Appell von Ärztekammer-Präsidentin und Uni-Klinik-Vorstand

Göttinger Klinik-Vorstand: Land braucht mehr Medizinstudienplätze 

Kammerpräsidentin: Martina Wenker. Foto: Holger Hollemann/dpa

Göttingen/Hannover - Die Ärzekammerpräsidentin Wenker fordert mehr Studienplätze für Mediziner. Uni-Klinik-Vorstand Kroemer kritisiert das gesamte System und die Politik.

Zur Bekämpfung des Medizinermangels fordert Ärztekammerpräsidentin Martina Wenker mindestens 200 zusätzliche Medizinstudienplätze in Niedersachsen. Ihr geht der Ausbau des Angebotes zu langsam. Hoffnungen machen ihr Kooperationen wie das Modell Göttingen-Braunschweig.

„Derzeit fangen pro Jahr in Niedersachsen 600 Studenten an, aber es gehen jährlich 1000 Kollegen in den Ruhestand“, verdeutlicht die Kammerchefin. „Wir wissen, dass es jetzt schon knapp ist. Auch der ausländische Markt ist inzwischen leer gefegt.“

Rückgang der Medizinstudienplätze

Hinzu kommt auch ein Rückgang der Medizinstudienplätze – bei aktuell steigendem Bedarf. Seit 1990 sei die Zahl der Medizinstudienplätze von bundesweit 16 000 auf 9000 gesunken. Aber: Inzwischen gebe es in vielen Ländern Bestrebungen, die Studienplätze wieder aufzustocken: „Mir dauert das aber zu lange.“ Wenker arbeitet als Oberärztin in den Helios Lungenkliniken Diekholzen und Hildesheim, sie ist auch Vizepräsidentin der Bundesärztekammer.

Oldenburg bekommt mehr Plätze

Die Zahl der Studienanfängerplätze der European Medical School (EMS) in Oldenburg wird zum Wintersemester 2019/2020 von 40 auf 80 verdoppelt. In Niedersachsen studierten 2017/2018 laut Ministerium 4623 Frauen und Männer Medizin.

Göttingen und Braunschweig kooperieren

Am Klinikum Braunschweig sollen künftig mindestens 60 Studierende pro Jahr den klinischen Teil ihres Studiums absolvieren. Die ersten zwei Jahre lernen sie an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), dann wechseln sie ins gut 100 Kilometer entfernte Braunschweig, bleiben aber im Bundesland Niedersachsen.

Starres System

Das war vorher nicht so: Die Göttinger Uni-Klinik musste die Lernenden auf 100 Teilstudienplätze nach dem Vorklinikum ziehen lassen, weil sie keinen Folgestudienplatz (Kapazität an der UMG: 300 Plätze) bekommen konnten. Bemühungen, sie in der Uni-Klinik weiter auszubilden, scheiterten am laut UMG-Vorstandssprecher Prof. Dr. Heyo K. Kroemer „starren System“. Resultat: Manche gingen auch in andere Bundesländer.

Junge Ärzte gingen weg

„Das Land Niedersachsen steckte Geld in die Ausbildung und musste dann zusehen, wie junge Ärzte weggingen“, schildert Kroemer, der froh ist über die auch vom Wissenschaftsministerium unter Björn Thümler (CDU) gestützte Kooperation.

In dieser Göttingen-Braunschweig-Kooperation sieht Martina Wenker ein Modell für das ganze Land. Ein ähnlicher Campus könne auch am Klinikum Osnabrück und am Klinikum Region Hannover entstehen, etwa in Kooperation mit der Medizinischen Hochschule Hannover. 

Druck für Veränderungen

Der im Sommer als Vorstandschef von Göttingen an die Berliner Charité wechselnde Heyo Kroemer freilich bemerkt macht „einen starken Druck für Veränderungen im viel zu unflexiblen Medizinstudium“. Grund dafür sind auch Versorgungsengpässe – so bei Allgemeinmedizinern in ländlichen Gebieten. Für Kroemer liegt ein Problem aber auch in einer fehlenden und seiner Meinung nach durchaus zu leistenden klaren Bedarfsanalyse.

 „Wir kennen die Krankheitsbilder und Häufigkeiten von Erkrankungen sehr genau, also kennen wir den ärztlichen Bedarf.“ Kroemer betont auch, dass der Ärztemangel in bestimmten Bereichen und Gegenden nicht allein mit sinkenden Zahlen von Medizinstudienplätzen zusammenhängt: „Wir bilden im Vergleich zu anderen Staaten sehr viele Ärzte in Deutschland aus.“ Folglich sei die Politik gefordert, das strukturelle Problem anzugehen. (tko mit dpa)

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