INTERVIEW

Göttinger Literaturherbst: „Wir wollen noch mehr zum Festival werden“

Porträt Geschäftsführer Johannes Peter Herberhold, Göttinger Literaturherbst.
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Glücklich über den Literaturherbst 2021 und mit Vision: Geschäftsführer Johannes Peter Herberhold hat Ideen, wie es mit dem Festival weitergehen soll.

Wir sprachen mit Geschäftsführer Johannes Peter Herberhold über den Göttinger Literaturherbst, das größte Literaturfestival in Niedersachsen.

Göttingen – „Schluss, Aus, Vorbei“, würde BAP-Sänger Wolfgang Niedecken titeln, der den fulminanten Schlusspunkt beim 30. Göttinger Literaturherbst setzte. Das Festival stand erneut unter einem guten Stern. Wie im Vorjahr, ging das der Literaturherbst quasi auf den Punkt zu Ende, bevor einschneidende Regelungen in der Pandemie-Welle verhängt wurden.

Im Interview spricht Geschäftsführer Johannes Peter Herberhold über die neue Sheddachhalle, eine beeindruckende Preisverleihung und furiose Shows von Benno Fürmann mit dem Moka Efti Orchester aus „Babylon Berlin“ in der Einbecker PS.Speicherhalle – und generell über die Zukunft.

Herr Herberhold, zehn Tage volle Pulle Kultur und Gespräche, wie hielten Sie das durch?
Das frage ich mich auch manchmal. Aber irgendwie geht es immer – und das Adrenalin, erzeugt aus der Aufregung hilft dabei natürlich. Es macht unwahrscheinlich viel Spaß und die Freude darüber, dass so viele Menschen gekommen sind, obwohl manche angesichts der Pandemielage noch zurückhaltend sind, ist riesig – bei allen in unserem kleinen Team, das großes leistet.
Wo geht es hin mit dem Literaturherbst, wenn im Corona-Jahr 2021 fast die Rekordbesucherzahl erreicht wurde?
Ich habe einmal gesagt, dass bei 20.000 Besuchern das Optimum erreicht ist. Das sehe ich heute ein wenig anders, denn die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Aber 20.000 ist dennoch ein gewisses Maß.
Welche Rahmenbedingungen änderten sich?
Nun, der Göttinger Literaturherbst ist mittlerweile „das“ Festival dieser Art in Norddeutschland. Die Bekanntheit steigt stetig. Dazu trägt auch unser „On-Air-Ticket“ bei, das aus der Not heraus 2020 geboren wurde und die Chance bietet, den Literaturherbst zu Hause, allein auf dem Tablet oder mit Freunden zusammen am Fernseher via Live-Stream ode Aufzeichnung zu verfolgen. Das kommt an. Ich habe sogar erfahren, dass sich Freunde in Kapstadt, in Südafrika zum gemeinsam Literaturherbst-Schauen via Stream getroffen haben. Das ist doch unglaublich und verändert die Wahrnehmung unseres Festivals gewaltig. Daran war vor drei Jahren nicht zu denken.
Wird man darauf reagieren und die Veranstaltungen an die Weltzeituhr anpassen, 24-Stunden-Live-Programm machen?
Nein, sicher nicht, aber es könnte natürlich die Programminhalte beeinflussen. In diesem Jahr fehlten uns ja noch stark die internationalen Autoren, weil einige von ihnen noch nicht wieder so viel und weit reisen wollen.
Was ändert sich noch, was das Festival jetzt schon positiv beeinflusst und beeinflussen wird?
Wir haben mit der nagelneuen, sehr schönen Sheddachhalle im Sartorius-Quartier und der sanierten St.Johanniskirche zwei großartige Spielstätten dazubekommen, die innenstadtnah liegen und jeweils etwa 700 Besuchern Platz bieten. Das erweitert auch unsere Kartenkontingente. Generell passt diese Größe wunderbar zu unseren Lesungen und einer vertrauten Atmosphäre, denn dafür ist dabei eine maximale Kapazität bei 1.000 Besuchern erreicht. So ist die Lokhalle auch nur in Ausnahmen für uns eine Möglichkeit. Bisher war das Alte Rathaus unsere größte Spielstätte, dazu das Deutsche Theater, was aber auch im Oktober und November vom DT selbst bespielt werden muss. Darin wurde es doch schon sehr eng, das passt nicht mehr optimal in unsere von einem größeren Sicherheitsdenken und Infektionsschutz geprägte Zeit. Die Luftverhältnisse, das Raumgefühl in der Johanniskirche und der Sheddachhalle sind dafür passender. Das heißt nicht, dass wir die genannten Orte nicht mehr bespielen wollen. Aber: Wir sind total froh über die Ergänzung unser Spielorte in Göttingen.
Welche Rolle spielt die Region?
Nach wie vor eine große. Dafür stehen doch die großartigen Veranstalungen von Benno Fürmann und Moka Efti in der PS-Speicher-Halle in Einbeck am Sonntag. So etwas habe ich noch nicht erlebt – im Rahmen des Literaturherbstes. Und: Wir haben das Programm sogar selbst entwickelt. Gesa Husemann hat mit Fürmann die Texte herausgesucht und besprochen, dann kam die tolle Musik dazu. Es hat nun sogar das Zeug für eine bundesweite Tournee in größeren Hallen. Und wir bestücken die Region-Spielorte mit tollen Leuten, diesmal auch Axel Hacke, Dirk Roßmann, Max Goldt und Edgar Selge, der in Hann. Münden vielleicht eine der berührendsten Auftritte dieses „Herbstes“ hinlegte. Auch hatten wir im Museum von Schloss Fürstenberg eine weitere schöne neue Spielstätte. Wir werden auch diesbezüglich immer wieder neue Perlen suchen und entdecken.
Ist das Erfolgsrezept, dass Sie eine breite Zuschauerschicht ansprechen, mit neuen Formaten, Spielorten und Literaturgenres?
Sicherlich, wir haben neue Reihen entwickelt, haben uns Gruppen speziell vorgenommen wie die jungen Menschen. Zudem passt einfach vieles, wie die tollen Gäste der Wissenschaftsreihe, die mit ihren zeitgemäßen Themen wie Klimaveränderungen und Umweltschutz hervorragend nach Göttingen passen, aber auch viele jüngere Besucher anlocken. Diese Mixtur gab es so früher nicht.
Kritisch gesehen: Sind es nicht zu viele Veranstaltungen in zu kurzer Zeit?
Nein, das sehe ich nicht so, auch wenn an manchen Tagen verschiedene Lesungen zeitgleich laufen und sich ein Besucher nicht alle anschauen kann, die er erleben möchte. Diese Tage, besonders an Wochenende mit mehreren Veranstaltungen, sind bewusst so zusammengestellt. Sie sollen ein attraktives Angebot auch für Besucher von außerhalb sein. Ich möchte, dass der Literaturherbst noch stärker einen Festivalcharakter bekommt und, dass Gäste für ein Wochenende zum Literaturherbst kommen, nebenbei noch andere tolle Dinge in Göttingen und Umgebung entdecken können, wie das Kunsthaus oder die HGN-Kunsthalle in Duderstadt.
Für verpasste Live-Veranstaltungen gibt es ja das On-Air-Ticket.
Ja. Wir haben es eigentlich auf Idee von Joachim Kreuzburg – und mit der finanziellen Unterstützung von Sartorius – im Corona-Jahr 2020 auch als Sicherheitsnetz geschaffen. Es ist aber zu einer Ergänzung geworden. 50 000 Aufrufe haben wir verzeichnet. 30 Prozent kommen aus Niedersachsen. Und es haben sich Kulturinteressierte aus 30 Ländern zugeschaltet. Den Vortrag mit Maja Göpel haben zwei Leute in Hongkong verfolgt. Das sind kleine Zahlen, die mich sehr freuen. An Wochenende haben immerhin täglich 1000 Leute zu Hause online geschaut. Ich denke, das On-Air-Ticket wird an Bedeutung gewinnen.
Blicken wir fünf Jahre voraus: Welches Fazit werden sie dann ziehen?
Ich werde mich freuen, dass etwa 20 000 Besucher/-innen in 100 Veranstaltungen ihren Hunger auf Live-Literatur haben stillen können – von Fürstenberg, Staufenberg, über Göttingen, Einbeck und Duderstadt – vielleicht bis Hildesheim und Leinefelde. Wir haben Entwicklungspotenzial was Spielorte und Inhalte angeht.
Ein Kölner Tag, mit Frank Schätzing und BAP-Gallionsfigur Wolfgang Niedecken gab es verspätet...
Frank Schätzing mussten wir verlegen. Wolfgang Niedecken war für diesen verzögerten Abschluss vorgesehen. Es war ein toller Abschluss mit zwei großartigen Künstlern. Und wir hatten wieder so ein großes Glück wie 2020: Beide Male verschlimmerte sich die Pandemie in Deutschland danach noch einmal kräftig.

(Thomas Kopietz)

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