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Göttinger Literaturherbst: Sir Kershaw und die unsympathischen Mächtigen

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Von: Thomas Kopietz

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Göttinger Literaturherbst 2022: Auftaktveranstaltung in der St.Johannis-Kirche mit Ian Kershaw
Göttinger Literaturherbst 2022: Auftaktveranstaltung in der St. Johannis-Kirche mit Bestsellerautor und Historiker Ian Kershaw im Gespräch mit Alexander Solloch von NDR Kultur. © Thomas Kopietz

Starker Besuch beim Literaturherbst-Auftakt in der Göttinger St. Johanniskirche mit Bestsellerautor Ian Kershaw.

Göttingen - Er ist Brite, wurde von der Queen zum Ritter geschlagen, ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und spricht hervorragend Deutsch: Sir Ian Kershaw (79). Der renommierte Historiker mit dem Schwerpunkt jüngere deutsche Geschichte und Bestsellerautor hat erneut ein bemerkenswertes Buch vorgelegt: In „Der Mensch und die Macht“ analysiert er zwölf Machtmenschen von Lenin bis Kohl, die Europa maßgeblich beeinflusst haben. Der Göttinger Literaturherbst präsentierte Kershaw bei der Eröffnungsveranstaltung am Freitagabend in der St. Johanniskirche.

Dass Kershaw beliebt ist, beweist die Besucherzahl: knapp 500 Menschen füllen die Johanniskirche und spenden am Ende kräftigen Applaus.

Zwölf Mächtige von Lenin über Hitler bis Gorbatschow und Kohl

Davor stehen aber 90 intensive wie unterhaltsame Minuten – kein Wunder, denn Kershaw ist Fußball-Fan (Manchester United) – im Gespräch mit NDR-Kultur-Journalist Alexander Solloch über sein neues Buch. Oder besser über einige der zwölf von Kershaw ausgewählten und beschriebenen, geschichtsverändernden Mächtigen wie Lenin, Stalin, Mussolini, Hitler, Churchill, Franco, Tito, Thatcher und Kohl. Sie seien ihm alle „unsympathisch als Menschen – mit Ausnahme von teilweise Churchill und Gorbatschow überwiegend“, sagt Kershaw, der ansonsten an diesem Abend, wie auch in seinem Buch, keine ausufernden Charakter- und Psychoanalysen über diese Machtmenschen liefert – und wenn nur andeutungsweise. Im Buch finden Zwölf übrigens ihren Platz, weil „sie alle die Geschichte Europas maßgeblich beeinflusst haben“.

Worum geht es Kershaw? Nun, er will aufzeigen, wie es Mächtigen gelungen ist unter bestimmten Voraussetzungen, Umständen und Strukturen - auch Zufällen - die Geschichte zu beeinflussen – etwas zu schaffen oder zu zerstören.

Churchill und die folgenreiche Entscheidung gegen Hitler

Winston Churchill sei ein dafür ein Beispiel: In drei intensiven Beratungstagen und der Entscheidung, sich nicht Hitler zu unterwerfen, sei die Kriegsentscheidung und letztlich die europäische Politik auf viele Jahrzehnte beeinflusst, ja gelenkt worden. Was wäre gewesen, wenn Churchill anders entschieden hätte? „Das sind Gedankenspiele, die für einen Historiker wichtig sind, die oft sogar unbewusst ablaufen“, erzählt Kershaw, der genau das verinnerlicht und liebt. Fiktionen zu durchdenken – und lebhaft aufschreiben zu können, das macht seine Bücher besonders – auch für die breite Masse der Leser. „Ohne Gedankenspiele ist Geschichte eine Einbahnstraße“, sagt er.

Kershaw: „Margret Thatcher galt als stärkster Mann im Kabinett“

Den Faden greift Moderator Solloch am Ende auf: Habe er, Kershaw, Bedenken, was Deutschland 100 Jahre nach der Machtergreifung Hitlers 1933 dann 2033 zu erwarten habe? „Nein, bin ich eher optimistisch.“ Kershaw glaubt nicht, dass der Faschismus trotz Krisenzeiten die Oberhand gewinnen wird. Einen Platz im Fortsetzungsbuch („Ich werde es aber nicht schreiben“) über Machtmenschen des 21. Jahrhunderts sichert Ian Kershaw schon mal Putin, Trump, Erdogan, Xi Jinping und Bolsonaro zu. „Und Angela Merkel.“ Immerhin einer Frau. Wie in seinem aktuellen Buch, in das es Margret Thatcher geschafft hat. „Aber sie galt als stärkster Mann im Kabinett“, sagt Kershaw trocken und zeigt seinen wunderbaren Humor, der mehrfach aufblitzt und den Moderator Solloch ruhig noch öfter herauskitzeln könnte.

Am Ende bleibt eine muntere Unterhaltung mit einem großartigen Autor, bescheidenen und sympathischen Menschen Kershaw und von ihm gesprochene Sätze wie: „Unsympathische Züge sind wichtig für Machtmenschen“, ab auch treffsicher Analysen wie: „Kohl war ein mittelmäßiger Kanzler. Aber er hatte Instinkt, Gespür und Durchsetzungsfähigkeit.“ Einen Versprecher leistete sich Sir Ian Kershaw denn auch: „Giorgia Mussolini – äh Meloni.“ Es war ein ungewollter Versprecher, aber einer mit Tiefgang. (Thomas Kopietz)

Ian Kershaw, „Der Mensch und die Macht: Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhunder“, DVA, 592 S., 36 Euro, Kindle 28,99 Euro.

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