immunreaktion gegen Blutplättchen ausgelöste Thrombosen bei gleichzeitigen Blutungen,“ sagt Hummers. Die Stiko hat deshalb Regeln für Astrazeneca-Impfen empfohlen.

Corona-Expertin aus Göttingen: Jüngere bekommen aufgrund ihres Immunsystems häufiger heftige Impfreaktionen

Zurück zum Image: Das litt auch früh, weil Astrazeneca laut Hummers zunächst an jüngere Menschen verimpft – „weil wir als Stiko die Gabe an Ältere zunächst nicht empfohlen hatten, da es keine Daten gab“. Jüngere Menschen aber bekommen aufgrund ihres besseren Immunsystems oft heftigere Impfreaktionen: „Sowohl die normalen Impfreaktionen in den Tagen danach, als auch die sehr seltenen schweren Nebenwirkungen, die erst im Kontext der breiten Impfkampagne sichtbar wurden. Biontech und Moderna aber wurden vornehmlich an alte Menschen verimpft, die generell Impfstoffe besser vertragen.“

Auch das führte zu vorschnellen Bewertungen zum Nachteil von Astrazeneca. Eva Hummers vergleicht die Situation sportlich: „In der Fußball-Bundesliga sagt man auch nicht nach Spieltag eins, diese Mannschaft hat die meisten Tore geschossen, also ist sie die beste, sondern man vergleicht alle Mannschaften über eine Saison in der Tabelle – und am Ende gibt es ein Finale. (Thomas Kopietz)

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