Ein Anwalt als Romanautor: Markus Thiele

Göttinger Literaturherbst: Lese-Abend um Fall Jalloh im Gerichtssaal

 Autor Markus Thiele ist Rechtsanwalt und Schreiber. Moderator war Thomas Kopietz von der HNA
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Göttinger Literaturherbst 2020: Lesung im Schwurgerichtssaal Landgericht Göttingen: Autor Markus Thiele ist Rechtsanwalt und Schreiber, er signierte auch Bücher. Moderator war Thomas Kopietz von der HNA.

Erstmals gab es eine Lesung im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Göttingen. Das Interesse an der Veranstaltung des Literaturherbstes war groß.

Göttingen – Gerichtsverhandlungen sind in der Regel öffentlich; jeder Interessierte kann daran teilnehmen und sich ein Bild davon machen, wie die Justiz funktioniert, worüber sich Menschen streiten und wie ein Strafprozess abläuft. Allerdings machen meist nur wenige Bürger von dieser Möglichkeit Gebrauch, meistens stehen sie in irgendeiner Verbindung zu einem der Prozessbeteiligten. Viele Menschen haben noch nie einen Gerichtssaal von innen gesehen. Vermutlich auch deshalb war das Interesse an einer Veranstaltung des diesjährigen Göttinger Literaturherbstes besonders groß: Erstmals fand eine Lesung im Schwurgerichtssaal des Göttinger Landgerichts statt.

Am Dienstagabend stellte der Göttinger Rechtsanwalt Markus Thiele dort sein Buch „Echo des Schweigens“ vor. Moderiert wurde die Veranstaltung von Thomas Kopietz, Leiter der HNA-Regionalredaktion Göttingen/Niedersachsen. Die Veranstalter hätten 500 Karten verkaufen können, so groß sei die Nachfrage gewesen, sagte Kopietz. Das liege wohl „am Buch, am Ort und am Autor.“

Auch für Markus Thiele war der Abend eine Premiere. Er sitzt zwar berufsbedingt häufig in Gerichtssälen. Da er jedoch Fachanwalt für Arbeitsrecht ist, verschlägt es ihn so gut wie nie in einen Schwurgerichtssaal, wo über Mord, Totschlag und andere schwere Straftaten verhandelt wird. Zu Beginn erläuterte der Autor erst einmal die Sitzordnung in dem Saal. Er sitze hier auf dem Stuhl des Vorsitzenden Richters, der Moderator neben ihm sei gewissermaßen der Beisitzer, erklärte er.

Dass der Jurist Thiele zum Buchautor wurde, habe mit den Besonderheiten seines Berufs zu tun: „Ich brauchte einen Ausgleich zur Juristerei“, erklärte er. Im Berufsalltag gehe es sehr streng zu. 2006 habe er damit begonnen, Kurzgeschichten zu schreiben. Belletristik statt penibel formulierter juristischer Schriftsätze zu schreiben, sei für ihn eine Form der Entspannung.

Thiele hat sich für das Buch auf das Gebiet des Strafrechts begeben. Die Geschichte lehnt sich an einen echten Fall aus 2005 an, der bis heute ungeklärt ist. Damals verbrannte der aus Sierra Leone stammende Asylbewerber Oury Yalloh bei einem Brand in einer Polizeizelle in Dessau. Er habe diesen Fall weiterspinnen und zu einem „einigermaßen realistischen Ergebnis“ führen wollen, erzählt Thiele. „Was bis heute nicht geklärt ist, wird hier aufgeklärt“ – natürlich nur fiktional und nicht wirklich.

Thiele liest einige Passagen vor, die sich insbesondere mit der Frage nach Recht und Gerechtigkeit und der Rolle des Anwalts beschäftigen: Wie weit muss oder darf er gehen, um für seinen Mandanten – in diesem Fall dem angeklagten Polizisten – das bestmögliche Ergebnis herauszuholen? Anders als manche anderen Autoren und auch als manche anderen Anwälte, die so nuschelnd reden, dass man sie im Gerichtssaal kaum verstehen kann, ist Thiele ein guter Redner und Vorleser.

Um grundlegende Fragen von Moral und Schuld zu beleuchten, hat Thiele noch einen historischen Strang eingeflochten, die Geschichte der Familie Mast, die den Kräuterlikör „Jägermeister“ erfunden hat. Ein Nachkomme der Unternehmensgründer, den er seit vielen Jahren anwaltlich vertrete, habe ihn auf diese Familiengeschichte aufmerksam gemacht, sagte Thiele. Die aus diesem Erzählstrang vorgelesene Passage ließ aber Zweifel entstehen, ob diese Verknüpfung mit dem Fall des verbrannten Asylbewerbers nicht an den Haaren herbeigezogen ist.

Für die coronabedingt beschränkte Zahl von 37 Zuhörern war es ein unterhaltsamer Abend, einige ließen sich noch das Buch vom Autor signieren. (Heidi Niemann)

Den Mitschnitt der Veranstaltung (kostenpflichtige Anmeldung erforderlich) kann man hier erleben. Das Online-Ticket für das kostenpflichtige Streaming-Angebot kann man hier bekommen.

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