Streit um giftige Dämpfe in Flugzeugen

Göttinger Mediziner finden aggressive Stoffe in Blut und Urin von Vielfliegern

Schlechte Luft im Flugzeug: Flüchtige organische Verbindungen, die in heißen Flugzeugtriebwerken aus Kerosin und Ölen entstehen, könnten nach einer Göttinger Studie möglicherweise die Gesundheit schädigen. Betroffen ist vor allem das Flugpersonal. Foto: dpa

Göttingen. Benebelte Piloten, kranke Stewardessen. Sind wirklich giftige Dämpfe in Flugzeugkabinen dafür verantwortlich?

Möglicherweise – Mediziner aus Göttingen konnten erstmals Rückstände von aggressiven Stoffen im Blut und Urin von Vielfliegern feststellen.

Seit drei Jahren forschen die Wissenschaftler am Institut für Arbeitsmedizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) über die möglichen Verursacher. Das Team um Astrid Heutelbeck hat 140 Patienten, meist Flugpersonal, untersucht. Sie fanden in Blut- und Urinproben flüchtige organische Verbindungen (VOC) und deren Abbauprodukte. Die VOC greifen Nerven- und das Herz-Kreislaufsystem an, führen zu Atemwegsreizungen. Sie könnten in heißen Flugzeugtriebwerken aus Kerosin, Ölen und Enteisungsmitteln entstehen, dann über undichte Stellen und in Turbinen angebrachten Luftansaugvorrichtungen in die Kabinenluft gelangen.

So genannte Dunst-Ereignisse registriert das Bundesamt für Flugunfalluntersuchungen (BFU): Bei Maschinen deutscher Fluggesellschaften waren es in den vergangenen zehn Jahren 663 Fälle. Für Aufsehen sorgte Ende 2010 ein Zwischenfall in einem Germanwings-Airbus beim Landeanflug auf Köln. Pilot und Copilot setzten Sauerstoffmasken auf, nachdem sie scharfen Brandgeruch wahrgenommen hatten und ihnen übel geworden war. Sie konnten die Maschine sicher landen.

Ob die Übelkeit und anderen Krankheitssymptome von den Ausdünstungen verursacht werden, darüber wird seit Jahren spekuliert. Klar ist: Betroffen wäre zuerst das Bordpersonal. Das Risiko für die Passagiere erscheint geringer. Ob die nun gefundenen Stoffe tatsächlich verantwortlich für Erkrankungen sind, das ist unbekannt, sagt Astrid Heutelbeck. Aber die Göttinger Mediziner sind dem Zusammenhang nähergekommen. Das Krankheitsbild des umstrittenen aerotoxischen Syndroms soll nun genauer umrissen werden. Heutelbeck bemängelt auch, dass es für viele der gefundenen Substanzen keine Richtwerte für die Atemluft gebe. „Das sind alles Stoffe, die in Verbraucherprodukten verboten sind.“

Pumpen könnten helfen

Die Pilotenvereinigung Cockpit sieht jetzt Flugzeughersteller und die europäische Zulassungsbehörde EASA in der Pflicht. Mit der BFU-Studie im Rücken fordert der Verband technische Vorkehrungen, um gefährliche Dämpfe in Flugzeugkabinen zu vermeiden. Die gab es bereits früher in Düsenjets. Aber die Extra-Pumpen wurden eingespart – aus Gewicht- und Kostengründen.

Die Mediziner haben noch andere Sorgen: Sofern keine technischen Berichte über die Zwischenfälle vorlägen, würden oft schon nach wenigen Tagen Leistungen für Heilverfahren eingestellt und ausstehende Laborergebnisse nicht mehr abgewartet. (dpa/tko)

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