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Göttinger Literaturhaus spielt Zukunftsmusik

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Von: Thomas Kopietz

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Neuer kultureller Anziehungspunkt in der Göttinger Innenstadt: Das Literaturhaus wurde am Wochenende offiziell eröffnet und lockte mit einem spannenden Programm und schöner Architektur die Massen an.
Neuer kultureller Anziehungspunkt in der Göttinger Innenstadt: Das Literaturhaus wurde am Wochenende offiziell eröffnet und lockte mit einem spannenden Programm und schöner Architektur die Massen an. © Dietrich Kühne/Literaturhaus/nh

Mit einem Festakt, vielen Besuchern, genialer Festrede und Stars ist das Literaturhaus in Göttingen eröffnet worden.

Göttingen – „Es ist alles so aufregend!“ So offen und ehrlich startete Anja Johannsen die Eröffnung des Göttinger Literaturhauses am Samstag. Aufregend waren für sie und Johannes Peter Herberhold vor allem die letzten Tage davor gewesen. Noch am Dienstag stand für Bau-Laien die Eröffnung in den Sternen, war vieles unfertig. Samstag präsentierte sich der Saal samt „Wand der ungelesenen Bücher“ aus Bücherrücken, dem grau-schwarzen Interieur und rustikal-modernem Estrichboden sowie exzellenter Beleuchtung als modernes Schmuckstück in dem um 1800 erbauten Ackerbürgerhaus.

Ein wichtiges Ziel erreichte das Literaturhaus schon an Tag eins, für einen Tag: Anlaufpunkt für Buchinteressierte, aber auch für unbedarft Neugierige zu sein. Denn: Der Festakt ging direkt in den Tag des offenen Tores ein – das wurde sofort nach Ende des zweistündigen, aber kurzweiligen Aktes aufgesperrt. „Wir machen das. Wer will, kann doch gleich reinkommen“, sagte Johannsen. So mischte sich sofort das Publikum unter die 150 geladenen Festgäste.

Welche Bedeutung das Literaturhaus einnimmt skizzierten sowohl Oberbürgermeisterin Petra Broistedt als auch Ministerpräsident Stephan Weil. Der weilte auf Auslandstour in Skandinavien, aber grüßte und gratulierte per Videobotschaft. Weil, mit studentischer Göttingen-Vergangenheit, sprach von der „Literaturstadt“ Göttingen, dank Literaturherbst und Literarischen Zentrum, aber auch der vielen und hochklassigen Verlage sowie höchster Buchladendichte Deutschlands. Das Haus und das weiter wachsende Kunst-Quartier dienen für Weil der „Literaturpflege“.

Petra Broistedt sieht Göttingen nun in der Liga mit Top-Großstädten: „Hamburg, Frankfurt, Berlin, München, Göttingen – sie alle haben ein Literaturhaus.“ Broistedt dankte vor allem allen aus den beiden Literarischen Vereinen, vorneweg allen Mitarbeitenden, dann Gerhard Steidl, der seine Vision vom Literaturhaus seit 50 Jahren mit Hartnäckigkeit verfolge. Auch OB-Vorgänger Rolf-Georg Köhler, der das Potenzial von Kunst-Quartier und Literaturhaus erkannt und gefördert habe sowie Dr. Joachim Kreuzburg.

Ein Name der oft fiel in den Reden. Kreuzburg selbst hielt sich im Hintergrund, er, der den Innenausbau aus der Privatschatulle finanziert hat, weil er Kulturförderer kraft Überzeugung ist und den die „tolle Zusammenarbeit“ des neuen WG-Duos im Literaturhaus schon länger begeisterte. Mit seinem Engagement machte er das Projekt letztlich erst möglich. Die feierliche Eröffnung verfolgte er mit Begeisterung. Der Festakt war einer fast gänzlich ohne Plattitüden in den Reden, sondern einer mit einer fulminanten Festrede vom großen Gegenwartsliteraten und Freund der Göttinger Literaturvereine Sasa Stanisic, großartigen Worten des Staatssekretärs Andreas Görgen zu dem, was unsere Gesellschaft und Demokratie auszeichnen sollte, feinen Musikbeiträgen von Christiane Eiben und Markus Gahlen (Gitarre), sympathisch-wertschätzenden Worten von der Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs. Und dann war da noch die spürbare Harmonie zwischen Literaturhaus und Literarischen Zentrum, dem kongenialen WG-Duo in der Nikolaistraße 22, präsentiert von Anja Johannsen und Johannes Peter Herberhold.

Locker und harmonisch: So zeigten sich Anja Johannsen (Literarisches Zentrum) und Johannes Peter Herberhold (Literaturherbst).
Locker und harmonisch: So zeigten sich Anja Johannsen (Literarisches Zentrum) und Johannes Peter Herberhold (Literaturherbst). © Alciro Theodoro da Silva

Die Göttinger nahmen das Haus sofort an: Die Lesungen mit Doris Dörrie und Matthias Brandt waren ausverkauft. Die Übertragung per Großleinwand auf dem Nikolaikirchhof war ein Fingerzeig – darauf, dass der ein prima Veranstaltungsort ist. Das Literaturhaus-Opening selbst deutete an, was es bald sein könnte: Ein belebender Faktor in dem sich positiv entwickelnden Kiez zwischen Nikolaistraße und Düstere Straße – dem Kunst-Quartier.

Sasa Stanisic sprach in seiner von persönlichen Erlebnissen in Ex-Jugoslawien geprägten, vor mächtigen Bildern und glänzenden Zusammenführungen strotzenden Festrede auch von den in seinen Erinnerungen existierenden musizierenden Häusern. Das Literaturhaus soll in seiner Vorstellung alle Tonleitern von Dur bis Moll und genreübergreifend spielen. Es sollte ausdrücken, „was sein könnte, wie wir leben könnten“. Das ideale Literaturhaus des Sasa Stanisic ist auch ein „ideelles“ und eines, das Zukunftsmusik spielt. Davon war an den ersten beiden Lebenstagen des Göttinger Literaturhauses schon etwas zu hören. (Thomas Kopietz)

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