832 Seiten über nur einen Tag

Göttinger Literaturherbst: Jonathan Franzen stellt „Crossroads“ vor

Porträtaufnahme von Autor Jonathan Franzen. Er trägt eine schwarze Brille und guckt in die Kamera.
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Populär: Autor Jonathan Franzen.

Live zugeschaltet aus Kalifornien sprach Schriftsteller Jonathan Franzen beim Literaturherbst im Deutschen Theater über seinen Roman „Crossroads“.

Göttingen – Während in Göttingen der Abend dämmerte, schlürfte der Amerikaner – acht Stunden Zeitverschiebung – in der Küche seinen Frühstückskaffee.

An einem einzigen Tag kurz vor Weihnachten 1971 spielt der 832 Seiten starke Roman, an dem Franzen mehrere Jahre gearbeitet hat. Es sei eine „spaßige Herausforderung“ gewesen, die gesamte Handlung auf einen Tag zu konzentrieren, erklärte der Schriftsteller im Gespräch mit Adam Soboczynski, dem Feuilleton-Chef der Wochenzeitung „Die Zeit“. Einen Übersetzer brauchte der Germanist, der in München und Berlin studiert hat, nicht. Franzen antwortete allerdings auf Englisch.

„Crossroads“: Minutiös wird der Alltag der Charaktere nachgezeichnet

In den Passagen, die Schauspielerin Helene Grass am Sonntagabend ausdrucksstark las, ging es vor allem um die Ehefrau. Schauspielerin hatte sie werden wollen, Mutter von vier Kindern war sie geworden.

Den liberalen Protestantismus ihres Mannes, eines Pfarrers, empfand die fromme, von Schuldgefühlen geplagte Katholikin zunächst als Befreiung. Doch mit Ende 40 begann sie sich wieder als Sünderin zu fühlen, der ewige Verdammnis drohte, wenn ihr nicht jemand Vergebung zusprechen würde. Bei einer Psychiaterin, deren Sprechzimmer diskret in einer Zahnarztpraxis gelegen war, suchte sie Zuflucht.

Jonathan Franzen: Er war selbst sechs Jahre in einer christlichen Jugendgruppe aktiv

In einer Lebenskrise steckt auch der Ehemann, den mit seiner Frau eine abgründige, von Schuld und Entfremdung geprägte Beziehung verbindet. Der Jugendseelsorger findet keinen Draht mehr zu den jungen Menschen. Sie empfinden den Jazzliebhaber und Bürgerrechtsaktivisten, der seine prägende Zeit in den 40er-Jahren hatte, als langweilig.

Im Gespräch mit dem Moderator verriet Franzen, dass er selbst sechs Jahre in einer christlichen Jugendgruppe aktiv gewesen ist. Einige „verrückte katholische Frauen“ habe er kennengelernt. Die frühen 70er seien fesselnd, weil sich die USA damals stark verändert hätten. Die Frauen seien selbstbewusster geworden, die Rate an Scheidungen gestiegen.

Auch der Protestantismus habe sich seinerzeit verändert. Die Liberalen hätten die Kirchen in großer Zahl verlassen. Antworten auf Sinnfragen hätten sie nun im Streben nach Selbstverwirklichung gefunden. Und der Massenkonsum sei seinerzeit aufgekommen. (Michael Caspar)

Information

Jonathan Franzen: „Crossroads“, Rowohlt, 832 Seiten, 28 Euro

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