Weltweit gefragte Forscherin am Max-Planck-Institut

Forscherin Melina Schuh bringt Familie und Karriere unter einen Hut

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Junge, erfolgreiche Forscherin: Dr. Melina Schuh am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen, die in ihrer Abteilung Meiose erforscht, wie sich befruchtungsfähige Eizellen entwickeln und wie dabei Fehler entstehen. 

Göttingen. Das ist für Frauen ein oft nicht zu schaffendes Unterfangen: die Karriere als Spitzenforscherin und Mutter zu verbinden. Melina Schuh aus Göttingen schafft das.

Es sind unglaubliche Bilder eines 24-Stunden währenden Vorgangs, die auf dem Wand-Monitor in nicht mal einer Minute ablaufen. Was für Melina Schuh alltäglich ist, ist für den Gast unbeschreiblich: Die Direktorin am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie zeigt auf zwei magenta-farbene Gebilde in X-Form. Es ist die Teilung eines Chromosomenpaars in einer unbefruchteten menschlichen Eizelle.

Fehlern bei der Eizellenteilung auf der Spur

 „Hierbei entstehen oft Fehler, die hinterher zur falschen Chromosomenzahl und Fehlgeburten führen“, sagt Schuh, die mit ihrer Arbeitsgruppe weltweit die Einzige ist, die daran in lebenden menschlichen Eizellen forscht.

Nüchtern beschreibt sie diesen faszinierenden Schritt auf dem Weg zum neuen Leben. Die Bilder im Hochleistungsmikroskop haben damals schon die Doktorandin gepackt. Die nun international gefragte Forscherin, die früh ein „sehr großes Interesse an der Mikroskopie hatte“, fing Feuer als sie in Heidelberg für die Doktorarbeit als erste die Trennung von Chromosomen in lebenden Maus-Eizellen untersuchte. 

Nach der Doktorarbeit nach England

Danach wagte sie 2009 den Schritt in die Unabhängigkeit, etablierte eine eigene Forschungsgruppe in Cambridge. Dort untersuchte sie, warum Eizellen altern und wie es bei der Teilung zu falschen Chromosomenzahlen kommt. Sie stellte sich existenzielle Fragen: Warum nimmt die weibliche Fruchtbarkeit mit dem Alter ab, die Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten und ein Kind mit chromosomalen Anomalien wie Down-Syndrom zu?

Forschung soll Frauen helfen

Heute hat Schuh Antworten parat: Ihr Team hat Fehler und deren Quellen entdeckt. So ist bekannt, dass die Stabilität der Chromosomen in Eizellen mit dem Alter abnimmt, wodurch die Meiose fehlerhaft abläuft. Als Forscherin hat Schuh ein großes Ziel: „Unsere Forschung könnte helfen, Paaren häufiger den Kinderwunsch zu erfüllen und Prozesse bei der In-Vitro-Befruchtung zu verbessern“.

Im Labor: Melina Schuh schaut sich mit Mitarbeiterin Julia Uraji Eizellen-Moleküle auf dem Bildschirm an.  

Erster Weg: Fahrt zum Kindergarten

Der erste Weg am Morgen ist für Melina Schuh die Fahrt zur Kita. Dort sagt sie Tschüss zu ihren drei Kindern. „Ich fühle, dass sie dort gut aufgehoben sind, mit Sporturnieren und Kunstprojekten Dinge tun, die bei uns zu Hause nicht möglich wären.“ Das gibt ihr die Ruhe, um im Institut konzentriert arbeiten zu können. Am Vormittag liest sie oft neue wissenschaftliche Texte, sichtet Ergebnisse, plant Projekte. „Ich muss sehr strukturiert sein“, sagt sie. Schließlich endet der Bürotag oft um 17 Uhr, dann schließt die Kita.

Nie einen Business-Plan

Einen Business-Plan hat sie nie verfolgt: „Wissenschaftliche Entwicklungen lassen sich nur bedingt planen. Ich hatte immer im Kopf: Wenn es mit der wissenschaftlichen Karriere nicht klappt, dann mache ich etwas anderes.“ Möglichkeiten für Überraschungen, Wendungen hält sich Melina Schuh offen, obwohl sie Göttingen vorerst nicht verlassen möchte. Stadt und MPI bieten hervorragende Bedingungen fürs Leben und Forschen.

Mit Herz und Bauch

Melina Schuh jedenfalls hat auf ein – zumal für eine Karriere-Mutter – ideales Forschungsfeld gesetzt, eines, das sich zudem mit Frauen und Kindern befasst und wo Grundlagenforschung zur Anwendung führen soll. Bei der Auswahl hat die strukturierte Frau auch auf Herz und Bauch gehört: „Man sollte als Wissenschaftler an Themen arbeiten, die man für spannend und wichtig hält, sich auch trauen, ganz neue Forschungsbereiche zu erschließen.“

Mehrere Preise abgeräumt

Die 38-Jährige ist schon im frühen Karrierestadium sehr erfolgreich, hat mehrere Preise für ihre Arbeiten erhalten. Über diese Ehrungen spricht sie nicht, sondern schwärmt lieber über ihr „junges, tolles Team mit Mitarbeitern aus zwölf Nationen“, das sie seit 2016 am MPI leitet. „Ich gebe ihnen Freiraum und die Möglichkeit, etwas in der Gruppe zu entwickeln.“ Schuh ist eine nahbare Chefin – ohne Attitüde. Sie begegnet ihren Mitarbeitern auf Augenhöhe. Resultat: In der Meiose-Abteilung herrscht eine befruchtende Arbeitsatmosphäre. Vieles läuft glatt. Sie schafft es so, „am Wochenende nur selten im Labor zu sein“, um die Zeit mit der Familie zu verbringen.

Oft Kompromisse eingehen

Kompromisse muss sie aber oft eingehen, kann längst nicht alle Vorträge, Einladungen annehmen. Der Ehrgeiz muss zurückstehen. Schuh sagt das ohne Bedauern. „Ich habe mich früh entschieden, Kinder zu haben, Familie und Karriere zu verbinden. Das war mir sehr wichtig.“ Mit dem Mann, den sie seit der Abi-Zeit in Bad Pyrmont kennt. Dort wohnen die Großeltern, die auch als Betreuer für die Enkel einspringen.

Das Wunder Alltagsleben

Am Feierabend von Arbeit auf Kinder umzustellen, fällt manchmal schwer, ist eine Herausforderung. „Multitasking kann ich leider nicht besonders gut. Da muss ich besser werden.“ So kommt auch die sonst so ausbalancierte Karriere-Mutter an Grenzen. Wie neulich, als zu Hause alle krank waren. „Dann heißt es einfach nur durch!“, erzählt Melina Schuh vom ganz normalen Wahnsinn des Wunders Leben – das mit einer Chromosomen-Trennung beginnt. 

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